Weniger als ein Vogelei

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Es gehört zu den Absonderlichkeiten moderner Ethik, dass ein Vogelei im Fokus des westlichen Rechtssystems mehr Wert besitzt als ein menschlicher Fötus. Wer die Eier einer bedrohten Vogelart zerstört, dem drohen unter Umständen drakonische Haftstrafen [1], während die Abtreibung eines Menschen straffrei bleibt.

Dabei besteht zwischen einer befruchteten Eizelle im Mutterleib und einem Vogelei kein wesentlicher Unterschied: Ohne befruchtete Eier entstünde in beiden Fällen kein Leben. Tatsächlich erfüllt die Zerstörung eines rohen Eies den Tatbestand der Abtreibung. Zumindest metaphorisch.

Man muss sich in diese erstaunliche Perspektive hineindenken, um ihre ganze Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Auch wenn man den „Artenschutz“[2] nicht in Frage stellt, eröffnet dieser Sichtwinkel einen Blick dafür, wie schnell das menschliche Denken jeden vernünftigen Maßstab verliert, wenn es keine absolute moralische Verankerung mehr hat. Jeder Wahnsinn kann im Rahmen relativistischer Koordinatensysteme plausibel gemacht werden, ohne das Menschen bemerken, dass sie in die Barbarei abgleiten, weil der Blick auf Ganze verbaut ist. Für sich genommen, ist der Artenschutz eine scheinbar gute Sache, erst wenn man über den Tellerrand schaut, bemerkt man die Entwurzlung der Vernunft, das große Ausmaß der Verheerung, welches Aufklärung, Säkularismus und Atheismus angerichtet haben. [3]

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[1] Solche Täter können mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt werden. Tatsächlich gibt es mittlerweile mehrere solcher Urteile gegen semiprofessionelle „Eisammler“, die Gelege bedrohter Vogelarten geplündert haben.

[2] Hinzu kommt: Wenn es eine Katastrophe mit anthropogen Ursachen gibt, dann ist es nicht die Erderwärmung, sondern das weltweite Artensterben, auf das der Mensch wieder einmal keine ethischen Antworten, wie Selbstbeschränkung, findet, sondern sich als Technokrat generiert, der den aberwitzigen Wunderglauben pflegt, dass eine einmal zerstörte Wildnis durch Gendatenbanken und anderen technischen Schnickschnack reproduzierbar wäre. Siehe Jurassic Park.

[3] Der Mensch hat nur die Möglichkeit relativistisch zu denken. Seine individuellen Freiheitsgrade reichen nicht für einen Gesamtüberblick. Im Fortschreiten des empirischen Wissens wird es ihm immer unmöglicher einen Überblick auch nur näherungsweise zu erhalten. Selbst in der Renaissance und ihrem höchst begrenzten Wissen war diese Gabe nur wenigen vergönnt. [4]

Um so wichtiger werden Gottes Gebote, modern auch „antropologische Konstanten“ genannt. Damit sind jene Regeln gemeint, die unabhängig von der Religion, der Kultur, der Region oder der Rasse immer und immer wieder auftauchen.

Kleidung anzulegen, zu tanzen, zu singen, Ehen zu schließen, Kinder zu kriegen, die Treue zu halten, Mutter und Vater zu ehren oder jene vielfältigen anderen Tugenden, die immanenter Bestandteil unserer Gewissensregung sind, egal woher der Mensch kommt oder an was er glaubt. Vorausgesetzt natürlich, er glaubt überhaupt. Es gibt auch statistische Ausreißer. Folterknechte, Terroristen und ähnlicher menschlicher Müll. (Das sind die, die in der Hölle in der landen.)

Ich glaube, dass wir dies nicht unbedingt verstehen können oder werden, es aber wichtig ist, weil es uns einen Überblick darüber verschafft, was wir tun dürfen und wie wir uns entscheiden können. Wenn wir etwas nicht verstehen können, es uns aber wichtig erscheint, dann müssen wir glauben. Dafür ist Glaube da.

Wenn etwas nicht zu beweisen ist, mir meine Frau, meine Tochter oder Söhne in die Augen blicken, mich darum bitten ihnen zu glauben. Dann glaube ich blind. Das ist die einfachste Form des Glaubens, die der Nächstenliebe.

Ich persönlich glaube, diese Regeln kommen von Gott, irgendjemand hat sie uns aufgeschrieben, in die Gene programmiert. Von mir aus auch in die „Evolution“, die für andere nur ein neuer Name für Gott ist. Ich kann Gott auch Zufall oder „spontane Selbsterzeugung“ nennen. Mit solcher Semantik habe ich keine Probleme. Als Studenten haben wir uns Nächte lang die Köpfe darüber heißgeredet. [Natürlich auch, um die anwesenden Mädels damit zu beeindrucken. Vielleicht war’s auch der Hauptgrund. Aber dann war es Gott gewollt.]

[4] Kein sich selbst organisierendes System hat die Möglichkeit sich selbst vollständig zu analysieren. Sagt zumindest die Informationstheorie. Damit ist auch die Grenze für die Selbstreproduzierbarkeit solcher Systeme gezogen: Keine Kopie kann besser sein als ihr Original. Womit wir bei der Vererbung, dem Zweiten Hauptsatz und der Entropie wären. Das zufällige Mutationen zur Überschreitung dieser Grenze führen, ist empirisch noch nie beobachtet wurden, auch weil die Behauptung, dass Komplexität höhere Freiheitsgrade impliziert, auf äußerst tönernen Füßen steht. Der umgekehrte Fall ist gar der Wahrscheinlichere. Höhere Systemkomplexität führt zur Spezialisierung, damit zu weniger Freiheitsgraden, geringerer Anpassungsfähigkeit und schließlich, durch sich immer schneller aufschaukelnden Anpassungsdruck, zum Chaos, zum Systemtod. [5]

Aber gemach, jedes nichtlineare Gleichungssystem sucht sich, in der Regel, von den Unlösbaren abgesehen, flugs ein neues Paradies, das der Mathematiker eine Gleichgewichtsinsel nennt. Dort leben die Elemente nicht mehr im Krieg, sondern in vollkommener Harmonie: dem weißen Rauschen eines kaputten Fernsehbildes gleich. Von wegen Harfenklänge.

Genug Ironie, die keiner versteht.

[5]. In gewisser Weise verstehe ich die Ausnahme Mensch, ohne sie jedoch zu begreifen. Das ist ausnahmsweise nicht ironisch gemeint.

Der Mensch ist Allesfresser. Seine Besonderheit ist, das sein gesellschaftlicher Magen auch anorganisches und hochgiftiges Futter verdaut. Er frisst sich querbeet durch die Speisekarte der Elemente. Er verbraucht alles, Kohle, Erdöl, Uran, Silikat, Sand, Wasserstoff, Bohr, Brom – einfach alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Kein anderes Lebewesen ist dazu in der Lage. Er frisst, wie ein Schimmelpilz den ganzen Brotkrummen, irgendwann den ganzen Planeten auf.

Vielleicht ist dies ja der göttliche Heilsplan: die Entropie.

Das ist jetzt wieder Ironie oder auch nicht.

Ich habe in zu viele Zahlenkolonen geschaut und Muster gefunden, um mir da noch selber ganz sicher zu sein.

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6 Antworten to “Weniger als ein Vogelei”

  1. Cajus Pupus Says:

    Lassen wir mal den „lieben“ Gott aus dem Spiel.

    Mein lieber MCP,

    im Grunde hast Du vollkommen Recht mit Deinen Ausführungen. Nur gebe ich zu Bedenken, selbst im Tierreich wird rigorose Auslese betrieben. Siehe den Kuckuck! Wenn der kleine Kuckuck, den wir als Schmarotzer bezeichnen können, größer wird, schmeißt der Kuckuck evtl. vorhandene andere Jungvögel seiner „Gast-Eltern“ aus dem Nest.

    Wenn ein Vogelpärchen feststellt, dass ein Junges von ihnen nicht überlebensfähig ist, wird es nicht mehr weiter gefüttert bzw. aus dem Nest geworfen. So ist das bei den anderen Tierarten genauso. Das heißt also in unseren Worten: Nur der stärkste und gesündeste überlebt.

    Die nächste Tierart die aussterben wird durch des Menschenhand werden die Bienen sein. Sollten diese tatsächlich aussterben, wird das ein Rattenschwanz von, ich sage mal ganz einfach: Aussterbungen geben. Denn wenn kein Obst bestäubt wird, wird die Nahrungskette rigoros unterbrochen.

    Übertragen wir das auf die Menschheit, finde ich persönlich es ganz in Ordnung wenn ein krankes, nicht überlebensfähiges Kind abgetrieben wird. Alles andere, wie: Ich will jetzt kein Kind, oder das war ein Betriebsunfall und so was, würde ich unter Strafe stellen und als Mord am Ungeborenen verurteilen! Sogenannte wirtschaftliche Gründe lasse ich auch nicht gelten. Wenn die Frauen bumsen können, dann haben sie auch die Konsequenzen zu tragen und die moralische Verpflichtung, das Kind anzunehmen und eine Mutter für das Kind zu sein!

    Um jetzt mal noch mal auf den „lieben“ Gott zu kommen. Er kann gar nicht so lieb sein, wie er immer dargestellt wird. Wenn es wirklich einen gibt, dann könnte er auch dafür Sorge tragen, dass solche zum Himmel schreiende Taten nicht vollbracht werden! Wie die Abtreibung! Wie das Morden! Usw. Ich will jetzt nicht tiefer gehen, da ich glaube, dass Du, mein lieber MCP es auch weißt, ohne dass ich darauf aufmerksam mache.

    Nun denkst Du bestimmt ich wäre ein Atheist. Dem ist nicht so. Ich bin kath. getauft, firmiert, erzogen und aufgewachsen. Nur bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil ich mit dem „Bodenpersonal“ nicht einverstanden bin. Auf jeden Fall weiß ich, dass irgendwo ein höheres Wesen geben muss, der all die Dinge regelt. Woher weiß z B. das weibliche Ei, wenn es von einer Spermie befruchtet wurde, sich zu teilen und einen Menschen erstehen lassen? Woher weiß das Samenkorn, dass es sich zu einem Baum entwickeln muss? Woher weiß die Apfelblüte nach Besuch der Biene, dass sie sich zu einem Apfel entwickeln muss?

    OK. Die Wissenschaft sagt dieses und jenes und erklärt es auch nach den Naturwissenschaftlichen ?Gesetzen?. Aber irgendwo am Anfang dieser Welt muss es meines Erachtens nach eine ordnende Hand gegeben haben. Bei einen heißt die ordnende Hand Gott, bei andern Manitou, Allah, Buddah und wie sie alle heißen mögen. Im Grunde ist es nur einer der darüber wacht!

    Ich bin es nicht!

  2. LePenseur Says:

    Chapeau!

  3. Gastleser Says:

    „…selbst im Tierreich wird rigorose Auslese betrieben“

    Der Unterschied zwischen Natur und Kultur.

    „…finde ich persönlich es ganz in Ordnung wenn ein krankes, nicht überlebensfähiges Kind abgetrieben wird“

    Ich war einmal in der Lage, mich mit dieser Frage näher auseinandersetzen zu müssen. Bei meinem zweiten Kind war eine Fruchtwasser- Untersuchung angezeigt (die Gründe waren eher kompliziert – aber irgendwie auch albern). Zum Glück war der Befund negativ, aber ich möchte nicht beschwören, wie wir gehandelt hätten, wenn nicht. Sechs Jahre später ist meine Tochter ist gesund und intelligent und ich liebe sie abgöttisch – was wäre wenn die Wissenschaft genau in diesem Moment versagt hätte? Ihr Satz gefällt mir nicht, auch wenn ich ihn nicht hundertprozentig verneinen kann.

  4. Cajus Pupus Says:

    Hallo Gastleser,

    ich darf Dir gratulieren, dass Du eine gesunde und intelligente Tochter hast.

    Du fragst, was wäre wenn die Wissenschaft sich geirrt hätte? Ich glaube, dass es nicht nur bei einer Untersuchung geblieben wäre. Und die Entscheidung hätte auch bestimmt ein Ärztegremium besprochen. Sowas wird nicht alleine vom Assitensarzt oder Stationsarzt entschieden. Zumal Fruchtwasseruntersuchungen ja auch nicht ohne sind.

    Zu meinem Satz: er ist bestimmt etwas überspitz dargestellt, im Grunde aber richtig.

    Mfg

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