Das kleinere Übel

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Die Vorstellung, die Nation sei praktisch durch die „Atlantische Doppelrevolution“ kreiert worden, in Frankreich habe sich das Volk mittels Gesellschaftsvertrag selbst erfunden und die USA seien als multiethnische, multikulturelle, multirassische Demokratie gedacht gewesen, das alles gehört bloß zu den „conventionellen Lügen der Cultur-Menschheit“ (Max Nordau), mit den historischen Fakten hat es nichts zu tun.

Quelle: Sezession im Netz; Endstation Vaterland

Der Nationalismus ist ein Kind der Aufklärung. Ein Gegenentwurf zur ständischen Staatsauffassung mittelalterlicher Denker, die sich auf Platon und Aristoteles beriefen. Die „Nation“ ist eine Idee, mit der die Neuzeit schwanger ging, die in der Pariser Gosse das Licht der Welt erblickte und die dazu diente, dem Pöbel die neuen Pflichten schmackhaft zu machen, die ihm seine neuen Herren aufzubürden gedachten. Keine allgemeine Wehrpflicht ohne das nationalistische Geschwafel von der „Grand Nation“. Das Individuum wurde allein durch die Tatsache seiner Geburt unter das Joch einer ominösen politischen „Gemeinschaft“ gezwungen, zu deren „Wohl“ er die Interessen seines eigenen Fleisches und Blutes zu opfern hatte. Das ist die glatte Verkehrung der rousseauschen Idee vom Gesellschaftsvertrag und die Wiederherstellung alter Knechtschaftsformen im neuen Gewand. Der „moderne“ Staatsbürger gleicht eher einem römischen Staatssklaven (Fiskalsklaven), die sogar zu Legaten aufsteigen konnten, denn einem freien Mann.

Das Konzept blieb den Deutschen über lange Zeit fremd, obwohl es nicht an Nachahmern mangelte. Der erste nationale Eifer entfachte sich in den Befreiungskriegen gegen die französische Fremdherrschaft, es blieb ein Strohfeuer, dass auch die Schwätzer in der Frankfurter Paulskirche von 1848 oder die protestantischen Burschenschaften nicht neu zu entfachen vermochten. Es blieb ein Projekt des schwächlichen intellektuellen Bürgertums, dass auch deshalb keine Massenbasis fand, weil sich im vierten Stand kommunistische und sozialistische Phrasen breitmachten.

Bismark war kein deutscher Nationalist, sondern Preuße. In Versailles wurde kein deutscher Nationalstaat proklamiert, sondern ein neues Reich mit einem preußischen Hegemon. Ein Rumpfstaat freilich, der große Teile des HRRDN ausschloss, weil sich Bismark nach Königgrätz weigerte, in Wien einzumarschieren.

Der erste deutsche Nationalstaat, der sich 1918 konstituierte, wurde von nicht wenigen Zeitgenossen als aufoktroyiertes Siegerkonstrukt empfunden und entschieden von Links und Rechts bekämpft. Selbst die Mitte war nicht sonderlich glücklich mit der Weimarer Republik.

Das „3. Reich“ war die Idee von der Überwindung des Nationalstaates durch die „arische Rasse“, zu der mehr als nur „die Deutschen“ zählten. Weißmann selber skizziert in seinem Buch „Nation“ ein solches Konstrukt, das vom Nordkap bis nach Sizilien reicht. Mit einem Nationalstaat französischer Prägung haben diese Gebilde nichts zu tun. Nationalismen wären für den politischen Zusammenhalt eines Reiches eher hinderlich. Gerade deshalb ersetzte die „arische Rasse“ als bindende Klammer des Reiches das „deutsche Volk“ in der nationalsozialistischen Propaganda.

Weißmanns indirekte Unterstellung das sich „die Rechte“ über den Nationalismus definiere, mag für einen Nationalkonvent oder ein Parlament zutreffen, aber in dem saßen und sitzen bis heute keine Konservativen, die sich in der Tradition eines Edmund Burke wähnen. Bei aller Sympathie für die „nationale Rechte“, sie bleibt doch nur das kleinere Übel aus jenem Ideenkonglomerat, die der dritte Stand ausgekotzt hat.

Die deutschen Nationalisten, dies sie hier abschließend angemerkt, bekämpften die deutsche Kleinstaaterei und wollten einen einheitlichen deutschen Binnenmarkt. Heute will das Großbürgertum den Nationalstaat aus den gleichen Gründen überwinden und einen möglichst einheitlichen Weltmarkt schaffen. Aus einstigen Revolutionären wurden Konservative, die sich heute mit der gleichen Inbrunst an überkommene Verhältnisse klammern, wie Anno die deutschen Fürsten an ihre Kleinstaatssouveränität. Der Nationalstaat steht dem vermeintlichen ökonomischen Fortschritt, vulgo der Globalisierung, im Wege. Der Nationalismus wird, ironischerweise, Opfer seiner eigenen Logik. Das Geld wollte gestern Deutschland, heute Europa und morgen die ganze Welt.

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