Was ist Traditionalismus?

By Mcp

Bevor ich mit Serie zu Evolas „Calvalcare la Tigre“ fortfahre, möchte ich einige erklärende Bemerkungen zum Traditionalismus loswerden, da es offensichtlich Irritationen hinsichtlich der Einordnung dieser Disziplin in die Geistesgeschichte gibt.

Der Traditionalismus wird in der Regel von zwei Seiten angegriffen. Von linken Atheisten oder säkularisierten Abendländern, mit der Behauptung er wäre esoterisch oder mystisch, während die Christen zumeist vermuten, dass er wäre heidnisch. Beide Behauptungen sind falsch.

Gegenstand des Traditionalismus im weiten Sinne ist die Kultur, die auf jenem Kulturbegriff ruht, der vom „Kult“ herrührt und nicht jenem, spezifisch deutsche, wie ihn die Romantik prägte und wie er bis heute im deutschen Sprachraum gepflegt wird.

Kultur also als Summe von Kulten, Riten, Initiationen, Gebeten, Weihen, Symbolen und Trachten, kurz jenen Handlungen, typischen Mustern und Kleidung, die früher, mehr oder weniger, das Denken, das Handeln, also den Alltag bestimmten. Noch Herodot verwandte viel Zeit auf die Beschreibung solcher bunten Völkerschaften, die damals zu hauf um das Mittelmeer siedelten.

Wenn wir hier den Gegenstand des Traditionalismus umrissen haben, so ist wohl klar, dass dem spenglerischen „Weltstadtmenschen“ solches Wissen schwer zu vermitteln ist, hat er sich doch fast vollständig von der Tradition gelöst, verläuft heute das Leben in Tokio nicht anders als im deutschen Berlin. Tradition tritt ihm höchstens noch als touristische Folklore entgegen, an deren Formenvielfalt und Farbenpracht er sich bestenfalls berauscht, deren Sinn er aber nicht mehr zu greifen vermag.

Dass zum Gegenstand der Untersuchung, die der Traditionalismus über alle Kulturkreise hinweg anstellt, auch die Esoterik, Voodoo, Mystik und andere, heute exotisch anmutender „Aberglauben“ gehört, versteht sich dabei von selbst. Doch ist der Traditionalist sowenig dadurch Esoteriker, dass er die Stellung dieses Glaubens innerhalb einer Kultur untersucht, wie ein Arzt nicht deshalb krank wird, nur weil er einen Kranken heilt und pflegt. Das einige Ärzte sich an der Krankheit ihrer Patienten anstecken, ist das ihr Berufsrisiko, welches sie mit dem Traditionalisten teilen. Natürlich gibt es Traditionalisten, die sich beispielsweise der Mystik oder dem Islam zuwenden, dann jedoch sind sie keine Traditionalisten mehr, sondern Mystiker oder Islamisten.

Wenn Evola in den europäischen Kulten und Religionen ähnliche oder die selben Muster findet wie sie indischen, asiatischen, griechischen oder ägyptischen Kulturen auftauchen, macht er nichts anderes als ein Anthropologe, der in allen Kulturkreisen, derer er habhaft zu werden vermag, nach anthropologische Konstanten forscht und, bei allen vordergründigen Unterschieden, immer wieder fündig wird. So gibt es praktisch keine Kultur, die auf Tanz und Gesang als Ausdruckmittel verzichtet und diese Formen haben sich praktisch gleichzeitig und unabhängig voneinander in jeder Kultur entwickelt.

Der Ansatz der Anthropologie jedoch ist ein biologischer, während der Ansatz des Traditionalismus die Ideengeschichte ist, die sich in alten Schriften, überlieferten Mythen und uralter Symbolik niedergeschlagen hat. Im Unterschied zur modernen Wissenschaft, die a priori jede alte Idee unter den Verdacht des Aberglaubens stellt und kaum gewillt ist, in die Tiefe dieser Gedankenwelt einzutauchen, nimmt der Traditionalismus die Gedanken der Vorvorderen ernst und versucht diese nachzuvollziehen. Auch deshalb würde kein Traditionalist erklären, dass die Ideegebäude der Esoterik und andere Mythen auf reinem Aberglauben ruhen. Dass diese Haltung zur Verwechslung mit „echten“ Esoterikern führt, ist klar, aber, wie bereits eingangs erwähnt, grundfalsch.

Ein Wort noch zum Verhältnis von christlichen Glauben und Traditionalismus. Der Traditionalismus ist keine Religion und keine irgendwie geartete Theologie, von daher kollidiert er weder mit dem Christentum, noch mit anderen Religionen. Der Traditionalismus akzeptiert das Vorhandensein einer „oberen Welt“, allerdings ohne diese zu spezifizieren, sondern er zeigt auf, wie sich der Glaube an höhere Wesen in verschiedenen Kulturen äußert und untersucht eventuell vorhandene Gemeinsamkeiten. Es gibt jüngst, offenbar sogar geduldete Versuche, Evolas Erbe dem Islam einzuverleiben, wobei sich die ausgeprägt antimoderne Grundhaltung des Traditionalismus als starkes Vehikel erweist. Religion und Tradition sind weder Widerspruch, noch Antipoden. Sie bildeten über die Zeitalter hinweg eine Symbiose und auch daran hat sich bis heute nicht geändert.

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Eine Antwort zu „Was ist Traditionalismus?“

  1. KJ sagt:

    Sehr interessant, vielen Dank.

    Wobei nun Evola schon heidnisch oder was auch immer – jedenfalls nicht christlich oder sonstwie monotheistisch/theistisch – war, da beißt die Maus keinen Faden ab, wie sich mir die Dinge erschließen.

    Das Unternehmen „Traditonalismus“ als solches erscheint mir aber ausgesprochen interessant, auch Evola.

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