Frühes Beispiel einer misslungenen Integration

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Zum Ende des Römischen Reiches, also mitten in der Völkerwanderung, gingen die Kaiser dazu über, ganze germanische Stämme in ihren Dienst zu nehmen, um die aus dem Osten nachdrängenden Völkerschaften militärisch abzuwehren.

Zunächst mussten die römischen Grundherren diese Stämme mit allem versorgen, was sie zum Leben brauchten. Das zog eine so unerträgliche Steuerlast nach sich, dass die römische Bürokratie auf Abhilfe sann. Man verfiel darauf, den ins Reich geholten Stämmen Land und Sklaven zuzuweisen, auf das sie sich selber mit allem Lebensnotwendigen versorgen. Dazu wurden die römischen Landbesitzer verpflichtet, zwei Drittel ihres Landes und ein Drittel ihr Unfreien an die „Migranten“ und neuen Herren abzutreten. Das heißt, dass die germanischen Barbaren in die Häuser der Römer einzogen und gar nicht daran dachten, ihre Lebensweise aufzugeben oder ihre Kultur zu verfeinern.

Der Bischof und Poet Sidonius, der zu Zeiten des burgundischen Königs Gundobads lebte, überliefert uns einen kleinen Spottvers, der ein Schlaglicht auf die Gefühle der autochthonen, also zivilisiert römischen Bevölkerung wirft:

Wie soll ich, wenn auch sonst wohlbefähigt, zum Liebesfest dichten, während ich unter den Haufen der Langhaarigen sitze, germanische Worte mit anhören und mit ernsthafter Miene die Lieder loben muß, die der gefräßige Burgunder singt, der sich das Gelock mit ranziger Butter gesalbt hat?

Brauche ich zu sagen, was meinem Gedicht die Kehle zuschnürt? Flüchtend vor der Barbarenleier mag Thalia, seit sie die siebenfüßigen Herren um sich sieht, vom Sechsfüßer (Hexameter) nichts mehr wissen.

Glücklich darf man deine Augen und Ohren, glücklich deine Nase preisen, der nicht schon am frühen Morgen zehn Apparate (Kochtöpfe oder Gurgeln?) ihren Knoblauch- und Zwiebelduft zurülpsen.

Über dich fallen nicht schon vor Tagesanbruch wie über einen alten Onkel oder den Gatten einer Kinderfrau eine Anzahl Giganten her, wie sie kaum die Küche des Alcinous durchfüttern könnte.

Aber schon schweigt die Muse und zügelt ihre paar Scherzverse, damit man es nicht etwa gar eine Satire nenne.

Der Hochmut kommt vor dem Fall. Bei den Worten manchen Kommentators, der sich auf diversen Seiten, über die „Musels“ auslässt, fühle ich mich an den Vers des Sidonius erinnert, wenngleich es den modernen pseudomoralischen Ausdünstungen an literarischer Qualität gebricht. Aber die Gefühle werden wohl aus denselben Quellen gespeist. Ein frühes Beispiel misslungener Integration. 476 setzten die „Migranten“ den römischen Kaiser, in dessen Diensten sie eigentlich standen, kurzerhand ab. Finis Imperium Romanum.

 

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