Volksverhetzung

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Dass es einen Paragrafen zur „Volksverhetzung“ auch in Russland gibt, dürfte Kenner des Landes nicht verwundern. Gegenwärtig stehen zwei mutmaßliche „Volksverhetzer“ vor dem Moskauer Taganski-Gericht. Der ehemalige Direktor des Sacharow-Zentrums Samodurow und der prominenteste Kurator für zeitgenössische Kunst in Moskau, Andrej Jerofejew. Ihre Tat: Sie hatten im Jahre 2007 eine Ausstellung mit Kunstwerken organisiert, die im Vorjahr aus Moskauer Kunstausstellungen entfernt worden waren. „Verbotene Kunst 2006“, hatten beide ihre Ausstellung benannt.

Die Staatsanwaltschaft sah das anders. Sie spricht von einer „kriminellen Übereinkunft“ der Angeklagten mit dem Ziel, das Christentum und insbesondere die orthodoxen Gläubigen öffentlich herabzuwürdigen. „Um ihre verbrecherischen Absichten zu verwirklichen, entschieden Samodurow Ju. und Jerofejew A. mutwillig und bewusst, dass die Besucher die Exponate durch kleine Öffnungen in einer … Stellwand betrachten, wodurch die negative psychologische und sittliche Wirkung in noch größerem Maße verstärkt wurde“. Von einer „psycho-traumatisierenden Einwirkung außerordentlicher Stärke“ ist die Rede, von Gefahren für Persönlichkeit und Weltbild der Gläubigen.
Quelle: Berliner Zeitung; Tod nach der Kunstbetrachtung

Die Auffassungen über das, was den Tatbestand der „Volksverhetzung“ erfüllt, könnte in der Sache zwischen Berlin und Moskau nicht größer sein. Das Prinzip aber ist wesensverwandt.

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3 Antworten to “Volksverhetzung”

  1. Bauer Gerhard Says:

    Haben die Russen auch gerichtlich festgestellte historische Tatsachen?
    Die Herrscher bestimmen wer oder was das Volk verhetzt, das ist eine alte Geschichte, die Namen ändern sich, das Vorgehen nicht.

  2. Mcp Says:

    Alte Geschichte, neu erzählt. Man darf das Prinzip nicht vergessen.

    Historische Tatsache ist in Russland, dass Hitler die SU angriffen hat und damit NICHT Stalin nur knapp zuvorgekommen ist. Die SU und Stalin waren unschuldige Opfer. Wer anderes behauptet kann mittlerweile verurteilt werden.

  3. Don't care Says:

    Nur das pathologische bei uns ist, daß alles was nicht masochistische Selbstschmähung und kriecherisches Asche-aufs-Haupt-Gestreue ist, mit fast derselben vervegeladenen Unerbittlichkeit verfolgt wird, wie in Russland das Bechmutzen des heroischen Selbst-Götzenbildes. Den Hang zu Totalitarismus, Despotismus und „Zwangsbeglückerismus“ teilen wir offenbar mit unseren russischen „Brüdern im Geiste“. Da wir pechöserweise nach zwei Kriegen zu kastrierten Zwergen gestaucht wurden, richten sich die immer noch virulenten Impulse gegen uns selbst. Das ist wie eine Autoimmunkrankheit. Da z. Z. keine Fremdobjekte zur Beherrschung, Unterdrückung, Schikane, Ausbeutung zur Verfügung stehen, findet eben ein Art „Kurzschluss“ statt.

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