Lob der Anonymität

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Für eine Versachlichung in der Diskussion um Sperren für Internetseiten mit Kinderpornographie hat sich der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), Prof. Christoph Meinel, ausgesprochen. Zwar hätten praktisch alle technischen Verfahren zur Sperrung solcher Internetseiten Schwachstellen, doch werde zumindest die Schwelle für den Zugang deutlich erhöht, sagte der Professor für Internet-Technologien und -Systeme in einer Stellungnahme.

Quelle: idw; Internetwissenschaftler: „Sachlicher über Sperren von Internetseiten diskutieren“

Woraus gewinnt Meinel die Überzeugung, dass der Bürger Strafen für Meinungen akzeptiert? Aus Untersuchungen? Wohl kaum.

Gedruckte Medien sind nicht anonym. Hier kann jeder jeden verklagen. Ob mit Recht oder zu Unrecht spielt überhaupt keine Rolle. Das Risiko hoher Prozesskosten kann sich Normalmichel überhaupt nicht erlauben. Von den Produktionskosten ganz zu schweigen. Im Blätterwald ist die Mehrheit zum rezipieren verdammt, die Meinungsfreiheit eine geheuchelte Farce. Es ist die Freiheit einer Handvoll Meinungsmacher.

Dasselbe gilt für die Nichtanonymen im Internet. Dort tendieren die Produktionskosten zwar gegen null, doch die Gefahr verklagt oder abgemahnt zu werden steigt. Jeder der als Nichtanonymer gegen den Strich zu bürsten wagt, weiß genau, was gemeint ist. Der Zensor hat tausend Gesichter und das Wort ist längst nicht frei. Selbst der harmloseste Gedanke, kann in eine teure Grube fallen.

Jeder Zensor geht daher mit einem Anonymus schwanger. Mit jener Meinung, die er zu unterdrücken sucht. Je heftiger die Preßur, desto die heftiger Wehen. Actio et reactio. Es ist ein Naturgesetz. Das vermeintliche Recht auf das man sich dabei beruft, steht auf der Seite der stärkeren Kraft und es wechselt schnell den Besitzer, wenn sich die Waage zur anderen Richtung neigt.

Gutenberg raubte der Kirche die Hoheit über die Deutung der Heiligen Schrift. Die Folge war eine blutige Reformation. Seither kann jeder die Bibel auslegen, ohne dass die Inquisition ihn jagt. Was vorher strafbar war, hat das Buch nun erlaubt. Das Internet hat die Macht jener erschüttert, die sie damals der Kirche raubten. Das Volk hat die Herren beim hehren Worte genommen und die bloß feierlich deklamierte zu einer wirklichen Freiheit gewandelt. Der Anonymus übt seither genussvolle Rache und den bisherigen Herren schäumt das Maul vor ohnmächtiger Wut. „Versachlichen“ will Meinel die Debatte nur, um den alten, anheimelnden Status quo wieder herzustellen. Der existiert nicht mehr. Und sachlich ist die Debatte schon längst, nur der Professor hat’s noch nicht bemerkt.

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2 Antworten to “Lob der Anonymität”

  1. ypsilonminus Says:

    Das ist ein Super Beitrag. Von den vielen Beiträgen zu Meinel hat er mir bisher am besten gefallen.

    http://ypsilonminus.wordpress.com/2009/05/13/eine-sachlichere-diskussion/

  2. Eine sachlichere Diskussion? « Ypsilonminus das Blog Says:

    […] ganz besonders hervorgehoben sei hier das Lob der Anonymität von der Elektrischen Feder, die es wirklich glasklar auf den Punkt bringt. Possibly related posts: […]

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