Die Watschen

by

Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn. So steht es im Alten Testament. So wurde es seitdem gehandhabt, bis in die frühen sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein. Die Watschen war ein anerkanntes Erziehungsmittel – für Söhne. Die Töchter zu züchtigen stand dem Vater zwar zu, aber nicht an, denn deren Erziehung lag in der Hand der lieben Mama und die hatte ein grausames Mittel zur Disziplinierung ungezogenen Nachwuchses: den Liebesentzug auf Zeit. War mit einer Watschen die Sache meist ausgestanden, konnte der Liebesentzug schon mal eine Woche dauern und endete immer erst nach einer demütigen Unterwerfungsgeste, die auch jedes Affenjunge kennt: der Entschuldigung. Gott, wie habe ich dieses Ritual gehasst.[0] Eine kräftige Watschen wäre mir tausendmal lieber gewesen. [1]

Als ich jüngst in der Zeitung las, dass wieder einmal eine „Historikerkommission“ die Opferzahlen der Dresdener Bombennacht zu Hornung 45 [2] „neu bewertet“ hatte [3], da konnte sich keiner der neunmalklugen Kommentatoren den Hinweis auf die Schuldfrage verkneifen: Ganz so als hätte meine Großmutter – ein Bomberopfer – höchstpersönlich der ganzen Welt den Krieg erklärt und wäre somit selber daran schuld gewesen, dass ihr eine Bombe zwar nicht das Leben nahm, wohl aber ihre Trommelfälle platzen ließ. Man könne, so unsere Aufklärer [4], das eine nicht ohne das andere betrachten, das Ereignis nicht aus seiner Zeit herauslösen, sonst käme man womöglich zu ganz falschen Schlüssen.

Nun wurde kürzlich ein Bischof Namens Mixa von einem, in deutschen Landen häufig vorkommenden medialen Moralin-Tsunamie aus seinem Sitze gespült, weil man ihm vorwarf, er hätte in der Vergangenheit Schutzbefohlene gezüchtigt. Er hat dieses, nach heutiger Rechtslage, „Verbrechen“ eingeräumt und zugegeben, dass er in der Vergangenheit hin und wieder „eine Watschen“ ausgeteilt hat. Rechtlich ist das „Geständnis“ unerheblich, denn zu der Zeit war die Prügelstrafe noch erlaubt und in der Justiz gilt – wenigstens ab und zu noch – das Rückwirkungsverbot [5]. Die Watschen im Kontext der Zeit war eben keine Schandtat, für die man sie heute hält. Aber wo kein Recht ist, ist immer noch reichlich Moral, mitunter sogar eine doppelte: Dieselben schlichten Gemüter, die oben den zeitlichen Kontext inquisitorisch anmahnen, „vergessen“ desselben, wenn es ihnen dabei hilft, einen lästigen, weil im Kirchenvolk hoch beliebten Kerl loszuwerden, nur weil der nicht nach ihrer Zunge schwatzte. Sie tun einfach so, als wäre die Watsche schon immer ein verabscheuungswürdiges Verbrechen gewesen.

Bleibt noch die Frage zu klären, ob eine Welt ohne Watschen wirklich zu besseren Menschen verhülft. Die Alten haben es verneint, wie es die Fabel vom Hänschen erahnen lässt. Immerhin können unsere Vorfahren auf eine über 2000 Jahre währende Empire verweisen, die unseren akademisch gebildeten Pädagogen deshalb vollkommen abgeht, weil all ihre wunderbaren Theorien den ersten Praxistest nicht überleben. Gewaltfrei, so das Paradigma der vom Zeitgeist Geknutschten, solle das Kind erzogen werden, weil das gute Beispiel, so der fromme Gedanke dabei, den Charakter formt. Leider beugt sich die Polizeistatistik nicht der kategorischen These: Die Täter werden immer jünger, dreister und brutaler. Was das Hänschen nicht lernt, lernt der Hans nimmermehr. Das lässt für die Zukunft nicht viel Gutes erahnen.

Und die Moral von der Geschicht?

Eine Watsche zur rechten Zeit,
Erspart im Alter sehr viel Leid.

Der Mixa hätte vielleicht einmal mehr hinlangen sollen, da währ‘ er vielleicht heuer nicht abgewascht wurden. Gott sei ihm gnädig.

In diesem Sinne allen Vätern und Söhnen eine gesegnete Christi Himmelfahrt. Und sauft nicht soviel.
___________
[0] Entschuldigungen verlangen immer nur Weiber. Und die werden einem ewig auf Butterbrot geschmiert, das hat kein Ende. Männer schreien sich an, kampeln sich und finden am Abend beim Bier einen Kompromiss, mit dem beide leben können. Anderntags ist die Geschichte vergessen.
[1] Ich bin schon in die prügelfreien Zeiten hineingeboren, als man anfing Jungen wie Mädchen zu behandeln und dem Vater die Erziehungskompetenz abzusprechen begann.
[2] Hornung ist eine vergessene deutsche Bezeichnung für den Monat Februar. Er ist die Substantivierung der germanischen Verbes „horen“, was soviel wie „sich paaren“ bedeutete.
[3] Wenn das so weiter geht, wird wohl eine der nächsten Kommissionen feststellen, dass der Angriff gar nicht stattgefunden hat, sondern eine Propagandalüge der Nazis war.
[4] Nebenbei: Unter Aufklärung verstand Kant die Nutzung des eigenen Hirns – Sapere aude!, um sich von der Herrschaft der Ohrenbläser zu befreien. Ironischerweise wird heute unter dem Begriff das genaue Gegenteil verstanden: Die Aufklärung durch Aufklärer ist im Grunde nichts anders als die Rückkehr in die Unmündigkeit, weil man sich aufklären lässt, statt sich eine eigene Meinung zu bilden. Oder sich eine solche bilden darf.
[5] Rückwirkungsverbot: Niemand darf für eine Tat bestraft werden, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht strafbar war. Ein Gesetz gilt ab dem Tage seiner Inkraftsetzung, es darf nicht vordatiert werden.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: