Gott oder Mammon?

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Der natürliche Mensch hat von je den Reichtum angebetet, der wilde nicht mehr als der zivilisierte; diese Religion wurzelt in dem Wesen unseres Geschlechts und sie weicht nicht vor der Aufklärung des Kopfes. Sie ist die Barbarei des Herzens, sie ist das Heidentum der Sitte, und deshalb helfen auch gute Lehren wenig gegen sie. Man bemerke, daß das Christentum kaum etwas anderes mit größerem Nachdrucke predigt als Verachtung irdischer Schätze, als die Unversöhnlichkeit zwischen Gott und Mammon; man bedenke, daß das Evangelium die irdische Armut mit dem erhabensten Beispiele verklärt hat, und man beachte, wie unmerklich wenig Einfluß Lehre und Beispiele im Laufe von achtzehn Jahrhunderten auf das praktische Leben ausgeübt haben. Die freiwillige Armut wird in christlichen Landen als ein Beweis übermenschlicher Heiligkeit verehrt, aber das härene Gewand der Kanonisierten beweist eben nicht mehr als der Mantel des Epaminondas: die Ausnahme! In protestantischen Ländern wäre es noch die Frage, ob ein freiwillig Armer nicht mehr Aussicht hätte, unter Kuratel gestellt als heilig gesprochen zu werden. [1]

Mit der Aufklärung des Kopfes ist nicht „die Aufklärung“ sondern ihr vermeintliches Gegenteil die christliche, halt! nein!, die katholische Theologie gemeint. Schaut her: Wir klären auf, über die dunklen Seiten der Seele, über die Folgen von Habgier, Geiz und Gier, von Maßlosigkeit und Völlerei, in deren betörenden Gefolge die apokalyptischen Reiter galoppieren.

Wobei die Renaissance nicht zum antiken Begriff vom Reichtum, der, wie die Gottgleichheit, nur wenigen Auserwählten zustand, zurückkonnte; sie musste vielmehr das christliche Gebot der Gleichheit aller vor Gott, im Sinne einer Hegelschen Triade, bejahend negieren. Daraus entstand der Inbegriff, ja die ultimative Definition des Humanismus an sich: der Wohlstand für alle. Der, wie in den Offenbahrungen vorhergesagt, sogleich als „Wohlfahrtsausschuss“ blutige Urständ feierte, indem er die aufklärerische Vernunft – siehe oben – massenweise guillotinierte. Man kann nur einem Herren dienen, Gott oder Mammon.

Ein Grund übrigens, warum der – katholische – Glaube mit der Neuzeit unversöhnlich und die Ökumene – siehe Käßmann und Kirchentag – eine fromme Illusion ist. Katholiken beten zu Gott, die Reformierten lobpreisen den Mammon. Wie beten eben doch nicht alle zum gleichen Gott.
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[1]Otto Gildemeister; Vom Reichtum; Essays – Band 1; J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 1903

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14 Antworten to “Gott oder Mammon?”

  1. Don't care sagt Says:

    Verstehe ich nicht, dass die De- äh, Re-Formierten den Mammon lobpreisen sollen. – Mir scheint eher, dass sie ihn verteufeln. Als eine der Ingredienzien des pöhsen Kapitalismus wird er doch als Grundübel geschmäht. Ganz andere Götter werden von den Protestierern verehrt, nämlich die sattsam zeitgeistkonrformen, politisch korrekten Ismen.

    • moise trumpeter Says:

      Ein empfehlenswerter Klassiker zu diesem Thema wäre Max Weber ‚Die Protestanische Ehtik und der Geist des Kapitalismus, die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus‘ – allerdings scheint der Blogautor eher zu meinen, dass das Streben nach ‚gerecht‘ verteiltem diesseitigen Wohlstand für alle Menschen (genauer genonem seeht dahinter eigentlich die forderung nach einem bedingungsosen diesseitigen gelungenen Leben für jeden) ein Anbeten des Mammon ist und damit hat er auch recht.

  2. LePenseur Says:

    „… die Reformierten lobpreisen den Mammon.“

    Heut generailsieren wir aber ein bisserl, net wahr?

  3. Mcp Says:

    Nein, „wir“ generalisieren nichts. Es ist wohl eher so, das die Reformierten den Erfolg, mithin den Reichtum, vulgo Wohlstand, als Beweis dafür nehmen, dass sie Gottes Lieblinge sind. Mehr oder weniger trifft dies auf alle Nichtkatholiken zu, insbesondere aber auf jene, die sich im angelsächsischen Raume zu Hause fühlen.

    Mir ist nicht bekannt, dass es eine evangelische „Kapitalismuskritik“ gibt, denn der Reformismus – ein ungewöhnliches Wort, ich weiß – ist eine versuchte Anpassung des christlichen Glaubens an selbige Lebensweise.

    Und ja „moise trumpeter“, Du liegst mit Deiner kühnen Vermutung fast richtig: Die protestantische Ethik ist sehr kapitalismusfreundlich, wiewohl ich das Wort „Kapitalismus“ deshalb nicht mag, weil es kommunistischer Terminologie entspringt.

    Gleichwohl gehört der Erfolg, welcher auch immer, nicht zum Glutkern des katholischen Glaubens.

    Ich bin kein Theologe und meine Behauptung trifft wohl auch kein Dogma. Sie ist ein provokativer Schlenker, denn der Erfolg ist in der protestantischen Welt immer ökonomisch, mithin fiskalisch determiniert. Die Askese, die Armut gehört nicht zu dem, was Protestanten vorschwebt, wenn sie zu ihrem Gott beten.

    • moise trumpeter Says:

      Das ist keine kühne Vermutung meinerseits, sondern eine seit ca. 100 Jahren in der Sozial- und der Geschichtswissenschaft bekannt These, die auf den berühmten alten weißen Mann der deutschen Soziologie Max Weber zurückgeht. Nach Webers Meinung ist der ‚Geist des Kapitalismus‘ (den er streng von reiner Erwerbs- und Besitzgier unterscheidet die ein universelles Phänomen sind) aus dem reformierten calvinistischen Prädestinationsdenken und einem bei Reformierten und protestantischen Sektierern verbreiteten innerweltlichen Pflicht-, Verzicht- und Arbeitsethos (innerweltliche Askese) entstanden, wobei letzteres aus einer Umdeutung des christlichen Askesegedankens (außerweltliche Askese) in folge der Reformation hervorging. Die Affinität zum Kapitalismus haben primär die Reformierten (Kalvinisten) und die protestantischen Sekten und Bewegungen (also Schweiz, Niederlande, angelsächischer und westdeutscher Raum), die lutherische Orthodoxie eher nicht, die ist obrigkeitshörig und staatsfromm. Übrigens war dieser Zusammenhang auch schon Marx und Engels geläufig, da Engels aus einer frommen pietistischen Fabrikantenfamilie kam war für ihn diese Tatsache wohl unübersehbar.
      Es heutzutage sehr wohl eine verbreitete Kapitalismuskritik in den evangelischen Kirchen vorhanden, da hat Don’t care recht, allerdings scheint mir das primär eine kulturprotestantische Kritik zu sein, die also in die modernere linke und rechte Kapitalismuskritik einzuordnen wäre und nicht primär auf einen ursprünglichen evangelisch-christlichen Glauben zurückzuführen ist, womit sie Mcp letztlich recht hätten mit ihrer Bemerkung, dass es keine evangelische Kapitalismuskritik gibt.

      • Mcp Says:

        Ich bezog mich nicht auf Max Weber, sondern auf ihre „kühne“ Vermutung hinsichtlich ihrer Interpretation meines Textes.🙂
        Ansonsten gehen wir leidlich Konform, wobei die „Kapitalismuskritik“ durch das Wohlstandsdenken befeuert wird. Kommunisten und Sozialisten beklagen die „ungerechte“ Verteilung des Reichtums und eine ihrer Kernforderungen lautet daher: Wohlstand für alle. Es ist dies ein auf das Diesseits bezogenes Denken, welches den Tod und das Jenseits vollkommen ausblendet und das notwendigerweise im Atheismus und Nihilismus enden muss. Nicht heute. Aber morgen. Übermorgen aber, ganz sicher. Wenn ich die „Reformierten“ – unter dem Begriff fasse ich alle Nichtkatholiken – dort hineindenunziere, dann bin ich mir sehr wohl bewusst, dass dies eine Zuspitzung ist, die, wenn man Käßmann reden hört, aber keineswegs übertrieben oder abwegig ist.

  4. LePenseur Says:

    … womit sie Mcp letztlich recht hätten mit ihrer Bemerkung, dass es keine evangelische Kapitalismuskritik gibt.

    Es gibt aber auch keine „katholische Kapitalismuskritik“, wenigstens keine legitime! Der ach so pöhse Kapitalismus wird höchstens von irgendwelchen hirnlosen Herz-Jesu-Sozialisten kritisiert. Und daß es sozialistische Kapitalismuskritik gibt, ist ja nix neues. Sozialisten aller Schattierungen, von dunkelrot, hellrot, grün bis braun kritisieren ihn seit je. Warum also nicht auch die Weihwassersozenfraktion …?

    • Mcp Says:

      Es geht hier nicht um irgendwelche Systemkritik. Dem Katholizismus ist oder sollte ein derartiges Ansinnen fremd sein. Nicht einmal die Herz-Jesu-Fraktion stellt die Systemfrage. Der geht es im biblischen Sinne darum, dass man keinem Christen das zum Leben notwendige verweigert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gestritten wird höchstens über das Maß, nicht über die Qualität. Ein Kathole ist kein Revolutionär, weil er vom Diesseits nichts anderes erwartet als Plagen, Mühen und Sünde. Er muckt nur dann auf, wenn man ihm die Ausübung seines Glaubens verwehrt oder darin herumpfuscht. (Ja, die Homoehe ist widernatürlich.)

      Es ging mir in dem Text um die Wahrnehmung eines Paradigmawechsels, den ich auf 1500 datiere. Mit der Renaissance kehrte das Diesseitsdenken zurück, welches das Christentum am Ausgang der Antike überwunden hatte. Das Denken und Handeln des mittelalterlichen Menschen kreiste um das Jenseits, auf die er alle seine Hoffnungen bezog und das war insofern ein Fortschritt, weil „die Arbeit“ als Notwendigkeit, aber nicht als Lebensinhalt begriffen wurde. Die Jagt nach Reichtum wurde als Sünde begriffen; Pfeffersäcke und Beutelscheider, gar Geldwechsler oder Wucherer konkurrierten im sozialen Ansehen mit „Tagedieben“ und „Banausen“.

      Dieses Denken war wesentliche geistige Voraussetzung für die Abschaffung der Sklaverei, die damals wie heute aus dem Streben nach Reichtum und Wohlstand entsprang oder immer noch entspringt. Es ist kein Zufall, das der Sklavenhandel just an der Schwelle zur Neuzeit wieder zu blühen begann. Er entspringt, auch in seinen verdeckten Formen – siehe die Herrschaft der Maschine -, dem Streben nach diesseitiger Anerkennung, Ruhm, Ehre oder eben Reichtum und Wohlstand als Haupttriebkraft aller irdischen Ärgernisse und Sünden.

      Gleichwohl – und hier scheiden Katholizismus und Sozialismus in aller Schärfe – bleibt die Person für sein Dasein eigenverantwortlich vor Gott, bleibt die irdische Betätigung in der Verantwortung des Einzelnen und nicht einer diffusen, über irgendwelche ideologischen Krücken konstruierte Gemeinschaft. Nur steht bei dieser „Betätigung“ – ich vermeide den ideologisch konterminieren Begriff „Arbeit“ – eben nicht der Profit, der Gewinn oder der Ertrag im Mittelpunkt aller Mühe, sondern das Werk selbst muss unter allen Umständen gelingen: Der Inbegriff der Kunst an sich und genau das ist es, was Aristoteles meinte, wenn er seiner Ethik formulierte: Das jeder Mensch seine ihm gegebenen (angeborenen) Fähigkeiten und Fertigkeiten vom Handwerk zur Kunst entwickelt. Nicht nur für eine gewisse Zeit sondern ein Leben lang. Warum wohl stehen wir sonst so staunend vor den gänzlich unbegreiflichen Kulturleistungen des Mittelalters?

      Insofern ist der Katholizismus die Kapitalismuskritik an sich, die aber anderes als Marx, deshalb kein neues System auf das Schild erhebt, weil es ein solches, aufgrund der Eigenheiten der menschlichen Natur, gar nicht geben kann und jeder Versuch ein solches zu errichten – Stichwort Gottesstaat – von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Das ist das Glaubenscredo des Mittelalters und das Freiheitsmanifest – ich überspitze – des christlichen Glaubens überhaupt: Der Mensch soll leben und nicht streben.

  5. LePenseur Says:

    Mit der Renaissance kehrte das Diesseitsdenken zurück, welches das Christentum am Ausgang der Antike überwunden hatte.

    Na, Gott sei Dank kehrte es zurück! Sonst wären wir heute noch mit einer Durchschnitts-Lebenserwartung von +/- 35 Jahren unterwegs, in einer Subsistenzwirtschaft, die die überwiegende Mehrheit regelmäßig an den Rand des Hungertodes (und über diesen Rand hinaus!) brachte etc. etc.

    Pfeffersäcke und Beutelscheider, gar Geldwechsler oder Wucherer konkurrierten im sozialen Ansehen mit „Tagedieben“ und „Banausen“.

    Dieses Denken war wesentliche geistige Voraussetzung für die Abschaffung der Sklaverei, die damals wie heute aus dem Streben nach Reichtum und Wohlstand entsprang oder immer noch entspringt. Es ist kein Zufall, das der Sklavenhandel just an der Schwelle zur Neuzeit wieder zu blühen begann.

    Der SklavenHANDEL entsprang aus dem Aufblühen des Handels generell. Denn Handel, egal ob mit Sklaven oder Salzgurkerln gab es im Mittelalter halt nur recht bescheiden! Sklaverei hingegen gab es im Mittelalter genauso. Die Leibeigenen und Hörigen unterschieden sich von antiken Sklaven v.a. durch ihre Bezeichnung — kaum in ihrer Lebensstellung.

    Warum wohl stehen wir sonst so staunend vor den gänzlich unbegreiflichen Kulturleistungen des Mittelalters?

    Gegenfrage: stehen Sie nicht mindestens ebenso staunend vor den Kulturleistungen der Renaissance oder der Neuzeit? Ich jedenfalls stehe ebenso staunend vor der protestantisch-pfeffersäckischen St.Pauls-Cathedral, der Eleganz von Schloß Sans-Souci, dem Invalidendom oder z.B. der Österreichischen Postsparkassa von Otto Wagner …

    Das ist das Glaubenscredo des Mittelalters und das Freiheitsmanifest – ich überspitze – des christlichen Glaubens überhaupt: Der Mensch soll leben und nicht streben.

    Ein bisserl buddhistische Gleichmut täte uns hierzulande durchaus gut — aber daß der Mensch, der nicht strebt, bald nicht mehr zum Leben haben wird, ist für mich als Mann der Wirtschaft keine Frage. Anderes behaupten nur reiche Erben und/oder Leute, die durch Beziehungen zu wohlgepolsterten Beamten-Sinekuren gekommen sind. Die müssen nicht mehr Streben … nur damit kann keine Volkswirtschaft überleben. Und die Menschen in dieser ebensowenig!

    • Mcp Says:

      Das mit der Lebenserwartung ist statistischer Quark. Schon im alten Griechenland wurden viele Menschen wesentlich älter: Platon, Aristoteles, Xenophon und viele andere mehr, waren weit über 70 Jahre hinaus als sie das Zeitliche segneten. Die „Langlebigkeit“ ist mitnichten eine Errungenschaft der Neuzeit. Vielmehr fließen in die diese Statistik auch die Säuglingssterblichkeit, die vormals sehr hoch war, und jene Krankheitsfälle ein, die heute heilbar sind, früher aber den Tod bedeuteten. Was nicht heißt, dass die Lebenserwartung des Individuums, was man uns heuer weißmachen will, an sich gestiegen ist.

      Und ob die moderne Medizin ein Segen ist, bezweifle ich, nachdem ich meinen alten Herren im Sterben begleitet habe: Die Weißkittel haben ihn durch sinnloses am Leben erhalten wollen, über seine Zeit hinaus ein qualvolles Ende bereitet. Wenn ich heute noch daran denke, kommt mir die kalte Wut.

      Ach ja, die Hörigen und Leibeigenen: Man lese die mittelalterliche Originalliteratur bitte genau, um wirklich zu begreifen, was hinter dem – neuzeitlichen – Begriffe steckt. Man fange mit den Lebenserinnerungen eines Götz von Berlichingen an – nein, ausdrücklich nicht mit der Goethe-Adaption – und lese die Stellen aufmerksam, wo es um das Verhältnis des Adligen zu seinen Hintersassen geht. Von wegen Hörigkeit oder Leibeigenschaft! Ja es gab „Knechte“ und „Mägde“, Diener und Herren – aber so unfrei, so maßlos gegängelt und ausgebeutet (siehe Steuern) wie heute, war kein Mensch je zuvor. Wenn man von der antiken Sklaverei absieht. Und das meine ich ernst. Die Bauern der Vendeé – wie übrigens auch die in Deutschland – ließen sich rädern, vierteilen und ersäufen für ihren König und ihre Herren. Warum wohl? Weil sie so unfrei und unterdrückt gewesen sind? Kaum! Komme er mir nicht mit dem Bauernkrieg: Das war eine Konterrevolution gegen die Zumutungen der Neuzeit. Man lese die Forderungen der aufrührerischen Bauernhaufen ganz genau: Das waren gut katholische, manchmal etwas schwärmerische, Einwände gegen die reformatorischen Bestrebungen der Obrigkeit. Nicht ohne Grund hat Luther dagegen gewettert, genauso wie er den Papst zu Rom als Antichristen beschimpfte. Es gab kein „finsteres“ Mittelalter, schon deshalb nicht, weil die Menschen die Botschaft Christi freudig herbeigesehnt haben. Das Ende der gewalttätigen Antike markiert den Aufstieg des Christentums. Das war keine Revolution von oben, das war eine Revolte aus der Tiefe der menschliche Seele.

      Das mit der Kunst und der Neuzeit diskutieren wir ein ander mal. Das Thema füllt mehr als eine DIN A4 Seite. Aber „Kunst“ heuer kommt nicht über die Lobpreisung eines Suppenwürfels hinaus. Schau er sich um und beklage mit mir die vom Plebs zerschandelte Landschaft.

      Ich weiß, das er ein Libertärer ist und müsste ich eine Ideologie wählen, so fiele die Wahl auf Diogenes, Thoreau und Hans-Hermann Hoppe. Freilich bin ich kein Ideologe und ich meine, dass sich der „neuzeitliche“ Mensch seine 700 Kilokalorien, die er am Tag zum überleben benötigt, um ein vielfaches härter erarbeiten muss, als ein Mensch in der Antike. Die Neuzeit ist ein großer Gulag. Für drei Glas Bier am Tag schuften wir bis zum umfallen: wie blöd ist neuzeitliche Mensch wirklich? Viel blöder, so scheint es, als ein Neandertaler.

      Mein Gott, wie reich könnten wir sein, wenn wir unseren Kindern beim wachsen zusehen und sie auf ihren Weg ins Leben helfend begleiten. Die Wahrheit ist doch, dass wir den überwiegenden Tag damit zubringen müssen, uns die lächerlichen 700 Kilokalorien zu verdienen, statt uns um das kümmern, weswegen wir allein in diese Welt hineingeboren wurden: Um unsere Frauen und unsere Kinder. Amen.

  6. LePenseur Says:

    Das mit der Lebenserwartung ist statistischer Quark.

    Für die, die als Säuglinge an Bagatellinfekten, als Kinder an Kinderkrankheiten, als Jugendliche an Unter- und Fehlernährung und als Erwachsene an einer banalen Blinddarmentzündung starben, war es leider kein „statistischer Quark“. Natürlich wurden auch in Antike und Mittelalter Leute 60, 70 oder 80 Jahre alt. Nur war das eben der schäbige Rest einer Geburtsklasse, von der die Hälfte bereits vor dem 35 Lebensjahr tot war.

    Ach ja, die Hörigen und Leibeigenen: Man lese die mittelalterliche Originalliteratur bitte genau, um wirklich zu begreifen, was hinter dem – neuzeitlichen – Begriffe steckt.

    Als österreichischer Jurist der ganz alten Studienordnung (der „Thun-Hohenstein’schen“) mußte ich noch eine Staatsprüfung und ein Rigorosum aus „Deutschem Recht“ ablegen. Glauben Sie mir: ich weiß daher, wie die Rechtsstellung von Leibeigenen und Hörigen im Mittelalter war! Und der Vergleich mit heute macht mich sicher, daß ich kein Leibeigener sein möchte.

    … aber so unfrei, so maßlos gegängelt und ausgebeutet (siehe Steuern) wie heute, war kein Mensch je zuvor.

    Sie wissen aus meinem Blog, daß ich gegen die Gängelung und konfiskatorische Besteuerung wettere. Aber das, was Sie hier behaupten, ist schlichtweg Unsinn! Heute haben Sie im Gegensatz zu früher immerhin noch die Möglichkeit, sich dem Steuerdruck durch ÜBersiedlung in ein Niedrigsteuerland zu entziehen (was z.B. einem Leibeigenen nicht freistand). Wenn man Sie zu gängeln versucht, können sie durch Rechtsmittel bis zum Abwinken dagegen ankämpfen, und vielfach mit brauchbaren Gewinnchancen. Ist mühsam, keine Frage. Aber Freiheit gab’s nie zum Nulltarif. Auch für einen Leibeigenen nicht!

    Die Bauern der Vendeé – wie übrigens auch die in Deutschland – ließen sich rädern, vierteilen und ersäufen für ihren König und ihre Herren. Warum wohl?

    Dann lesen Sie einmal hier die Zusammenfassung
    http://www.bauernkriege.de/EuropaNEUZEIT.html
    Da sieht es ein bisserl anders aus. Und für meinen Teil kann ich nur sagen: ich sähe überhaupt keinen Grund, mich „für meinen König“ oder „meinen Herrn“ rädern, vierteilen und ersäufen zu lassen. Wer dazu bereit ist, ist entweder ideologisch verblendet oder Masochist! Bekanntlich hat der Mensch nur ein Leben (lassen wir die Hoffnung auf’s Jenseits mal außen vor), und deshalb ist es wohl nur für ganz hohe, ganz entscheidende Güter opferungswürdig (z.B. das buchstäbliche „Leben meiner Kinder“ in einem Unglücksfall). Aber Könige oder Grundherrn gehören nach meinem Geschmack eindeutig nicht zu diesen Gütern. No way!

    Es gab kein „finsteres“ Mittelalter, schon deshalb nicht, weil die Menschen die Botschaft Christi freudig herbeigesehnt haben.

    … und schön brav das Maul gehalten haben, wenn die geistlichen wie weltlichen Grundherren sie wieder mal bis aufs Blut aussaugten. Der Rest, der das nicht so charmant fand und es vorzog zu denken, ohne die Grenzen der kirchlichen Lehre und staatlichen Unterwürfigkeit einzuhalten, hat halt eine „zur höheren Ehre GOttes“ verkürzte Lebenserwartung. Sorry, so erstrebenswert will mir das nicht erscheinen!

    Freilich bin ich kein Ideologe und ich meine, dass sich der „neuzeitliche“ Mensch seine 700 Kilokalorien, die er am Tag zum überleben benötigt, um ein vielfaches härter erarbeiten muss, als ein Mensch in der Antike.

    Glaube ich nicht. Das Leben ist heute in einer Weise bequem geworden, wie es sich unsere Vorfahren nie vorstellen konnten. Lektüreempfehlung dazu: Svend A. Madsen, „Sieben Generationen Wahnsinn“
    http://www.weltbild.at/3/14447296-1/buch/sieben-generationen-wahnsinn.html

    Für drei Glas Bier am Tag schuften wir bis zum umfallen: wie blöd ist neuzeitliche Mensch wirklich? Viel blöder, so scheint es, als ein Neandertaler.

    Mag sein — es ist aber ein Verhalten, zu dem die meisten sich aus freien Stücken entschlossen haben. Ich rede hier nicht der sozialen Hängematte, dem Sozialparasitismus das Wort (als Selbständiger wäre das auch schwer möglich)! Aber niemand hindert mich, im Leben Prioritäten zu setzen. Ein Bekannter arbeitet z.B. sehr entspannt und gönnt sich viel Freizeit. Das geht halt nur, weil er auf ein eigenes auto verzichtet, so kommt er auch ohne viel Anstrengung über die Runden etc. Im Gegensatz zu einem Klienten, der sich halb totarbeitet und beratungsresistent ist. Der wird vermutlich in ein paar Jahren umfallen und lachende Erben hinterlassen. Na, wenn er so blöd ist …

    • Mcp Says:

      Wir lesen unterschiedliche Bücher.🙂

      Die Behauptung der angeblich gestiegenen Lebenserwartung bleibt trotzdem eine statistische Lüge, weil man so tut, als hätte die Neuzeit die biologische Lebenserwartung verlängert: Das hat sie mitnichten. Und nochmal ein Argument, was Sie vollkommen ausblenden: Die künstliche Verlängerung des Lebens im Sterbebett per Apparatemedizin ist kein Fortschritt, sondern Folter.

      Verwechseln „wir“, hinsichtlich alter Rechtsordnungen, nicht genau das, was Sie mir hinsichtlich der Kunst vorwarfen: Mittelalter und frühe Neuzeit? Mir sind die schriftlichen Gängelungen durchaus bekannt: Aber sie betrafen ausschließlich und schlussendlich den urbanen Raum. Von wegen: Stadtluft macht frei.

      Die Herrschaft auf dem Bauernhof bestimmte der Vater und freilich, der führte ein strenges Regiment, weil jeder plötzlich einbrechende Regen ein paar Monate später hätte Hunger bedeuten können, wenn man das Heu oder die Ernte nicht rechtzeitig vom Feld bekam. Meine Großmama, jüngste und letzte von neun Töchtern auf dem großelterlichen Hof erzählt oft noch solche Episoden. Sie hat den Vater gefürchtet, aber nimmer gehasst. Und er ist der einzige Herr, der in der Erinnerung geblieben ist. Nicht einmal an den Pfaffen erinnert sie sich. Obwohl sie immer noch betet. Naja, für einen ungläubigen Libertären ist natürlich schon die Herrschaft des Vaters die blanke Diktatur an sich. Ach ja, irgendwo im Dorf gab es auch adlige Herrschaft. Mag sein, die hatten Mägde und Knechte – mein Vorfahr allerdings hat nur abschätzige Worte über die hinterlassen. Möglich, dass er schon sozialistisch infiltriert war. Glauben tue ich dies allerdings nicht.

      Ich würde mich sehr wohl für meine Kinder und meine Frau vierteilen, rädern oder ersaufen lassen, deshalb bin ich kein Ideologe. Das kann nur jemand behaupten, der nichts zu verteidigen hat, außer sich selbst. Darüber hinaus gäbe es schon einiges mehr, was der Verteidigung mit Leib und Leben wert wäre. Der Hof, das Dorf, die Landschaft. Die Sterbensbereitschaft nimmt, zugegeben, mit der Abstraktion der Begrifflichkeit ab. Wer nur noch Abstraktionen verteidigt, dem fällt, das verstehe ich, das Sterben sehr schwer. Offenbar haben Sie nichts mehr zu verlieren, dass den Einsatz ihres Lebens lohnte. Nun ja – ihre Sache.

      Und hach: Ja, die lustigen Internetseiten übers Mittelalter, wie es angeblich wirklich war, die zeichnen sich alle durch äußerste Objektivität und Wissenschaftlichkeit aus, schon klar. Ich verweise nicht ohne Grund auf Originalliteratur. Einen Hinweis, den Sie scheinbar ignorieren. Nun ja, vermutlich auch deshalb, weil unkommentierte mittelalterliche Handschriften literarisch eher zu den Seltenheiten zählen und der moderne Mensch natürlich nur moderne Mythen mag. So wie das, vom finsteren Mittelalter.

      Und nehmen Sie diesen Text bitte so wenig persönlich, wie ich ihre Erwiderung nehme. Sie bleiben mir ein hoch geschätzter Gesprächspartner, auf dessen Gegenwart ich nur ungern verzichten würde. Trotz aller Entschiedenheit mit der ich einige Ihrer Sätze zurückweisen muss.

      Mit Österreichern haben wir Deutschen ein paar ungute Erfahrungen.🙂

      • LePenseur Says:

        Mit Österreichern haben wir Deutschen ein paar ungute Erfahrungen. 🙂

        Mag sein — aber die haben die Deutschen sich wohl selber eingebrockt. Denn gewählt haben ihn schließlich Ihr Piefkes, und net wir …

      • Mcp Says:

        🙂

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