Von lichter Zukunft in finstere Vergangenheit

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Gerade eben gerade bin ich über einem – für die jüngere Literatur – ganz typischen Satz gestolpert, an dessen Kontext ich mich schon seit längerem störe:

„Bis zu einem gewissen Grade ist es Geschmacksache, ob man die Einführung der Schießpulversprengung oder die der Dampfmaschine als jenes Ereignis ansieht, das an den Anfang der Geschichte des modernen Bergbaus gestellt zu werden verdient.“

Quelle: Technik der Tiefe; Emo Descovich

Warum man unbedingt zwischen „modernen“ und „alten“ Bergbau unterscheiden muss, bleibt ein kulturelles Rätsel. Bergbau ist spätestens in Jungsteinzeit nachweisbar. Seitdem hat der Mensch kontinuierlich empirisches Wissen angehäuft, hat seine Abbautechniken verfeinert und rationalisiert, ist in größere Tiefen vorgedrungen und hat sein Tun sicherer gemacht. Sicher gab es zwischendurch gewisse qualitative Sprünge, aber im Großen, wie im Ganzen zeichnet sich eine kontinuierliche Entwicklungslinie eben ohne solche konstruierten „Brüche“ ab.

Die Bezeichnung „modern“ ist ein Anachronismus schon deshalb, weil eigentlich alles Gegenwärtige als „modern“ gelten kann. Wenn man freilich von gewissen Idioten in den Feuilletons absieht, die sich schon in der „Postmoderne“ oder später wähnen.

Das Buch, das den inkriminierten Satz enthält, ist aus 1932. Kein Mensch würde heute noch auf den Gedanken kommen, den damaligen Stand der Technik als „modern“ zu bezeichnen. Selbst die Einführung der Dampfmaschine oder die des Schwarzpulvers bilden keine so gravierende Zäsur, das sich eine Unterscheidung von „modern“, „postmodern“ und „vormodern“ rechtfertigen ließe. Ein solcher Unterscheidung hat keine wirklich technischen Ursachen – denn Descovich erklärt es selbst zu Geschmacksfrage – wohl aber einen kulturellen Hintergrund.

Die Verachtung des Vergangenen verstellt den Blick auf die Schwächen des Gegenwärtigen und legt den Samen für das Misslingen des Zukünftigen. *)

Oder anders formuliert: Jede lichte Zukunft hat die unangenehme Eigenschaft zur dunklen Vergangenheit zu werden, sobald sie die „moderne“ Gegenwart passiert hat.

Das ist ein „modernes“ Phänomen, denn noch unsrer Vorvorderen erwarteten von Zukunft nicht allzu viel Gutes, blickten aber mit einigem Stolz auf ihre, meist „glorreiche“ Vergangenheit zurück. Der Paradigmawechsel – hier kann man mit Recht von einer Zäsur sprechen – kam mit dem Fortschrittsglauben, der sich in solchen Sinnlossätzen, wie dem oben zitierten, niederschlägt. Ortega y Gasset nennt solche Sentenzen nicht hinterfragbare „Glaubensgewissheiten“, weil jede ernsthafte Logik das ganze Gedankengebäude ins Wanken brächte.  (Wie übrigens jede andere Glaubensgewissheit.)

Dabei karikiert die übel beleumundete Vergangenheit die frohe Erwartung, was der bornierte Fortschrittler jedoch lediglich zum Ansporn nimmt, in der „modernen“ Gegenwart alles anderes zu machen als in der Vergangenheit üblich, in der Hoffnung, dass ihm die Zukunft endlich gelänge.**) Genau das aber macht der Zukunftsglaube vollkommen unmöglich, denn eine Zukunft, die zur gelungenen Geschichte würde, wäre das Ende des Fortschrittsglaubens schlechthin.

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*) Ein Ausfluss solchen Denkens ist der gängige Vorwurf, man würde die Vergangenheit idealisieren. Solche Anwürfe können nur im Kopf eines Menschen entstehen, der in Brüchen – vorher, nachher – denkt und dem das „Vorher“ immer üblem Lichte erscheint. Konservativ denkende Menschen, Reaktionäre gar machen sich, obwohl sie traditionsverhaftet sind,  meist weniger Illusionen über die Vergangenheit – von der Zukunft ganz zu schweigen -, als der Fortschrittler, der sein Heil stets in der Zukunft erwartet. Es ist wohl genau diese Verblendung, durch die ihm die Vergangenheit weit schlimmer erscheint, als sie in Wahrheit war und die ihn dazu bringt jeden Tünef, Tand und Schnickschnack anzubeten, solange er nur das Prädikat „neu“ trägt.

**) „Aus der Vergangenheit lernen“ ist ein weiterer Sinnlossatz mit der Fortschrittler aller Couleur die Menschheit fast täglich traktieren. Denn obwohl die Einwände gegen solcherlei Historismus vielfältig und unwiderlegbar sind, gehört die „Glaubensgewissheit“ das man aus der Vergangenheit irgendetwas lernen könne zu unausrottbaren Dummheiten – jetzt kommt es – der Moderne.

Selbst wenn es historische Gesetzmäßigkeiten – eine „Entwicklung“ – gäbe, sie wären nicht beweisbar und man könnte allenfalls über Analogien auf ihr Vorhandensein schließen. Historische Situationen sind unwiederholbar. Die exakte Reproduzierbarkeit theoretisch vorhergesagter Ergebnisse ist aber die Voraussetzung für jede exakte Wissenschaft. Alles andere ist Quacksalberei und zu den Quacksalbern zähle ich – unter anderen – die Historikergilde in Gänze. Schriftsteller und Märchenerzähler waren und sind für das Geschichtsverständnis der Lebenden immer wichtiger und wirkungsmächtiger als alle historische „Wissenschaft“ zusammen.

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