Bedrohtes Drohpotenzial

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„Die Vereinigten Staaten haben nicht nur die Bombe eingesetzt, sie bedrohen damit auch andere Länder, darunter meines“, sagte Ahmadinedschad. „Diejenigen, die als erste die Bombe eingesetzt haben, müssen zu den am meisten gehassten Menschen gehören.“ Die erste Atombombe wurde am 6. August 1945 von den USA gegen Japan eingesetzt.

Die USA hätten einen „Schatten der Angst“ über die Welt gelegt, polterte Ahmadinedschad. Der Besitz von Atomwaffen sei kein Anlass zu Stolz, „er ist widerlich und beschämend“, sagte er. „Und noch beschämender ist es, die Furcht vor diesen Waffen zu benutzen. Das ist mit keinem anderen Verbrechen in der Geschichte zu vergleichen.“ Ahmadinedschad wies erneut den Vorwurf zurück, sein Land strebe nach dem Besitz von Nuklearwaffen. Dafür gebe es „keinen einzigen glaubhaften Beweis“, sagte er.[1]

Man kann von Ahmadinedschad halten, was man will. Aber seiner Argumentation ist nichts hinzuzufügen: Mag im Kalten Krieg der Besitz von Atomwaffen eine abschreckende, somit friedenserhaltende Wirkung gehabt haben: Nach dessen Ende ist der exklusive Besitz solcher Waffen nichts anderes als typische Großmachtpolitik [2] mit erheblichen Erpressungspotentail gegenüber „unbotmäßigen“ Nicht-Atommächten wie dem Iran.

Es gibt bis heute, wie im Falle des Iraks, keinen einzigen schlüssigen Beweis für Behauptung, dass der Iran nach Atomwaffen strebt.[3] Die einzigen Mächte, die mit dem Einsatz von Atomwaffen drohten – um iranische Nuklearanlagen anzugreifen – waren die USA und Israel.[4] Die Behauptungen von Hillary Clinton sind genauso glaubwürdig, wie die des ehemaligen Außenministers Colin Powell[5] unter George W. Bush.

Zum anderen ist die These von der unmittelbaren Existenzbedrohung Israels durch eine iranische Bombe zutiefst unglaubwürdig. Vielmehr besitzen Staaten, die über Atomwaffen verfügen, ein glaubwürdiges Abschreckungspotenzial im Falle einer fremdländischen Aggression. Genau darum geht es: Das Drohpotenzial der bisherigen Atommächte, unter anderem Israels, verlöre erheblich an Wirkung, was das Machtgefüge im Nahen und Mittleren Osten erheblich verändern würde. Es geht mitnichten um die Existenz Israels, dieser Staat verfügt über ein erhebliches Abschreckungspotenzial, sondern um die Möglichkeit militärischer Intervention gegen die unbotmäßigen Eliten dortiger Regionalmächte, wie Afghanistan, Irak oder eben Iran. Es geht, wie immer in der amerikanischen Geschichte, um die Macht über die Märkte. [6]
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[1] Eklat auf Abrüstungskonferenz: Ahmadinedschad brüskiert USA mit Atom-Tirade – SPIEGEL ONLINE

[2] Wobei ich diesen Begriff für zunehmend überholt halte. Die Welt wird von Finanzmärkten regiert, deren multikulturelle Potentaten ein einziges Interesse verfolgen: Zugang zu allen „Märkten“ zu erhalten. „Nationale Interessen“ – auch die der USA – werden im zunehmenden Maße den Bedürfnissen dieser internationalen Finanzoligarchie geopfert, die den ganzen Planeten so behandelt, als wäre er ihr Privateigentum: siehe Finanzkrise.

[3] Vielmehr existiert eine mehrfach erneuerte „Fatwa“ von hohen iranischen (islamischen) Rechtsgelehrten gegen die Lagerung, den Bau und den Einsatz von Atomwaffen: FAZ; Atomwaffen sind unislamisch.

[4] SPON; Israel übte Angriff auf iranische Atomanlagen

[5] Unvergessen ist der Auftritt von Powell vor der UNO bei dem er nachweislich gefälschte oder frei erfundene Beweise vorlegte, um den Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen: tagesschau; Powell bedauert seine Irak-Rede.

[6] 1854 erschien US-Admiral Matthew Perry mit einer Flotte von vier Kriegsschiffen im Hafen von Tokio und forderte die Japaner ultimativ auf, die Häfen für den offenen Handel mit den Vereinigten Staaten zu öffnen. Ähnliche Forderungen hatte Großbritannien – unter Kriegsandrohung – gegenüber dem isolationistischen China durchgesetzt.

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