„Tue Gutes und schweige darüber!“

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Ein Plädoyer gegen Unternehmenssponsoring als Einfallstor für Korruption

Von Peter Parey

Sponsoring und Spendenbereitschaft von Unternehmen genießen in der spätkapitalistischen Gesellschaft ein hohes Ansehen. Geben gilt als gut. Politiker und andere Honoratioren des öffentlichen Lebens danken reihenweise und kniefällig für die Gaben, oder sollte man besser sagen, für die abgenagten odysseusschen Knochen von Unternehmern für vornehmlich kulturelle, soziale und sportliche Zwecke.

Der Spruch „Tue Gutes und rede darüber“ macht die Runde und alle stimmen ein, auch das Heer willfähriger Journalisten. Betrachtet man diesen Spruch und die dahinter stehende Praxis aber näher, stellt man fest, wie verlogen und abgefeimt das Ganze doch nur ist.

In der Chefetage eines fiktiven Unternehmens mitgehört: „Ich kaufe mir morgen bei diesen Blödianen vom Rathaus wieder billige Reputation. Eine bessere PR gibt’s doch gar nicht, als denen ein paar Brosamen hinzuwerfen, und dafür öffentlich prangende Werbetafeln und hochjubelnde Zeitungsberichte zu bekommen. Die merken gar nicht, wie sie verarscht werden und freuen sich noch darüber.“

Sponsoring und Spendentum sind gängige Praxis in der Ex- und Hop-Gesellschaft. Die Qualität der kulturellen Entwicklung war indes immer der anerkannte Ausweis für den Grad des Zivilisatorischen in der westlichen Welt. Wenn nun das pure Monetäre, das Effzienzheischende, das auf bloßen materiellen Nutzen Ausgerichtete mittels Sponsoring und Spenden in die ihr völlig wesensfremden Welten der Kultur und des Sozialen eindringt, dann stellt dies ein weiteres deutliches und bedenkliches Zeichen der Dekadenz der Spätmoderne dar.

Tue Gutes und rede darüber? Diese Leute tun doch vermeintlich Gutes, um darüber zu reden. Der Spruch müsste also ehrlicher lauten: Tue ach so Gutes, weil du darüber reden kannst. Oder andere darüber reden lassen kannst. Diese Leute handeln eben nicht uneigennützig, sondern verdecken mit ihren goldenen Schildern und den mit einem oberkieferbleckenden Grinsen hochgehaltenen Spendenschecks geradezu die Gegenstände der Kunst der Kultur – oder schlimmer noch – die Menschen im sozialen Brennpunkt, um die es sich ja eigentlich drehen sollte.

Gutes eigennützig zu tun ist a priori ein Widerspruch. Wenn „Tue Gutes und rede darüber“ richtig ist, müsste dann nicht auch das Pendant „Tue Schlechtes und rede nicht darüber“ richtig sein? Das Wort gut ist kein lautes, sondern ein leises Wort. Es steht für sich allein und braucht kein Tschingbumderassassa. Dieses macht es unglaubwürdig.

Wie wäre es, wenn man Gutes täte und einfach schwiege? Rar gewordene, anonyme Spender machen es vor. Manche von ihnen werden differenziertere Gründe für ihr Tun haben, aber es mag auch einige unter ihnen geben, die einfach nur aus innerem Anstand schweigen. Sie tun es privat. Gutes zu tun in der Gewissheit, es nicht honoriert zu bekommen, verkörpert Edelmut. Aber die gute alte Tugend des Edelmuts ist den „Edelmännern“ unserer Zeit beinahe vollends abhanden gekommen.

Der Manager, Geschäftsführer oder Vorstandssprecher hängt sich indessen irgendeinen teuren Alibischinken an die Wand seines gläsernen Büros, weil er ja als „kultiviert, als kunstinteressiert“ zu gelten hat im Fegefeuer der Eitelkeiten des heutigen Establishments. Im wirklichen Leben allerdings kann er kaum einen Renoir von einem Rousseau oder einem Ravel unterscheiden. So sind sie zwar wohlhabend, aber dennoch bettelarm. Nun profitiere die Gesellschaft ja von ihnen, lautet der Einwand. Dem ist entgegen zu halten:

Da die §§ 331 ff. StGB auch Vorteile umfassen, die Dritten gewährt werden, kann auch das Sponsoring oder die Spendengewährung wie zum Beispiel auch bei Parteispenden an öffentliche Körperschaften oder Parteien ein Einfallstor für Korruption sein. Sponsoring und Spenden erfüllen grundsätzlich den objektiven Tatbestand einer Vorteilsgewährung im Sinne der §§ 331 ff. StGB. So zitiert zumindest Wikipedia das Strafgesetzbuch. Sieh an: Sponsoring und Spendenpraxis als Einfallstor für Korruption.

Die unappetitlichste, aber auch unverhohlenste Variante des beschriebenen Deals zwischen Wirtschaft und Politik bzw. dem Vereinswesen wird auf dem Felde des Sports betrieben. Was früher einmal ein Fußballplatz war, nennt sich heute Allianz-Arena. Man fragt sich, ob auf dem Rasen da öffentlich Versicherungsverträge abgeschlossen werden. Nein, es ist nur die unheilige Allianz zwischen Wirtschaft, Sport und Politik, die so etwas möglich macht.

Am perfidesten jedoch ist jener Fall, bei dem ein Monopol offen den Staat gekauft hat. Unsere Fußball-Nationalmannschaft kickt jedenfalls in erster Linie für Mercedes-Benz und nur nebenbei auch noch für das Land, scheint es. Das große Sternsymbol auf der Brust überlagert die Nationalfarben. Unser Land und sein Sport haben sich verraten und verkauft – an irgendwelche Autobauer. Und Leute wie der Auto- und Fußballkanzler Schröder und seine Nachfolgevasallen klatschen noch Beifall.

Offener wurde noch nirgends zugestanden, wer in diesem Lande die wirkliche Macht hat und welch schmierige Verquickungen damit einher gehen. Es ist ein Unterschied, ob Profifußballer eines Vereins wie Litfassäulen über den Platz rollen, oder ob sich ein Land, ein Staat, eine ganze Nation dermaßen erniedrigt, sich zum offiziellen Marktschreier, zum elenden Megaphon für ein Unternehmen zu machen. Hat ein TV-Moderator den Mut, das nächste Spiel als „Mercedes gegen England“ anzukündigen? Vom öffentlich-rechtlichen ZDF wird ein solcher wohl kaum kommen. Und vom privaten Fernsehen schon gar nicht.

Inzwischen ist die unlautere Vermischung von Wirtschaft, Kultur, Sport und Sozialem schon so weit fortgeschritten, dass man von einer Verwässerung des gesamten Systems, von einer damit einhergehenden Verwahrlosung sprechen kann. Wir verkommen. Politik, Sport, Kultur- und Sozialbetrieb sowie Vereine werden gekauft, um sie gefügig zu machen und den kalten Interessen der Wirtschaft zu dienen. Die Medien betreiben diesen Zirkus mit devoter Verve mit und heizen ihn noch an.

Man sagt, einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul. Was aber, wenn der Gaul gar nicht „nur“ geschenkt ist, man sich abhängig vom Schenkenden macht, und dieser mit seiner Tat lauthals herumprahlt? Wenn das „laut, schnell und mehr“ das „leise, langsam und nachdenklich“ vereinnahmt? Wenn diese ganze Praxis doch schon längst Staatsräson ist? Dann muss man konsequent die Frage stellen: Warum stellen wir eigentlich nicht gleich einen riesigen Mercedes-Stern auf das Kanzleramt? Dann müssen wir offen und öffentlich zugeben, dass wir nicht in Deutschland, sondern in Mercedes-Benz oder in der Deutschen Bank zu Hause sind. Ein Schreckensszenario.

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2 Antworten to “„Tue Gutes und schweige darüber!“”

  1. Mcp Says:

    Der geschenkte Gaul ist das trojanische Pferd.

  2. Don't care Says:

    In unserer frechen, vorlauten, angeberischen, grosskotzigen, wichtigheimerischen, marktschreierischen Zeit sollten sich ’ne Menge der Protagonisten unseres „Zeitgeistes“ mal ab und zu der alten Weisheit erinnern, die da lautet: „si tacuisses, philosophus mansisses“.

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