Moral, Justiz und Jungfernhaut

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In der Türkei hat das oberste Berufungsgericht die Unberührtheit einer Frau als Vorraussetzung für die Ehe bestätigt. Ein Mann hatte nach der Hochzeitsnacht die Scheidung eingereicht, weil seine Auserwählte seinen Angaben zufolge nicht mehr jungfräulich war. Sie bestreitet dies mit einem Gutachten.

Quelle: WELT ONLINE; Gerichtsbeschluss: In der Türkei hat die Braut jungfräulich zu sein

Ich kenne die Details des Verfahrens nicht. Aber für die „WELT“ scheint es ein grundsätzliches Problem zu sein, zumindest lässt dies die „Schlagzeile“ erahnen, dass eine Frau jungfräulich in die Ehe geht oder das der Zustand der Jungfernhaut überhaupt Gegenstand rechtlicher Erwägungen sein kann.

Nun gibt es auch hierzulande Normen, auf deren stillschweigender Voraussetzung jede bürgerliche Ehe ruht und deren Bruch von jedem Scheidungsrichter als sofortiger Trennungsgrund anerkannt wird. Die eheliche Treue ist eine solche Norm. Der rationale Kern dieser Sitte ist biologischer Natur, denn nur die Frau wusste in früheren Zeiten, wer wirklich der Vater ihrer Kinder war. Eheliche Treue ist Ausdruck vergangener Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Der Mann, der für den Unterhalt verantwortlich war, hatte und hat ein berechtigtes Interesse daran, nur für die Kinder sorgen zu müssen, die auch wirklich sein eigen Fleisch und Blut sind. Noch heute kreist fast das gesamte Unterhaltsrecht um die leibliche Vaterschaft. Es ist eben kein Kavaliersdelikt, wenn ein Vater nach zwanzig Jahren feststellen muss, dass er keinen eignen Nachwuchs großgezogen hat. Dann ist die biologische Uhr – um nachzuholen, um was man ihn betrogen hat – meistens abgelaufen.

Dass männliches Misstrauen nicht unberechtigt ist, zeigt die hohe Zahl sogenannter „Kuckuckskinder“. War es früher schwer die Vaterschaft eindeutig nachzuvollziehen, werden heute künstliche Hürden aufgerichtet, um den Mann diese Sicherheit zu verwehren. Die Argumente, die gegen einen obligatorischen Vaterschaftstest während der Schwangerschaft oder nach der Geburt des Kindes vorgebracht werden, liefern den Mann weiblicher Scheinheiligkeit aus. Umsomehr, als der Treuebruch heute nicht mehr mit gesellschaftlichen Sanktionen bestraft wird.

Die Jungfräulichkeit als Ehevoraussetzung war bis tief in die Neuzeit hinein auch im christlichen Europa eine anerkannte Norm[1]. Auch hierfür gab es triftige Gründe, die über die moralische Dimension dieser Sitte hinausreichten und die aus jenen Zeiten stammten, in denen die Familie das einzige soziale Netz in einer Gesellschaft bot, in der an einen „Sozialstaat“ heutiger Prägung nicht zu denken war. Alleinerziehende Mütter waren aus ökonomischen Gründen undenkbar, uneheliche Kinder fielen immer einer Gemeinschaft zur Last, die über keine Ressourcen verfügte, um aufwendige Sozialleistungen zu ermöglichen. Deshalb galt vorehelicher Sex als moralisch anstößig. Das hat sich geändert, aber wir bezahlen es mit der Auflösung der Ehe und der Entfremdung der Geschlechter.

Gesellschaftliche Normen entstehen nie willkürlich, sie folgen vielmehr jenen Zwängen, denen die jeweiligen Gesellschaften ausgesetzt sind. In der Türkei ist die Großfamilie nicht Ausnahme, sondern Regel, halten sich die staatlichen Sozialleistungen in engen Grenzen. In einer solchen Gesellschaft macht die Jungfräulichkeit als gesellschaftliche Norm natürlich Sinn und es zeigt sich hier wieder einmal, mit welcher blasierten Arroganz westliche Kommentatoren zu urteilen pflegen.

Es sei noch auf einen anderen Aspekt verwiesen.

In jedem Ehevertrag werden die Bedingungen formuliert, unter denen eine Ehe zur Gültigkeit gelangt. Jeder Bruch des Vertrages ist ein Scheidungsgrund. Natürlich kann der Mann auf der Jungfräulichkeit seiner Braut bestehen. Das mag zwar reaktionär klingen, das Recht dazu bleibt davon unberührt. Inwieweit es in einer promiskuitiven Gesellschaft durchsetzbar wäre, steht auf einem ganz anderen Blatt. Sollte sich nun die Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Ehe mit einer Lüge über Zustand ihres Jungfernhäutchens erschleichen, dann erfüllt das schlicht und ergreifend den Tatbestand des Betruges und ist selbstverständlich ein Scheidungsgrund.

Dass die Frau im vorliegenden Fall kein Recht bekam, kommt vor. Richter fällen, wie Schiedsrichter auf dem Fußballfeld, Tatsachenentscheidungen und Fehlentscheidungen leisten sich nicht nur türkische Richter. Der Artikel und mehr noch die Kommentare zeigen, wie verinnerlicht feministisches Gedankengut in dieser Gesellschaft ist, denn genau das ist der unausgesprochene Hintergrund dafür, warum eine solch banale Angelegenheit aus dem fernen Anatolien ihren Weg in den deutschen Blätterwald findet. Hätte der Mann verloren, hätte man sich die Druckerschwärze mit Sicherheit gespart.

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[1] Das ist ein Grund dafür, warum dieses Urteil nicht zum Islam-Bashing taugt. Man findet die Tugend der Jungfräulichkeit sowie die der Treue in allen Gesellschaften und nahezu jeder Epoche. Es gibt viele Gründe, warum der Islam und Europa inkompatibel sind, die Jungfräulichkeit der Bräute gehört allerdings nicht dazu.

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2 Antworten to “Moral, Justiz und Jungfernhaut”

  1. Marcus, der mit dem C Says:

    Bis 1998 gab es im BGB noch, zuletzt aber eher rechtstheoretisch denn praktisch, aus §1300 den Anspruch auf das sog. Kranzgeld, wenn eine sonst unbescholtene Verlobte im Vertrauen auf das Eheversprechen den
    vorehelichen Geschlechtsverkehr erlaubte und die Verlobung dann aufgelöst wurde.

    Es war ein Schaden, der kein Vermögensschaden (wie Geschenke im Vertrauen auf die Hochzeit) war. Letztendlich läuft es auf eine Leumundsfrage hinaus und die wahrscheinlich erschwerte Bräutigamssuche, wenn die Braut keine Jungfrau mehr ist.

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