Das Elend der Metaphysik

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Deogolwulf zitiert auf seinem Blog „dwgleanings“ Edwin Arthur Burtt, der sich Gedanken über die radikalen Unterschiede im mittelalterlichen Denken und dem der Moderne macht. Ein interessantes Thema zu dem ich vor längere Zeit schon einmal ein Essay verfasst habe, weil es sowohl aus mathematischer, wie auch wissenschaftstheoretischer Sicht hoch interessant ist.

Die Methode der Scholastik war die Deduktion[1], die ausgehend von allgemeinen Prinzipien auf das Besondere respektive das Einzelne schloss. Die Methode der Moderne ist die Induktion[2], die vom Besonderen auf das Allgemeine schließt und die eng mit der empirischen Arbeitsweise der Naturwissenschaften verknüpft ist. Die einzige logisch sichere Beweismethode ist allerdings die Deduktion, weil sie innerhalb axiomatischer Vorgaben operiert, anhand derer sich jeder Aussage ein eindeutiger Wahrheitswert zuordnen lässt. Allerdings steht oder fällt die Deduktion mit der Offensichtlichkeit formulierter Axiome und man hat der Scholastik nicht ohne Grund den Vorwurf gemacht, genau hier in Dogmatik zu verfallen, weil ein einmal errichtetes kunstvolles Gedankengebäude gegen neue empirische Erkenntnisse anfällig ist. Die Physik hat nicht nur einmal die Metaphysik konterkariert. Doch ist der Glaube der Moderne, er könne deshalb die Metaphysik durch eine Physik im weiteren Sinne ersetzen, eine verhängnisvolle Irrlehre.

Die Induktion kennt im Gegensatz zur Deduktion keine Axiome, deshalb ist sie im streng logischen Sinne beweisunfähig, weil sie die innere Logik ihrer Theorie erst durch Beobachtung zu erringen sucht.[3] Die Wissenschaftstheorie fordert nicht ohne Grund keine logischen sondern empirische Beweise in Form falsifizierbarer Aussagen, weil Verifikation, im Widerspruch zur Deduktion, bei der Induktion prinzipiell unmöglich ist. Die moderne Wissenschaft kann so keine allgemeinen Prinzipien mehr formulieren, die über eine spezielle Theorie hinausgehen, auf denen ihre empirischen Beobachtungen ruhen. In der Physik, aber nicht nur dort, existiert die Quantentheorie neben der Relativitätstheorie, und beide formulieren sich widersprechende Aussagen. Eine Metatheorie innerhalb derer diese Antinomien gelöst werden könnten, ist nicht in Sicht und ich halte sie, nebenbei bemerkt, auch nicht für möglich.
Das ist eine Ursache für das moderne Elend moderner Philosophie. Die Induktion, respektive die empirische Herangehensweise zeitgenössischer Wissenschaft schränkt ihre Sichtweite der einzelnen Wissenschaftszweige soweit ein, das sie nicht mehr zu den letzten Fragen vordringen kann. Sie verhält sich daher wie der Fuchs in der Fabel des Äsop[4] und erklärt die ihr zu hoch hängenden Trauben für sauer: Der über der Metaphysik thronende Sinnlosigkeitsverdacht ist kein immanenter Teil der Wissenschaft, sondern folgt ausschließlich aus ihrer Methode.

Philosophie ohne Sinn wird, wie bei Marx, zur ökonomischen Theorie, die nur Aussagen zulässt, die sich innerhalb ihrer Begrenzungen gelten. Die Frage nach dem Sinn dieser Hypothesen kann vom Marxismus selbst nicht beantwortet werden. Freilich hat der Marxismus falsifizierbare Aussagen vorgelegt, anhand derer er in der Praxis widerlegt worden ist. Aber die letzte Frage bleibt auch in diesem Falle unbeantwortet.

***

[1] Scholasik
[2] Induktion
[3] Darwin war zunächst ein Sammler und er schloss von einzelnen Beobachtungen auf ein Entwicklungsprinzip. Die Logik seiner Theorie stand am Schluss seiner Forschung und reicht streng genommen nicht über die Theorie zur Entwicklung der Arten hinaus. Im Grunde sind alle Weiterungen des darwinschen Prinzipes, so beispielsweise Sozialdarwinismus, deduktive Äußerungen, weil sie ein Prinzip aus einer begrenzten wissenschaftlichen Theorie auf ein allgemeines Prinzip weiten, ohne sich um empirische Daten zu kümmern. Genau diese Vorgehen hat Kant kritisiert. Im Grund verhalten sich Darwinisten, nicht Evolutionsbiologen, wie mittelalterliche Scholastiker, was zumindest ihren dogmatischen Eifer erklärt.
[4] Äsop; Der Fuchs und die Trauben

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2 Antworten to “Das Elend der Metaphysik”

  1. nk Says:

    Es gibt interessanterweise eine deduktive Schule der Wirtschaftswissenschaft : Die österreichische Schule , z.B. Ludwig von Mises und Hayek. Die rechnen übrigens die Spätscholastiker zu ihren Vorläufern.

    Diese Schule weist (für mich) überzeugend nach, das freie Marktwirtschaft nicht nur das leistungsfähigste, sondern auch das ethisch vertretbarste Wirtschaftssystem ist.

    Es wäre also eine interssante Übung für intelligente Konservative, sich daran abzuarbeiten 😉

    • Mcp Says:

      Die „Deduktiven“ sterben halt nicht aus. Schon deshalb, weil die Mathematik, wie könnte es anders sein, eine – fast – rein deduktive Wissenschaft ist. Auch aus diesem Grunde gilt der Satz des Pythagoras noch heute in unveränderter Form. Die „moderne“ Wissenschaft hätte ihn schon mehrfach neu erfunden und das als große Errungenschaft gefeiert.

      Es gibt sicher auch für die Wirtschaft unveränderliche Grundsätze (Axiome), deren bewusster oder unbewusster Bruch zwangsläufig zu Krisen führt. Das letzte Beispiel durchleiden wir gerade. Das bittere Ende der angeblich „Neuen Ökonomie“. Aber ganz ehrlich, die ökonomische Philosophie überlasse ich gerne meinen Steuerberater. Vom freien Markt braucht man keinen Freiheitlichen zu überzeugen. Ich bin ein „Selbständiger“, der von dieser Freiheit lebt. Sie geht mir allerdings noch nicht weit genug.

      Von Mies und Hayek habe ich gehört, aber ich bin kein Ökonom.

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