Zahl und Moral

By Mcp

In einer Welt, die alles in Geld zerlegt und in der Mammon Zahl ist, die nur mehr anerkennt, was sich rechnen lässt und allem anderen die Existenz deshalb streitig macht, weil die Mächtigkeit ihrer Messmethoden nicht ausreicht, um sie zu erfassen, kann die Frage nach einer mathematischen Moral eigentlich nur von einem eingefleischten Atheisten kommen, der selber nur an Zahlen glaubt, aber nicht wirklich rechnen kann. Indes, Mathematik ist eine lockere christliche Übung. Christen haben die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, bereits berechnet, bevor Atheisten wussten, was Infinitesimalrechnung überhaupt ist.

Ist Moral berechenbar? Kann man das Gute auf Heller und Pfennig berechnen? Und die Verluste, die das Böse beibringt? Die Frage ist nicht, ob wir Christen es wollen, sondern nur, ob wir es können. Natürlich können wir und das schon seit über 2000 Jahren, denn den ersten, aber nicht letzten Hinweis, liefert uns schon Aristoteles:

„Alle künstlerische und alle wissenschaftliche Tätigkeit, ebenso wie alles praktische Verhalten und jeder erwählte Beruf hat nach allgemeiner Annahme zum Ziele irgendein zu erlangendes Gut. Man hat darum das Gute treffend als dasjenige bezeichnet, was das Ziel alles Strebens bildet.“
Quelle: Aristoteles; Nikomachische Ethik; 1. Kap.

Nikomachische Ethik 1. Seite

Nikomachische Ethik; 1. Seite

Was ein „zu erlangendes Gut“ ist, weiß jeder Pfeffersack. Die Treue ist ebenso Gold wert, wie man die Ehre abkaufen kann. Wer sie für unverkäuflich hält, verlangt bloß einen Preis, den niemand zu zahlen bereit ist. Selbst das Erhabene, verrät durch den Wortstamm „haben“, die Art seiner Herkunft. Der heilige Thomas nennt Caritas Teuerliebe: wir lieben das, was uns teuer ist, was wir teuer erkaufen müssen und er meint dies ausdrücklich nicht allegorisch. Denn in der Abhandlung über das Wesen der Nächstenliebe im Verhältnis zur Freundschaft unterscheidet drei Arten der Letzteren: Die Freuliche, die Nützliche und die Ehrenmaßliche. Wobei alle auf Vorteil beruhen und nur solange wirken, solange ein Nutzen besteht. Wer es nicht glaubt, weil es zu „ökonomisch“ ist, kann es in der „Summe der Theologie“ nachlesen: 3.Buch; Der Mensch und das Heil; 23. Untersuchung; Erster Artikel; Ist Caritas Freundschaft? Erst die Moderne hat die einst klaren Begrifflichkeiten verkitscht.

Maß und Mitte, die beiden zentralen Kategorien Nikomachischer Ethik, sind der Mathematik nicht unbekannt. Um das Maß zu finden, muss man es an Grenzwerten eichen. Es liegt im Wesen der Logik ¬(p und ¬p), dass man jede Notion verneinen kann (Satz vom ausgeschlossenen Dritten). Die Negation bezeichnet das logische Gegenteil des Begriffes. Gesucht wird dann die mathematische Mitte zwischen beiden extremen Definitionen. Konkret beschreibt dies Aristoteles so:

„Wenn für jemand zehn Pfund zu essen zuviel, zwei aber zuwenig sind, so wird ihm der Leiter in der Ringschule nicht gerade sechs Pfund vorschreiben; denn möglicherweise ist auch dies noch für denjenigen, der es bekommen soll, zuviel oder zuwenig. Für einen Milo wäre es zuwenig, für einen, der mit den Übungen erst beginnt, aber zuviel. Ebenso ist es mit Lauf und Ringkampf. Und so meidet denn jeder vernünftige Mensch das Zuviel und das Zuwenig und sucht dagegen die Mitte herauszufinden, und für diese entscheidet er sich; die Mitte aber, das heißt hier nicht die der Sache, sondern das Mittlere in bezug auf uns.“
Quelle: Aristoteles; Nikomachische Ethik; 1. Teil; 3. Kap.

Die moderne Ernährungswissenschaft liefert uns heute aufs Komma genau, das uns zuträgliche Maß der Ernährung. Glaube keiner, er könne die Ernährungsethik dauerhaft auf den Kopf stelle, weil ihn dann irgendwann entweder die Magersucht oder überbordete Fettleibigkeit zu schaffen machen wird. Tugend, Moral und Ethik, dass lässt sich an diesem Beispiel zeigen, sind keine beliebigen oder relativistischen Grundsätze, die wir nach Gutdünken definieren können.

Das hier beschriebene ist eine einfache Anwendung zum finden des rechten Maßes. Es geht auch komplizierter. Selbst Treue oder Ehre können als mathematische Konstanten in eine moralische Simulation einfließen. So lässt sich mit Hilfe der Spieltheorie zeigen, dass die scheinbar veraltenden und überkommenen Moralvorstellungen, durchaus sinnvolle Verhaltensmuster sind, die einem, in einer Gruppe sozial agierendem, Individuum erhebliche Vorteile verschaffen können. Natürlich nicht in jedem Einzelfall, nach dem Gesetz der großen Zahlen indes sind die Vorteile signifikant nachweisbar.


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