Toleranz und Gottesfurcht

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Navid Kermani ist, so scheint es, ein gottesfürchtiger Mann. Der schiitische Iraner lebt in Köln und arbeitet als Schriftsteller und Publizist. Über den christlichen Glauben, genauer den Katholizismus, fällt er harte Urteile. Wie dies hier:

Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. Sie tun es ja höflich, viel zu höflich, wie mir manchmal erscheint, wenn ich Christen die Trinität erklären höre und die Wiederauferstehung und dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Der Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.
Quelle: NZZ Online; Bildansichten: Warum hast du uns verlassen?.

Jedes Wort trifft einen Christen ins Mark. Dies schreibt nicht irgendein Moslem, kein islamistischer Fundamentalist, sondern ein moderner, fast schon aufgeklärt zu nennender Schiit. Es klingt als ritte Konrad von Marburg wieder zur Ketzerjagt.

Ans Kreuz glauben, so meditiert er in Ansicht von Guido Reni „Kreuzigung“ in der römischen Basilika San Lorenzo, weiter, könne er, wenn das Leiden Christi vom „körperlichen“ ins „metaphysische“ überführt wären. Und: „Jesus leidet nicht, wie es die christliche Ideologie (sic! A.d.A.) will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?“

Der Text beweist, wie fragwürdig interreligiöse Dialoge sind. Glaube bedarf keiner Diskussion, denn dann wäre er höchstens Meinung. Kermani aber fällt ein Urteil, weil er glaubt. Dasselbe sei den Christen zugestanden. Hier gibt es nichts zu diskutieren. Nur zur Kenntnis zu nehmen.

Der hessische Kulturpreis geht aus diesem Grunde an Karl Kardinal Lehmann, den früheren Kirchenpräsident der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, und den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Salomon Korn. Nicht an den ursprünglich nominierten Kermani.

Ein „kleines deutsches Trauerspiel“, schreibt Lorenz Jäger dazu in der FAZ. „Ein Lehrstück über die gegenwärtige Lage der Idee einer toleranten, weltoffenen und zukunftsgewandten Perspektive der deutschen Gesellschaft“.

Jäger ist kein Christ. Wenn doch, dann glaubt er nicht. Denn er bleibt, ob Kermanis öffentlichen Urteil, unverwundet. Er sieht die Verletzung nicht einmal.

Mir graust vor so viel „weltoffener Toleranz“ in einer Welt, in der ein Christ für ein ähnlich harsches Urteil über den Islam hierzulande verfehmt und im Orient vermutlich gesteinigt würde. Die Fatwa über Salman Rushdie haben „Tolerschranzen“ wie Jäger längst vergessen. Obwohl sie noch gilt.

Jäger übt nicht die geringste Toleranz, er fordert sie vielmehr vom Kuratorium des Kulturpreises ein, aus Geringschätzung gegenüber ihren Entscheidungsgründen.

Die Intoleranz beginnt dort, wo man Toleranz fordert, statt sie zu üben.

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6 Antworten to “Toleranz und Gottesfurcht”

  1. Elsa Says:

    Ich hab das, nach einiger Zeit des Zögerns und Abwägens, schließlich doch deutlich anders wahrgenommen. Insbesondere, nachdem ich den kompletten Text von Kermani nachgelesen habe und dazu noch eine Stelle gefunden habe, die gerade der liberalen, dialogbeflissenen ökumenischen Lehmannkirche klar ein Dorn in der Seite sein muss.

  2. Muslima2002 Says:

    Warum kann Kardinal Lehmann nicht die Sichtweise von Navid Kermani verstehen, er ist ein Schiit, und schreibt über ein Bild.
    Er schreib über die Kreuzesdarstellungen allgemein und ist überrascht von der feinfühligen Darstellung des Bildes von Guiodo Renis Bild.

    Er schreibt seine Meinung, ohne zu beleidigen, er schreibt als Muslim, war können die Christen seine Einstellung gegenüber Kreuz verstehen. Es ist seine ureigenste Empfindung, und er schreibt auch: „Für mich aber ist das Kreuz ein Symbol, das ich theologisch nicht akzeptieren kann, akzeptieren für mich, meine ich, für die Erziehung meiner Kinder. Andere mögen glauben, was immer sie wollen; ich weiß es ja nicht besser.“
    Kann man das nicht akzeptieren. Er hat niemanden beleidigt und keine Religion nieder gemacht.

    • Mcp Says:

      Er kann, vermute ich, die Sichtweise Kermanis, aus dem gleichen Grund nicht verstehen, wie Kermani die Sichtweise Lehmanns nicht versteht. Der Grund liegt im Glauben, nicht im Verstehen.

  3. Muslima2002 Says:

    Im Koran heisst es:

    Es gibt keinen Zwang im Glauben. – Das heißt – wiederum für mich – dass ich zwar meinen Glauben erklären darf, darf ihn aber nicht aufdoktruieren und jemanden und Druck setzen, die Auffassung, die ich vom Glauben haben zu erzwingen.

    So kann man auch keinen Muslim dazu zwingen, auch nicht durch Aberkennung eines Preises, die Sicht der katholischen Kirche anzunehmen.

    So wie Kermani, akzeptiere ich Menschen anderen Glaubens.
    Und spannend ist es, sich im Dialog mit der andren Sichtweise auseinander zu setzen.

    Warum kann man das als gebildeter Mensch nicht leben. Ich verstehe das nicht.

  4. Dialog mit Lehmann und Steinacker? Says:

    Normalerweise würde ich ja mit den Marx Brothers sagen, in einem Verein, der Leute wie mich aufgenommen hat, kann ich nicht bleiben.
    Danke Herr Steinacker, danke Herr Lehmann! Ich habe mir einmal näher angesehen, was diese beiden für Figuren sind. Vielleicht haben sie sich nicht zuletzt auch an der Islam- und Schia-kritischen Haltung Kermanis gestört?
    Auch habe ich einmal Luthers Heidelberger Disputation gelesen, eine große Bildungslücke. Selbstverständlich auch den NZZ-Artikel Kermanis.

    Ich trete aus der evangelischen Kirche demnächst aus. Allerdings sicherlich nicht in die katholische ein. Beider scheinheilige Ökumene kann mir gestohlen bleiben. Wären sie sicher in ihrem Glauben, könnten sie von keinem Angriff der Welt auf das Symbol desselben getroffen werden. Das ist dasselbe Niveau wie das der Mohammed-Karikaturen-„Opfer“.

    Auch werde ich mir erlauben, dem Islam – trotz allen Respekts vor seiner Kunst – fernzubleiben.

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