Gestern Morgen, am Frühstückstisch, fragte mich mein mittlerer Sohn was den ein „Teilchenbeschleuniger“ sei. Nach kurzem überlegen erklärte ich ihm die Funktionsweise so: Er solle sich einen Urmenschen mit einer Steinaxt bewaffnet vorstellen, der sich die Frage stellt, was passiert, wenn er mit seinem Werkzeug kräftig auf einen Stein einschlägt. Tut er es, wird er feststellen, dass der Stein in Stücke springt. Wiederholt er diesen Versuch mit einem anderen Stein, bemerkt er irgendwann, dass es deshalb verschiedene Steine geben muss, weil einige in viele kleine, andere hingegen nur in wenige, dafür aber große Brocken zerfallen. Nun kann er beginnen, die Steinarten nach der Härte zu klassifizieren, die diese seinem Schlag entgegensetzen, wird also, irgendwann und nach vielen Versuchen, den „Sandstein“ vom „Granit“ unterscheiden. Er hat Wissen gewonnen, welches er nutzen kann. Zum Beispiel indem er bemerkt, das ein Feuerstein nicht nur Funken schlägt, sondern die Bruchstücke auch ziemlich scharfe Kanten haben, die sich vorzüglich dazu eignen, Fleisch oder Felle zu schneiden.
Genau wie der Urmensch, erklärte ich weiter, machen es die Forscher im CERN. Sie schlagen mit einem sehr kleinen „Stein“, welches sie nun Teilchen nennen, auf ein anderes Teilchen ein, zählen die Stücke die beim Zusammenprall entstehen, untersuchen die Eigenschaften der Trümmer und hoffen dabei irgendwann einmal genauso schlau zu werden, wie ihre Urahnen es mit dem Feuerstein bereits waren. Am Prinzip jedenfalls, hat sich seit der Steinzeit nichts verändert, nur das Steinbeil ist heute teurer.
Ich weiß nicht, ob der Junge die Erklärung verstanden hat, aber er sah hinterher sehr nachdenklich aus.
Schlagworte: Big Bang, CERN, Forscher, Forschung, Steinaxt, Teilchenbeschleuniger, Urkanll
September 10, 2008 um 7:55 |
Dazu ein interesantes Interview in der Technology Review:
http://www.heise.de/tr/Man-muss-ja-einen-konkreten-Zweck-angeben-koennen–/artikel/110585
Technology Review: Herr Hedrich, wenn man die Physiker fragt, was sie sich vom LHC erhoffen, so wird als erstes die experimentelle Bestätigung des Higgs-Bosons genannt. Ein milliardenteures Experiment, nur um ein Teilchen zu finden, dessen Existenz sowieso alle annehmen?
Reiner Hedrich: Man muss ja einen konkreten Zweck angeben können, wofür man das Geld ausgeben will. [...]
September 10, 2008 um 8:26 |
Jo. Danke. Das ist ein sehr interessantes Interview, dass sich einige Wissenschaftsgläubige einrahmen sollten. Vor allem was hier über das Verhältnis von spekulativer und empirischer Physik angedeutet wird, sollte sich mancher hinter die Ohren schreiben der zuviel Hawkins gelesen und zuwenig Physikbücher gewälzt hat.
Auch die Aussage „Die Superstringtheorie muss stimmen, weil ich ihr zwanzig Jahre meines Berufslebens gewidmet habe…“, trifft den Nagel auf den Kopf. Nicht nur in Bezug auf die Stringtheorie, sondern auf jede andere wissenschaftliche Theorie auch. Es sind allesamt Theorien, die sich auf empirische Beobachtungen stützen, die man entweder so oder eben auch ganz anders interpretieren kann. Mein Paradebeispiel in solchen Diskursen war immer Paracelsus, der zwar die moderne Medizin begründet hat und fortschrittliche Heil- und Behandlungsmethoden entwickelte, dessen medizinische Theorien dazu aus heutige Sicht eher kurios wirken.