Sozialdemokratisch beleuchtet

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Gerhard Schröder sieht die Demokratie bedroht. Wenn Bush eine Entscheidung im Gebet erfahren habe, sei keine Diskussion möglich gewesen.[1]

 
Schröder hat die Antinomie zwischen Demokratie und Religion ziemlich genau erfasst. Der Glaube ist nichts, worüber eine Mehrheit zu entscheiden hätte. Jesus ist kein Demokrat, sondern König der Welt. Wir können nicht per Handaufheben darüber entscheiden, ob Gott existiert oder nicht.

Eine christlich fundierte Politik beruht auf Glaubensgrundsätzen, die für einen Gläubigen genauso wenig zur Disposition stehen, wie die „Menschenrechte“ für Humanisten. Dass die großen Kirchen ihren universalistischen Glaubensanspruch an die Linksliberalen abgetreten haben, ändert nichts daran, dass der Glaube ebenso unabdingbar ist, wie er nicht beliebig sein kann und das Glaubensbekenntnis dann besonders gefragt scheint, wenn es durch Antichristen handgreiflich in Frage gestellt wird.

Ein christlicher Politiker, der seinen Glauben ernst nimmt, der tritt der Demokratie mit äußerstem Misstrauen gegenüber. Nicht ohne Grund waren alle Volksdemokratien der Vergangenheit aggressiv atheistisch. Christen können in einer Demokratie höchstens überleben, meistens aber wurden sie aggressiv verfolgt. Ein Christ kann dort nichts gewinnen.

Der Begriff „Christlich Demokratische Union“ ist ein Oxymoron, das nur deshalb nicht schon längst auseinandergeflogen ist, weil die repräsentative Demokratie einerseits und der sinkende Einfluss christlicher Lehrämter anderseits, den Antagonismus abgemildert haben. Der Druck auf den Glauben ist latent. Die „Missbrauchsdebatte“ zeigt, dass Verhältnisse jederzeit kippen können. Da mache ich mir keine Illusionen. Der demokratische, linksliberale Mob lauert in seinen Rattenlöchern; die Stimmung wird systematisch aufgeheizt. Nicht nur gegen Christen. Dies mag dramatisch klingen, ist es vielleicht auch. Aber besser, auf das Schlimmste vorbereitet, als davon überrascht zu werden.

Zum anderen lässt sich das Argument Schröders leicht gegen den Urheber selber kehren: Wer von der „Unveräußerlichkeit“ der Menschenrechte überzeugt ist, der wird sich widersprechenden Argumenten genauso verschließen, wie qualifizierten „demokratischen“ Mehrheitsmeinungen; der ist nicht weniger antidemokratisch als ein religiös „Erleuchteter“. Und antidemokratische Tendenzen sind bei radikalen Linksliberalen nicht weniger ausgeprägt als bei religiösen Fundamentalisten.

Viel besser kann man diesen Zusammenhängen im Übrigen im islamischen Raum nachspüren. Aber Schröder weiß natürlich ganz genau, wo er folgenlos kritisieren kann, ohne dass er Gefahr läuft, dass man ihm Gurgel durchschneidet oder einen Selbstmordattentäter auf den Hals schickt.

Soviel Mut kann ein sozialdemokratisch „Beleuchteter“ natürlich nicht aufbringen.

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[1] Fundamentalismus: Schröder warnt vor „erleuchteten“ Politikern; WELT ONLINE.

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3 Antworten to “Sozialdemokratisch beleuchtet”

  1. Christoph Says:

    Als freundlich gesinnter Leser dieses Blogs möchte ich diesen jüngsten antidemokratischen Reflex, der für uns Christen etwas Vegetatives und Neurologisches zu sein scheint und auch mir nicht ganz fremd ist, unbedingt zurück zum Demokratischen wenden. Denn die Thebaner haben schon keine historischen Könige mehr aufzubieten und verweisen in ihrer Mythologie auf einen letzten König zurück. Die Demokratie muß bei ihnen so alt gewesen sein, daß ihr Anfang in den Mythos hineinreicht. Könige waren für die Thebaner klassischer Zeit sagenhafte Figuren. Als Christ prüfe ich meine wahre Meinung darauf, ob ich nicht in Wahrheit Monarchist bin. Ich möchte es aber nicht aus Originalitätssucht sein. Aus Originalitätssucht wäre ich sowieso lieber Thebaner, Grieche und Demokrat.

    • Mcp Says:

      Na gut. Aber die Thebaner oder sonstige Griechen waren keine Christen. Christus wurde ein paar Jahrhunderte später geboren.

      Vermutlich, dies ist jetzt nicht sehr theologisch, aufgrund dieser „demokratischen“ Erfahrungen. Zumindest ist das Mittelalter ein tausendjähriger Reflex auf die traumatischen Erfahrungen der Antike.

      Es ist ein wenig Ulk in der Erwiderung. Ich hoffe, Du nimmst mir dies nicht allzu übel.

  2. Imrahil Says:

    Der Begriff der „christlichen Demokratie“ ist lehramtlich definiert, siehe dazu Leo XIII., Enzyklika „Graves de communi re“, und hat nach des Papstes eigener Aussage nichts mit der demokratischen Staatsform zu tun (ebd. Absatz 7).

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