Der Duz-Faschismus

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In Schweden duzen sich alle, klärte mich neulich ein Freund aus Göteborg auf. Aber wirklich alle. Man duzt den Chef, den Verkäufer im Laden, den Kellner im Café, den Kontrolleur in der U-Bahn. Wenn einem der Ministerpräsident auf der Straße begegnet, kann man ihn duzen und mit dem Vornamen anreden. Allenfalls sehr alte Leute und der (ziemlich verlotterte) König werden noch gesiezt. Irgendwann in den Siebzigern Jahren haben sich diese Umgangsformen durchgesetzt und sind heute nahezu alternativlos.[1]

In Schweden ist es auch möglich wegen eines geplatzten Kondoms beim Geschlechtsakt der Vergewaltigung bezichtigt zu werden, siehe Assange. Da wundert der „Duz-Faschismus“ (Lichtmesz) eigentlich nicht.

Trotzdem greift Lichtmesz ein Thema auf, was auch mich furchtbar nervt: die dauernde „Duerei“ der hiesigen Plebejer.

Das ‚Sie‘ ist Etikette, sollte gute Sitte sein. Das ‚Du‘ wird angeboten und zwar nachdem man mit seinem Gegenüber Pferde stehlen war, wenn also ein gewisser Grad an Vertraulichkeit erreicht wird, der auf gemeinsam durchlebten oder gemeinsamen Denken ruht. Wenn ein Mensch mein Vertrauen errungen hat, dann, aber auch erst dann, biete ich ihm das ‚Du‘ an.

Statt dessen muss man sich heute sogar von Priestern anpöbeln lassen, wenn man auf dem ‚Sie’ besteht und höflich das ‚Du’ verweigert. Dabei ist der von der Sitte gelöste Gebrauch des ‚Du’ durch und durch sozialistisch, weil es im Sinne von ‚Genosse’ und ‚Kamerad’ verwendet wird, wo die Mitgliedschaft in einer Partei oder Bewegung schon ausreicht, um vollkommen Bildfremde duzen zu müssen. Was sich früher wenigstens noch auf politische Gemeinschaften beschränkte, hat heuer die ganze Gesellschaft, vom Internet ganz zu schweigen, angesteckt. Dahinter steckt der Gleichheitswahn der Plebejer, die über Sprache einen jeden auf ihr Niveau nivellieren wollen.

Wir, Sie, Du. Der Abstieg von der dritten zur ersten Person. Drei Stufen des kulturellen Niedergangs. Der Eingeweihte wird wissen, von was ich hier schreibe.

Vom Verlassen der transzendenten Welt. Vom Golden, Bronzenen und Eisernem Zeitalter.

_____________
[1] Duzen auf Schwedisch; Sezession im Netz.

4 Antworten to “Der Duz-Faschismus”

  1. LePenseur Says:

    Bezüglich der wahllosen Duzerei — völlig d’accord.

    Nur im letzten Satz sollte der Eingeweihte eigentlich wissen, wovon Sie hier schreiben.😉

    • Don't care Says:

      Nuuur geinne üüübertriehhpenne Haaaarspalthery, was die Orrrdoggraffie anpelanckt, und auch bestimmmde sünndacktische unnd semmandische Spitzfindickgeiden sind doch im Grunnde dääblatzierd.

      Wöshalb iss denn der opige „Bildfremde“ nichd epenfallds anmonnierd worden ?🙂 🙂

  2. alipius Says:

    „Wir, Sie, Du. Der Abstieg von der dritten zur ersten Person. Drei Stufen des kulturellen Niedergangs. Der Eingeweihte wird wissen, von was ich hier schreibe.“

    ** grins **

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