Liberales Gesäusel

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Es mag uns postmodernen Liberalen, die sich selbst gern für ihre Toleranz gegenüber allen möglichen Lebensformen rühmen, nicht gefallen: Aber was Ramadan hier expliziert, entspricht exakt dem liberalen Programm. Unsere freiheitliche Grundordnung verlangt von allen BürgerInnen, die Lebensweise anderer hinzunehmen und im passiven Sinne zu tolerieren, solange sie Dritten nicht schadet; wir sind allerdings nicht verpflichtet, sie gutzuheißen.

Derselbe Grundsatz, der noch dem konservativsten Muslim auferlegt, sich Homosexuellen gegenüber fair zu verhalten, verlangt von uns Judith-Butler- oder Adrienne-Rich-geprägten Feministinnen, auch demjenigen Muslim fair zu begegnen, dem sich beim Gedanken an Sex unter Frauen oder unter Männern der Magen umdreht.

Nicht nur dem Muslim, übrigens. Es gibt genug nicht gläubige Deutsche, deren Sexualmoral hinsichtlich Schwuler und Lesben in den Fünfzigerjahren stehen geblieben ist; wir müssen damit leben, dass die katholische

Quelle: taz.de; Kolumne von Hilal Sezgin: Gläubig ohne Verrenkungen

Das liberale Gesäusel von der Anerkennung anderer Lebensweisen, die man freilich nicht billigen müsse, ist reine Augenauswischerei. Wer Homosexualität nicht billigt, wird längst stigmatisiert, ausgegrenzt, in einigen fällen sogar schon gerichtlich verfolgt[1][2]. Im Grunde zielt dies darauf ab, jede homophobe Äußerung unter den Vorwand der Verbreitung von Hass zu unterdrücken. Erneut soll schon eine Meinung und nicht mehr die Tat zum Straftatbestand erhoben werden.

Warum sollte ausgerechnet Homophilie angeboren und untherapierbar sein, Homophobie hingegen nicht? Hat der Homophobe kein Recht auf „Outing“, kein Recht sich öffentlich zu seinen Gefühlen oder Neigungen zu bekennen? Sie öffentlich auszuleben, nach den Motto Wowereits: Ich bin Homophob und das ist gut so.

Der brasilianische Präsident Lulu hat, glaubt man den Quellen, die Argumentation mit der man früher die Schwulen verfolgte, flugs auf am Kopf gestellt: Homophobie bezeichnete Lula als „widernatürlichste Krankheit, die den menschlichen Kopf befallen hat“ [3] und rückte sie damit in die Nähe einer Geisteskrankheit. Lulu ist zu klug, um nicht zu wissen, was er damit in Gang setzt. Die Kriminalisierung und Verfolgung der Homophoben, denjenigen also, denen sich beim Gedanken an Sex unter Frauen oder unter Männern der Magen umdreht und für die schon die Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe den Tatbestand sexueller Belästigung erfüllt.

Den empörten Aufschrei unserer liberalen Toleranzen habe ich vermisst und vermisse ihm immer noch. Wer Toleranz fordert, so lernen wir erneut, ist noch lange nicht bereit sie auch zu üben. Der scheut nicht davor zurück, die geforderte Duldsamkeit einer Lebensweise mit Gewalt durchzusetzen. Man ist so liberal.

[1] Queer.de; England verbietet Homophobie im Stadion
[2] Queer.de; Homophobie: Fußballfans bestraft
[3] Queer.de; Lula: Homophobie ist widernatürliche Krankheit

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4 Antworten to “Liberales Gesäusel”

  1. Johannes Says:

    Bitte korrigieren:
    Den empörten Aufschrei unserer liberalen Toleranzen habe ich vermisst und vermisse ihm immer noch. Wer Toleranz fordert, so lernen mir erneut, ist noch lange nicht bereit sie auch zu üben. Der scheut nicht davor zurück, die geforderte Duldsamkeit einer Lebensweise mit Gewalt durchzusetzen. Man ist so liberal.

    so lernen wir (statt mir) erneut

  2. Vinneuil Says:

    Die ganze Begriffsprägung „homophob“ ist ein Unfug sondergleichen. Man will damit ein völlig natürliches Empfinden pathologisieren. Nur weil man tolerant ist, muß man die Tolerierten noch lange nicht mögen…

  3. Liberales Gesäusel « Abfahrtslauf Says:

    […] [Artikel lesen] […]

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