Inquisition: Sanft und erhaltend

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Von Natur ist die Inquisition gut, sanft und erhaltend: das ist der allgemeine, unvertilgbare Charakter aller kirchlichen Einrichtungen; das sehen Sie zu Rom, und Sie werden es überall wo die Kirche zu befehlen hat, finden; wenn aber die weltliche Macht eine Einrichtung aufnimmt und um ihrer eigenen Sicherheit willen es angemessen findet, selbe strenger zu machen, dann bürgt die Kirche nicht weiter dafür.
Quelle: Joseph de Maistre; Die spanische Inquisition; S. 11; ISBN 3-85418-054-3

Gegen Mythen anzukämpfen ist meist ein entmutigendes Unterfangen. Trotzdem: Die Einführung der Inquisition war ein großer Fortschritt in der europäischen Rechtsgeschichte. Zum ersten Male stand die Untersuchung und nicht mehr der Eid im Mittelpunkt eines geregelten Verfahrens, das zudem nicht mehr von ungebildeten und abergläubischen Analphabeten dominiert wurde, sondern von gebildeten Dominikanern.

Der heutige Ruf der Inquisition stützt sich im Wesentlichen auf die Akribie mit dem Inquisitionsverfahren durchgeführt und aufgezeichnet wurden. Der Rufmord stützt sich auf das, was damals fortschrittlich war. Die weltliche Gerichtsbarkeit war nicht nur willkürlicher, sondern auch grausamer und härter als die Inquisition, nur existieren darüber keine Akten. Hexerei und Zauberei wurden schon vor der Einführung der Inquisition verfolgt, meistens durch einen lynchenden Mob. Um das zu unterbinden, zog die Kirche die Gerichtsbarkeit an sich, war sie doch die einzige Institution, die dazu in der Lage war. „Unterm Krummstab ist gut leben“, war im Mittelalter ein geflügeltes Wort, das sich auch auf die kirchliche Gerichtsbarkeit bezog.

Man kann außerdem zeitgenössische Wertmaßstäbe nicht für die Beurteilung der Vergangenheit heranziehen. Zumindest wenn man seriös bleiben will.

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5 Antworten to “Inquisition: Sanft und erhaltend”

  1. Don't care Says:

    Der letzte Abschnitt, vor allem, ist der Schlüssel zum Verständnis des Irrsinns, einer Art Meta-Inquisition, die von den heutigen Gutmenschen betrieben wird. Meiner Meinung nach hat sich (vereinfacht dargestellt) folgender Mechanismus etabliert:
    Nach den Gräueln des letzten Weltkrieges erhob sich eine Generation von Nachkömmlingen zu Richtern und Henkern über ihre „schuldigen“ Väter. Kaum mit Gegenwehr, sondern mit eher kleinmütigen Reueattitüden konfrontiert, wuchs ihr moralischer Rigorismus ins groteske. Unterfüttert von einer Ideologie der Abrechnung (Frankfurter Schule) hielten sie sich für das Produkt einer finale Läuterung, für den marxistisch prognostizierten „Neuen Menschen“, dessen politischer, gesellschaftlicher, und moralischer Wertekanon endgültigen und absoluten Charakter angenommen hat. Mit den selbstverliehenen höheren Weihen eines Hohepriestertums ihrer PC-Religion sind sie auch zu Großinquisitoren gegen Abweichlertum mutiert. Auf diese hohen Ross sitzend maßen sie und ihre Mitläufer sich nunmehr an, Phänomene aller Länder und Zeiten unter ihrer alleinseligmachenden Perspektive zu beurteilen (meist VER-urteilen). Das heisst insbesondere auch, dass frühere Strömungen und ihre Protagonisten verteufelt werden, so sie nicht den heuten politkorrekten Normen zumindest nahe kommen. Geschichte wird nicht mehr phänomenologisch, sondern wertend betrachtet.
    Bleibt nur zu wünschen, dass die Geschichte, die sich im Gegensatz zu deren starrer Ideologie doch (und ganz anders) weiterbewegt, sie und ihren Ideologiemüll mit ähnlicher Verve in die Tonne kippen wird, wie sie es mit Vergangenem taten.

  2. Germanist Says:

    Danke, Don’t care, das ist wunderbar auf den Punkt gebracht!
    Ja, Geschichte soll nicht mehr verstanden, sondern abgeurteilt werden.

    Den Wahn der „political correctness“ halte ich für zerstörerisch. Die pc zerstört das Fundament der westlichen Gesellschaften, nämlich die Freiheit.

    Es greift immer weiter die Auffassung um sich, dass mit einer Umbenennung von Phänomenen eine tatsächliche Veränderung einherginge.

    Ein lustiges Beispiel: Obama hat ja dem Papst „versprochen“, die Anzahl der Abtreibungen zu reduzieren. Jetzt wird auf amerikanischen Blogs natürlich darüber diskutiert, wie er dieses Versprechen denn wohl umsetzen könne (sofern er es denn wirklich wollte). Ein Kommentator schrieb ironisch: He could re-name abortions.

  3. Don't care Says:

    Allerdings. – Mit der Sprach-Waffe hantieren die Rosstäuscher jedweder Couleur besonders geschickt und perfide. Es sind immer die gleichen Methoden; Definitions- und Diskurs-Hoheit an sich reissen; da werden Begriffe neu besetzt, die einen inkriminiert, die anderen euphemisiert. Da werden bestimmte Dinge „umetikettiert“ oder sogar mit einem „Benennungstabu“ belegt. Altbewährt ist auch die Holzhammermethode. Tagtäglich aus allen Rohren das Füllhorn der Phrasen auf das Stimmvieh auskippen, und das über Jahre, das bleibt nicht ohne Wirkung.
    Besondere Meisterschaft in dieser „Kunst“ hat der z. B. der Feminismus seit ca. 4 Jahrzehnten erlangt. (Allein schon das brechreizhafte Binnen-I-Geschwurbel spricht Bände)

  4. Vinneuil Says:

    Sorry, aber das ist offenbar in VÖLLIGER Unkenntnis der Tatsachen, Umstände und Hintergründe der Hexenverfolgungen des 14. Jahrhunderts geschrieben worden. Was sich da unter der Riege der Dominikaner abgespielt hat, hätte kein Stalin oder Marquis de Sade sich satanischer ausdenken können. Die ganze stalinistische Periode der Dreißiger Jahre war ein Kindergarten gegen diese Zeit, die an Alptraumhaftigkeit, Wahnsinn, Sadismus und Niedertracht nicht ihresgleichen hat. Selbst an den Maßstäben des Mittelalters gemessen. „Lynchende Mobs“ waren harmlose, seltene Erscheinungen gegen die pathologische, systematische Grausamkeit und Emsigkeit der Verfolger, die mehr als ein Jahrhundert lang gewütet haben. Die Gerichtsbarkeit des Krummstabs basierte hier auf dem Geist (und oft dem Buchstaben) des Hexenhammers, und das sagt wohl alles. Das alles zu einer Zeit, als viele Päpste reine Gangster waren.

    Und nein, das ist keine antikirchliche Propaganda, das ist bestens dokumentiert, seit eh und je Standard der Geschichtswissenschaft, und das kann man in jeder guten Geschichte des Mittelalters nachlesen, bzw in der einschlägigen Literatur zu den Hexenverfolgungen. Ob die Opferzahl wirklich in die Millionen geht, sei dahingestellt, aber unmöglich oder unwahrscheinlich ist diese Zahl nicht.

    • Mcp Says:

      Eigentlich habe ich mich ziemlich intensiv mit der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit beschäftigt. Vieles was darüber geschrieben wird, ist schlicht und ergreifend falsch. Ich will hier nichts idealisieren, vieles war aus heutiger Sicht grausam oder unangemessen, aber die Ausmaße angeblicher Willkür werden schlicht übertrieben.

      Der Hexenhammer war eine kurze Episode in der deutschen Geschichte zu Zeiten der Reformation, in der Luther die Hexen brennen lassen wollte. Wohl wissend das er sich damit in Gegnerschaft zum katholischen Glauben setzte. Hexerei ist Aberglaube. Über Jahrhunderte hinweg war dies Konsens in der Kirche. Erst durch die Reformation – in Deutschland – wurde dem Volksglauben nachgeben. Unverzeihlicherweise auch vom Papst Innozenz VIII mit seiner unseligen Hexenbulle. Aber es war eine unglückliche Episode.

      Dokumentiert sind ein paar tausend Hexenprozesse, aber keinesfalls die behaupteten sechs oder neun Millionen. Im übrigen, auch die Zahl der Todesurteile der Spanischen Inquisition hält sich im vierstelligen Bereich. Alle Inquisition stand zudem und immer unter aristokratischen Vorbehalt. Der König oder der Fürst entschied in letzter Instanz ob ein Schuldspruch vollstreckt wurde oder nicht. Das war keine Formalität, sondern eine Frage der Souveränität, die alle Fürsten und Herrscherhäuser sehr ernst genommen haben.

      Aber gut. Du hast mich gepiesackt. Das Thema werde ich „aufarbeiten“. Demnächst mehr.

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