Moloch Stadt

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Es gibt eine faszinierende Theorie zur demografischen Entwicklung von Industrieländern, die eine Vielzahl moderner Erscheinungen erklärt, zumindest aber einen sinnvollen Ansatz zum Nachdenken bietet.

Städte, so die Beobachtung, sind tendenziell Geburten- und familienfeindlich. Die Geburtenrate in deutschen Metropolen liegt nicht nur deutlich unter denen ländlicher Gebiete, sie reicht in der Regel nicht einmal aus, um die einfache Reproduktion der städtischen Bevölkerung zu gewährleisten. Die Großstädte sind demnach auf steten Zuzug angewiesen, um ihre Sterberate auszugleichen. Wie dramatisch die Situation in den Metropolen tatsächlich ist, lässt sich am Ausländeranteil ablesen. So ist Hamburg, trotz Zuzug, seit 1964 nicht mehr gewachsen; im Gegenteil sank die Einwohnerzahl vom 1,9 Millionen auf gegenwärtig 1,6 Millionen ab, trotz eines offiziellen Ausländeranteils von 22 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Mit anderen Worten wäre die autochthone Bevölkerung dieser Stadt ohne auswärtigen Zuzug in nur 40 Jahren um ein ganzes Drittel geschrumpft. Wenn das nicht dramatisch genannt werden darf, was dann?

Historisch gesehen haben die Großstädte die hohen Geburtenraten der ländlichen Regionen aufgefangen, wobei sich Fertilitätsrate der Zugezogenen schon nach einer Generation dem urbanen Umfeld angepasst hat, was heißt, dass die Geburtenrate unter die Sterberate sank. Meine Großmutter war die neunte Tochter einer 16köpfigen Familie. Derartige Familiengrößen waren im ländlichen Deutschland des vorigen Jahrhunderts Regel statt Ausnahme. Ein Großteil des überzähligen Nachwuchses wanderte in die Großstädte ab, schon deshalb, weil der Hof nicht alle Münder auf Dauer nähren konnte.

In entwickelten Ländern haben sich die ehemals großen Unterschiede zwischen Stadt und Land marginalisiert und sich auch hinsichtlich der Geburtenraten weitgehend angeglichen, wie wohl immer noch signifikante Unterschiede nachwirken. Der Geburtenüberschuss ländlicher Regionen reicht heute allerdings nicht mehr aus, um urbane Populationen stabil zu halten. Es liegt in der inneren Logik der Urbanisierung, dass die Städte nunmehr ihren „Menschenbedarf“ dort befrieden, wo er anfällt: im weniger entwickelten Ausland, dort wo die exorbitanten Geburtenraten anfallen. Der angebliche Migrationsdruck ist ihn Wahrheit ein Sog, der von den großen anglo-amerikanischen und europäischen Metropolen ausgeht. Ihr unersättlicher Hunger nach „Frischfleisch“ ist es, der die moderne Völkerwanderung erst auslöst.

Derartige Überlegungen sind nicht neu, sie wurden schon man Bismarks Zeiten angestellt. Denker, die in dieser Tradition stehen, sahen den Gegensatz nicht zwischen Rassen oder Klassen, sondern zwischen Stadt und Land. Nicht ohne Grund entlud sich der revolutionäre Terror mit genozidalen Zügen nach 1789 zuerst in der Vendee und nach 1917 gegen die russischen „Kulaken“, die in ihrer Masse nicht Großgrundbesitzer, sondern lediglich kleine Einzelbauern waren.

Zumindest in Europa tobte der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Stadt und Land seit dem Ausgang des Mittelalters, also seit 1500; beginnend mit dem Bauernkrieg, der ganz offensichtlich eben keine frühbürgerliche „Revolution“ war, sondern sich von seinen Zielen und Forderungen gegen die Zumutungen der Neuzeit richtete. Es war eine schwärmerische, zutiefst katholische Revolte zur Wiederherstellung der „guten alten Zeit“, die erst Luthers reaktionärer Konterrevolution im Bündnis mit einem weitgehend urbanisierten Adel zum Opfer fiel. Denn nichts anderes war die viel gerühmte Reformation: die Reaktion auf den Aufstand des Landes gegen die beginnende, wie bedrückende Vorherrschaft der mittelalterlichen Städte. Man lese die Lebenserinnerungen eines Götz von Berlichingen; ausdrücklich das Original und eben nicht den Goethe.

Ironie der Geschichte: Die moderne Großstadt in ihrer ganzen Lebensfeindlichkeit kann ohne das lebensbejahende, fruchtbare Land nicht zu existieren. Ohne Urbanisierung verschwänden die Metropolen ob ihrer inerten Impotenz in weniger als drei Generationen von der Erdoberfläche. Wenn jemand fragt, warum antike Hochkulturen scheinbar plötzlich und unvermittelt aus Geschichte verschwanden, der wird hier einen Ansatz finden, der das Phänomen erklärbar macht. Als die Germanen mit Rom fertig waren, war die ehemalige Metropole für knapp 800 Jahre nicht mehr als ein kleines, unbedeutendes Kuhdorf.

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2 Antworten to “Moloch Stadt”

  1. Don't care Says:

    Gilt das Schrumpfungsgesetz auch für Metropolen der 3-ten Welt ? – Z. B. solche Moloche wie Mexico Stadt, beruht deren Expansion nur auf Zuzug v. aussen , oder auch auf Vermehrung der schon ansässigen Stadt(Slum)-Bevölkerng ?- Daher wäre es interessant , ob das beschr. Phänomen sich nur auf den Gegensatz Stadt/Land bechränkt, oder auch eine Kulturelle/zivilisatorische und auch historische Dimension hat ?

    • Mcp Says:

      Ja. Das gilt. Das mittlerweile Mexico-City und andere südamerikanische Metropolen stagnieren, liegt daran, dass sich die Migranten – offizieller UNO-Bericht aus 2008 – lukrativere Ziele suchen. Na wo wohl?

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