Opfer des Immunsystems

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Mehr als zwei Jahre, nachdem Eva Herman in einer beispiellosen Sudelkampagne den Löwen der öffentlichen Meinung zum Fraß vorgeworfen wurde, meldet sich die einst beliebte Fernsehmoderatorin jetzt mit einem Gegenschlag zurück, der sich gewaschen hat: Ihr Buch „Die Wahrheit und ihr Preis“ ist Dokumentation, Abrechnung und Lehrstück zugleich, eine ebenso haarsträubende wie entlarvende Anatomie jener Methoden, mit denen heute die Ketzer und Andersdenkenden vom Meinungsestablishment plattgemacht werden.[1]

Je tiefer ich in den Eingeweihten der Weimarer Republik wühle, desto klarer wird mir die frappierende Ähnlichkeit der Methoden. Das, was Eva Herman passierte, ist nicht „neu“, sondern war politischer Alltag zwischen 1918 und 1933. Ausgrenzung, Existenzvernichtung, Verleumdung und juristische Verfolgung gegen die Gegner des damaligen Establishments waren nicht Ausnahme, sondern Regel. Die Biografien einst Verfemter lesen sich nicht anders, als die Geschichten, die man heuer schreibt. Allerdings war die historische Opposition um ein Vielfaches machtvoller als es die heutige es ist. Weimar war weltanschaulich pluralistisch und musste zwangsläufig, wie jede „echte“ Demokratie genau daran scheitern, denn die Koexistenz divergierender Meinungen ist ein Zustand weitab des (thermodynamischen) Gleichgewichts. Jedes System in Zustand des Chaos strebt in den Zustand der Ordnung zurück und es bedarf eines äußeren Anstoßes, um diese, sich natürlich einstellende Harmonie zu stören. Ordnung bedeutet Windstille, das erlöschen geistiger Strömungen, von denen lediglich ein schwaches Kräuseln zurückbleibt.[2]

Die „wehrhafte Demokratie“ unterscheidet wenig von einer Autokratie oder einer autoritären Oligarchie mit totalitären Zügen: Sie verströmen denselben geistigen Mief und in ihnen herrscht die dieselbe geistige Windstille. Satt gesellschaftlicher Debatte greifen die weißen Blutkörperchen der Bundesrepublik jede Abweichung von der gesellschaftlichen Norm an, isolieren es und machen es zum Fremdkörper im gesellschaftlichen Immunsystem. Sie widerlegen die Mär von der Meinungsfreiheit, der Debatte und des friedlichen Meinungsaustausches: Solcherart Zustände existieren nur in instabilen System, respektive in gesellschaftlichen Umbruchzeiten und nur so lange, bis eine Meinung alle anderen dominiert.

[1] JUNGE FREIHEIT; Die Frau als Feind.
[2] Man möge mir die Analogie zur exakten Naturwissenschaft nachsehen: Ich reklamiere keine wissenschaftliche Sichtweise, aber ich halte sie dennoch für schlüssig.

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6 Antworten to “Opfer des Immunsystems”

  1. neglectable Says:

    Ich will Dir die Analogie nachsehen – weise aber nachdrücklich darauf hin, daß Du den zweiten Thermodynamischen Hauptsatz genau umgedreht hast. Vereinfacht heißt der:
    Die Entropie (ungenau: die Unordnung) nimmt entweder zu oder bleibt gleich.
    Physikalisches Beispiel: In einem abgeschlossenen Raum (System) befinde sich ein Luftballon mit Gas. Ein „Mechanismus“ (Arbeit) läßt den Ballon platzen, die Gasteilchen verteilen sich im Raum. Der Prozess ist offensichtlich unumkehrbar, die „höhere Ordnung“ (der höhere energetische Zustand des Gases im Ballon) kann nicht mehr hergestellt werden.

    Im Übrigen kann ich Deine Ansicht leider nicht teilen.

    • Mcp Says:

      Dann sind die wenigen Zeilen, die ich geschrieben habe, einfach missverständlich. Ich sprach an keiner Stelle von einer Abnahme der Entropie durch das erreichen eines bestimmten Gleichgewichtszustandes. Das ist ein anderes Thema, es ging mir einzig darum, das chaotische Systeme sich im thermodynamischen Ungleichgewicht befinden und sich auf Inseln der Stabilität zubewegen, in dem dieses Ungleichgewicht beseitigt wird. Dass die Entropie in einem geschlossenen System immer steigt, ist unbestritten, allerdings sind Gesellschaften oder Staaten keine geschlossenen Systeme. Wenn man die Analogie weiterspinnt – und ich sage ausdrücklich spinnen – dann produzieren hoch geordnete und strukturierte Gesellschaften mehr Entropie, als sie beseitigen und der Überschuss muss zwangsläufig „abgebaut“ werden: entweder nach außen, z. B. durch einen properen Krieg – oder nach innen, z. B. durch einen Bürgerkrieg. Wobei Krieg natürlich nicht die einzige Methode ist, um den „entropischen Überschuss“ abzubauen. Im Industriezeitalter hat man den „Fortschritt“ vor allen durch die Zerstörung der Umwelt garantiert.

      Und ja, es gibt die Auffassung, dass in der Abfolge der „Gesellschaftsordnungen“ die Entropie von Revolution zu Revolution steigt. Die ist, zugegeben, nicht sehr populär, gleichwohl führt sie ein existentes Nischendasein.

      Je komplexer die Technologien werden um die sich menschliche Gemeinschaften gruppieren, desto größere Anstrengungen müssen unternommen werden, um geschaffene Systeme zu erhalten. Irgendwann aber kommt der Punkt, an dem alle Anstrengungen nicht mehr ausreichen, um eine einmal geschaffene Ordnung gegen die zentrifugalen, entropischen Kräfte aufrechtzuerhalten. An diesem Punkt kollabiert das System und sucht sich einen neuen Gleichgewichtszustand. Der Untergang Roms kann hier als Beispiel dienen: Der Ballon war geplatzt und es folgte, was heute im Allgemeinen als „finsteres Mittelalter“ gilt. Sehen Sie sich die Ereignisse nach der Französischen Revolution an: Soviel Massenmorde und das ins Ungeheuere gehende Maß an Destruktion gab es nie zuvor in der kurzen menschlichen Geschichte. Wenn der „Fortschritt“ kein Abstieg, keine Zunahme der Entropie ist, was ist es dann?

      Wie gesagt, eine Analogie. Aber auch Gesellschaften sind Systeme und es nicht nachzuvollziehen, warum ausgerechnet für die menschliche Gesellschaft – unter diesem Aspekt betrachtet – andere Gesetze gelten sollten. Und ja, ich weiß um die hinkenden Füße aller Analogien.

  2. PetroniusArbiter Says:

    „In den Eingeweihten“, das ist ein hübscher Vertipper…

    „Das, was Eva Herman passierte, ist nicht ’neu‘, sondern war politischer Alltag zwischen 1918 und 1933. “

    Tatsache? Z.B.?

    • Mcp Says:

      „In den Eingeweihten“ :)) Der ist wirklich herrlich katholisch, deshalb korrigiere ich ihn auch nicht.

      Sie müssen einfach Biografien von in Weimar angefeindeten Menschen lesen. Ich könnte jetzt ein paar Namen nennen, allerdings würde dies den Kern der Diskussion verfälschen. Fakt ist, die Methoden gleichen sich aufs Haar. Was heute die „Antifa“ ist, war damals Reichsbanner und Rotfrontkämpferbund, die bis zum Auftauchen der SA die Straßen beherrschten und jede ihnen nicht genehme Versammlung sprengten, die Unternehmen unter Druck setzten und Leute aus dem Staatsdienst entfernten, die ihren Ansichten öffentlich widersprachen.

      Ich will jetzt keine Diskussion um die Legitimität der SA oder ihr verwandter Organisationen führen. Genau so wenig will ich über den Nationalsozialismus diskutieren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass das, was Eva und anderen Konservativen (z.B. Kubizek & Konsorten) passiert ist, keine geschichtliche Neuheit ist, sondern augenscheinlich dem politischen System des Parlamentarismus zu entspringen scheint: Delegitimation, ja die Entmenschlichung politischer Gegner zu einem um jeden Preis zu vernichtenden Feind, deren angedichtete „Unmenschlichkeit“ alle Mittel heiligt. Ja, ja der Schmitt hat recht: Jede moderne Ideologie, jedes moderne Regime erkennt man an der Maßlosigkeit im Umgang mit den politischen Gegnern.

  3. Don't care Says:

    Nur die heutigen Hohepriester und Meinungswächter kommen mit einer ganz perfiden Legitimationslegende daher. Als Überwinder und Ausmerzer des „malum absolutum“ (braune Verganganheit) verleihen sie sich selber die höchsten Weihen als Exponenten einer nunmehro von allen Übeln dekontaminierten Ideologie. Als Antithese zum „malum absolutum“ können sie ergo nur das „bonum absolutum“ sein. Mit entsprechend verbissener Gehässigkeit wird daher alles verfolgt, woran sie in ihrer paranoiden Wahrnehmung noch Spuren oder Reste der verhassten Verganganheit wittern.

    • Mcp Says:

      Ja, aber im Grunde gilt das für wirklich jede „moderne“ Gesellschaft. Sie alle kultivieren ihre eigenen Lebenslügen, weil sie im Grunde nicht natürlichen Ursprungs sind, sondern im Gegensatz zu diesem „organisiert“ werden. Vor 1945 nannte man so etwas „Urbanismus“, weil in urbanen Räumen die Entfremdung des Menschen von der Natur am weitesten fortgeschritten ist. Daher rührt der unausrottbare Irrglaube, man könne die Gesellschaft auf Dauer gegen Naturgesetze organisieren, weil diese angeblich innerhalb solcher aufgehoben sind. Da der Mensch nicht zu diesen Theorien passt, muss er umerzogen, ein „neuer Mensch“ werden. Je nachdem welche Ideologie gerade herrscht.

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