Cavalcare la Tigre IV

By Mcp

4. Von den Vorläufern bis zu der Generation der »Halbstarken« und der »Protestler«

„Kein Gott hat je dem Menschen Fesseln angelegt. Nicht nur der göttliche Despotismus ist reine Phantasie, sondern auch in großem Maße der Despotismus, auf den gemäß der aufklärerischen Interpretationen die Struktur der Welt der Tradition – eine Struktur, die von oben gegeben und nach oben ausgerichtet ist -, das System ihrer Hierarchie, die verschiedenen Formen legitimer Autorität und geheiligter Macht zurückzuführen ist.“

Diese Sätze hält Evola jenen, vom zeitgenössischen Nihilismus inspirierten, geistigen Strömungen entgegen, die jeden Niedergang, als etwas Positives begreifen, ihn als Emanzipation, geistigen Fortschritt und wahren Humanismus feiern. Aufklärung, Liberalismus und Historismus, zunächst noch, bei Hegel, idealistisch verbrämt, mit Marx dann endgültig in seiner materialistisch Form hervortretend, sind unter der Losung „Gott ist tot“ zum Generalangriff auf jenen Typus Mensch angetreten ist, der in der Tradition lebte, dessen Existenz folglich „nach oben“ ausgerichtet war und „der seither nahezu vollständig verschwunden ist“. Der Bruch, zunächst noch auf den kategorischen Imperativ Kants, also die Moral, beschränkt, hat sich längst auf die „ontologische und existentielle Ebene“ ausgedehnt und die Tradition steht im Begriff, „jede Bedeutung im Geltungsbereich des allgemeinen und alltäglichen Bewusstseins zu verlieren“.

Im Grunde hat die westliche Welt das geistige „Opium für das Volk“ (Marx meint die Religion) durch eine Vielzahl realer Drogen ersetzt, um jene traumatisierende Sinnlosigkeit zu betäuben, die sich nach dem Bruch mit der Tradition, ein auf „sich selbst zurückgeworfenes Leben“ unvermeidlich offenbart.

Mögen die verschiedenen Strömungen zunächst noch mit einem sozialen, anarchischen, humanitären oder emanzipatorischen Anspruch angetreten sein, so wurden sie nach und nach von dem ihnen immanenten Nihilismus selbst überwältigt und ihres revolutionären Anspruches genauso beraubt, wie sie Gott um den seinen brachten. Denn mit Gott ist auch jeglicher Sinn gestorben, selbst der, gegen oder für etwas irgendetwas zu kämpfen.

„In den früheren Formen des Aufstands – selbst noch im utopischen Anarchismus – bestand die Überzeugung, man habe eine gerechte Sache zu verteidigen, sei es um den Preis völliger Zerstörung und des Opfers des eigenen Lebens. Der Nihilismus bezieht sich hier auf die Negation aller Werte der Welt und der Gesellschaft, gegen die er sich richtete, und nicht auf die Negation der Werte, die Auftriebskraft dieser Revolte waren. Heute bleibt nur noch der Aufstand als reine Form übrig, als die irrationale Revolte der Rebellen ohne Banner.“

Nachdem der erste Weltkrieg eine Reihe alter Werte zerfetzte, es gab im Europa danach keine Selbstherrscher mehr, begann sich in der Zwischenkriegszeit die „Endform des Nihilismus“ auszubreiten, obgleich er im Dadaismus und Surrealismus zunächst nur kleine Blüten trieb.

Aber schon hier kündigten sich jene Motive an, welche die spätere Jugend- und Protestkultur so vollständig beherrschen sollten.

„Sein Streben bestand darin, in chaotischen Formen ein Leben darzustellen, das von jeder Rationalität, von jeder Bindung, von jedem Zusammenhang befreit ist. Man forderte die Hinnahme und die Verherrlichung des Absurden, des Widersprüchlichen, des Sinn- und Zwecklosen an sich.“

Der zweite Weltkrieg schließlich zertrümmerte die Reste der alten Ordnung Europas vollständig und nachhaltig, ohne jedoch einen geistigen Ersatz für die vernichtenden Werte zu schaffen.

Was folgte, waren die „Teddy-Boys“, die „Halbstarken“, die „beat generation“, die „Hippies“, die „Hooligans“, die „Hippsters“ und wie die Subkulturen noch alle heißen mögen. Die Unterschiedlichkeit ihrer äußeren Formen verdeckt die innere Leere ihrer Ansichten, die sich ähneln:

„Es herrscht »der wortlose zerstörerische Zorn«. Oder, wie es Norman Phodoretz einmal anders sagte, die Verachtung für »das unbegreifliche Gesindel an Menschen, denen es gelingt, sich ernsthaft für eine Frau, eine Arbeit oder ein Haus zu begeistern«. Die Absurdität des für normal Geltenden, der »organisierte Irrsinn der normalen Welt« erschien den Hipsters eben im Klima der Industrialisierung und sinnloser Aktivität trotz aller Errungenschaften der Wissenschaft nur desto deutlicher.“

Alkohol, Sex, Negermusik, Geschwindigkeit, Drogen ja sogar Handlungen, die den Charakter grundloser Verbrechen (Charles Manson) trugen, die Mittel, die man benutzt, um mit übertriebenen Empfindungen die Leere des Lebens zu ertragen.

[wird fortgesetzt]

Quelle: Julius Evola; Cavalcare la Tigre; ISBN: 978-3-934291-22-5

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2 Antworten zu “Cavalcare la Tigre IV”

  1. KJ sagt:

    Andererseits ist doch aber interessant, dass Evola, so wie ich ihn verstehe, im Grunde eben keinen Gottesbegriff hat, maximal einen pantheistischen, der ja aber an sich kein Gottesbegriff ist.

    Die Schlußfolgerung, dass vieles was heute geschieht, dem Ausfüllen der Leere geschuldet ist, ist offensichtlich richtig. Doch sind die Versuche nichts anderes, als ein Haus auf Sand zu bauen.

  2. Mcp sagt:

    Der Traditionalismus hat tatsächlich keinen Gottesbegriff oder doch und besser, er ist nicht ursächlich christlich. Traditionen haben alle Kulturen und Religionen, das Gemeinsame und Allgemeine daran zu finden, ist die Aufgabe des Traditionalismus. Es gibt anthropologische Konstanten, die sich durch jede Kultur und jeden Glauben ziehen.

    Ja, hier stimme ich zu, das ist eine Herausforderung für unseren Glauben. Aber ich nehme sie freudig an. Denn er, der Traditionalismus, zeigt das der Glaube eine anthropologische Konstante ist, und die Glaubensinhalte, wie ihre Symbolik beweist, letztlich so unterschiedlich nicht sind. Damit wäre der schwere Teil der Arbeit getan. Jetzt kommt es nur noch darauf an, die Menschen davon zu überzeugen, dass Jesus katholisch war. Das genau aber, und hier hadere ich mit meiner Kirche, ist Aufgabe der Mission.

    Wenn ich also den Traditionalismus studiere, weiß ich an was und woran andere Menschen glauben, so kann man darauf eingehen. Die Stärke des Christentums war die Assimilation fremder Gebräuche und Sitten. Und eben diese erfolgreiche Fähigkeit scheint Katholizismus abhandengekommen zu sein. Deshalb ist Evola wichtig. Er ist ein Pontifex, ein Brückenbauer. Obwohl Heide. Aber wenigstens kein Ketzer.

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