Gnade vor Recht

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Benedikt XVI. hatte am Montag in Rom bei seinem traditionellen Neujahrsempfang für die Diplomaten am Heiligen Stuhl die pakistanische Regierung dazu aufgerufen, das Gesetz aufzuheben – „umso mehr, als es offensichtlich als Vorwand dient, um Ungerechtigkeit und Gewalt gegen die religiösen Minderheiten zu provozieren“. [1]

Ich habe damit ein grundlegendes Problem, denn natürlich hat Macht die Legitimation Minderheiten zu drangsalieren. Solchem Handeln mag – vielleicht – die Legitimität fehlen, aber das ändert nichts an den konkreten Machtverhältnissen.

Der Papst, selbst weitgehend machtlos, sollte die Legitimation nicht in Zweifel zu ziehen, sondern demütig das Haupt vor der derselben, die ihn selbst rechtfertigt, beugen und um Gnade für seine Glaubensbrüder bitten, sie aber mitnichten fordern.

Die Bitte um Gnade hat sich in der christlichen Geschichte immer als viel mächtiger erwiesen, als die hochmütige Forderung nach irgendwelchen imaginären Rechten: Gnade vor Recht ist Teil christlicher Offenbarung.

Unsere Feinde sind nicht minderwertig, wir stehen als Menschen auf absolut gleicher Augenhöhe. Unabhängig davon, was unsere Gegner glauben, sie bleiben Menschen, sie sind nicht als Menschen mit minderwertigen Überzeugungen herabzuwürdigen und dies ist ein unveräußerlicher Teil der christlichen Botschaft, genauso wie der Teil, dass wir selber keinen Deut von unserem Glauben nachzugeben haben.

Daher haben die Pakistaner jedes Recht ein Blasphemiegesetz zu erlassen, genau deshalb ist der Behuf auf die Gnade vor Recht die einzig christliche Position, die zulässig und vermutlich auch erfolgreich ist.

Eine Berufung auf die Legitimität, statt auf die Legitimation stärkt lediglich den westlichen Menschenrechtsimperialismus, als dessen Teil sich die Christenheit nicht generieren sollte.

Wir sind keine „Westler“, sondern Christen.

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[1] Blasphemiegesetz: Pakistan weist Kritik des Papstes zurück ; FAZ.NET.

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16 Antworten to “Gnade vor Recht”

  1. nk Says:

    „““Menschenrechtsimperialsmus“““ Da ist in der Tat was dran.

    Die Kirche läuft Gefahr, sich vor einen weltlichen Karren spannen zu lassen.

    Die Begriffe Legitimität vs Legitimation verstehe ich in Deinem Beitrag nicht. Sollte das nicht der Gegensatz zwischen Legitimität als moralisch-sittlicher Richtigkeit und Legalität als Einhaltung von formalen Prozessen sein.

    Macht kann legal oder nicht legal und legitim oder nicht legitim sein, beide Fragen scheinen mir unabhängig voneinander.

  2. Mcp Says:

    Pakistan oder andere handeln innerhalb ihrer Souveränität legal. Legitim allerdings nicht, weil sie die UNO-Charta unterschrieben haben, die derartige Gesetze delegitimiert. Siehe die Erklärung der Menschenrechte von 1948.

  3. nk Says:

    Mir sind noch ein paar Sachen aufgefallen.

    Grundsätzlich halte ich es für schwierig, aus Berichten der Mainstreammedien über päpstliche Äußerungen weiterreichende Folgerungen zu ziehen. Die Berichterstattung dort ist von Unkenntnis bis Übelwollen gekennzeichnet und die vatikanische Öffentlichkeitsarbeit macht die Sache nicht besser.

    Zur Sache: Bitte um Gnade scheint mir eine christliche und ehrenwerte Haltung zu sein, vielleicht ist sie sogar praktisch nützlich. In der Bitte um Gnade wird aber das grundsätzliche Recht des Gnade gewährenden anerkannt. Das kann meiner Meinung nach im Einzelfall durchaus auch gegenüber Unrechtsregimen in Ordnung sein.

    Dennoch kann (und muß , meiner Meinung nach) die Kirche politische Handlungen in den Kategorien des Naturrechts und der göttlichen Ordnung beurteilen und bewerten. Dieses Recht hat die Kirche schon immer für sich beansprucht und sich damit auch schon immer eine Menge Ärger mit den Herrschenden eingehandelt. Der Bewertungsmaßstab der Kirche ist aus ihrem eigenen Verständnis heraus absolut und gilt daher auch für Pakistan.

    Das ist ebenfalls eine rechtliche Erwägung, aber auf einer ganz anderen metaphysischen Basis als eine Zivilreligion der Menschenrechte. Ich denke, man kann die letztere als eine säkularisierte Schrumpfform der kirchlichen Lehre ansehen, von daher ist es nur logisch, dass es gelegentliche inhaltliche Übereinstimmungen gibt – bei diametral entgegengesetzten tieferen Gründen und Zielen !.

    Die Glaubensfreiheit speziell ist insofern zentral, als Gott den Menschen nach christlicher Lehre eben nicht zum Glauben zwingt. Der Mensch hat per Definition den freien Willen und kann die Aufforderung Gottes ignorieren.

    • Mcp Says:

      Zum Mainstream will ich nicht widersprechen.

      Was sind „Unrechtsregime“? Wer beurteilt das? Sind das jene, die unter solchen angeblich leiden oder jene, die solche von außen, durch eine gewisse Brille, betrachten? Was ist der Maßstab für „Unrecht“?

      Die Kirche muss vor allen das Wohl des Glaubens im Blick behalten. Wenn schon politisch, dann strikt im eigenen Interesse und nicht im Interesse ihr fremder, ihr im Grunde übelwollender Mächte. Heute handelt sie so wie der verlängerte Arm des Westens. Sie beruft sich, weil sie fordert, statt Gnade zu erflehen, auf dessen Flugzeugträger. Das kritisiere ich.

      Gibt es vatikanische Flugzeugträger? Oder wenigstens Galeeren, wie bei Lepanto?

      Die Kirche ist kein Anhängsel des Staates, ihr Bekenntnis zur Demokratie und anderen weltlichen Werten ist lächerlich und vor allem, es widerspricht im Grunde dem Glaubensbekenntnis.

      Ich will es anhand eines Analogons erläutern: der Ehe.

      Die Ehe ist ein Bund vor Gott, der gültig nur durch die Kirche bezeugt werden kann. Die bürgerliche Ehe, im Standesamt geschlossen, ist mitnichten gültig. Sie kein von Gott bezeugter Bund. Daher ist sie auch lässlich, das heißt lösbar. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen kirchlicher und bürgerlicher Ehe, der allerdings von der Administration verwischt wird. Der Staat maßt sich göttliche Rechte an und die Kirche sieht zu, Teile machen sogar willig mit.

      Die Meinung mag extrem erscheinen, aber sie ist es im Grunde des Glaubens eigentlich nicht.

      Religionsfreiheit lehnt die Kirche eigentlich ab: Syllabus Errorum

      Damit ich hier nicht missverstanden werde: Ich lehne keineswegs des Staat ab, nur den säkularen, nicht katholischen Staat.
      .

      • nk Says:

        Ich glaube, wir sind da in der Sache gar nicht weit auseinander, die Kirche hat sicherlich andere Aufgaben, als den Westen zu verteidigen, der ihr gerade den Rücken zuwendet und mit den Ergebnissen wird leben oder sterben müssen.

        Der Begriff ‚Unrechtsregime‘ ist durch den heutigen Gebrauch durch den Westen belastet, hat der Papst den benutzt ? Würde mich wundern.

        Bezüglich der Religionsfreiheit finde ich die heutige Position vernünftiger und mit dem christlichen Menschenbild (Freiheit des Willens) besser vereinbar. Ich will hier nicht mit Zweckmäßigkeitserwägungen kommen, die sollten in diesen Fragen keine Rolle spielen. Das Problem ist aber nicht trivial und ganz sicher bin ich meiner Position nicht. Daher ziehe ich mich hier mal auf die Erwägung zurück, dass das eben die Lehrmeinung der Kirche ist und fertig. Dogmen sind doch auch etwas entlastendes, oder ?

        [ Ich stehe übrigens dem Staat ganz grundsätzlich äußerst kritisch gegenüber, das ist sicherlich ein Erbe meiner libertären Phase und meiner Rolle als Geschäftsmann, die ich bejahe. Ich gebe außerdem zu bedenken, dass der moderne Nationalstaat ein Produkt der französischen Revolution ist. Was stellst Du Dir unter einem katholischen Staat vor ?]

      • Mcp Says:

        Es gibt keinen katholischen Staat. Nur einen, unter dem Katholiken einigermaßen zufrieden leben können. Vielleicht weil die Herrschaft zum dreifaltigen Gott betet. Eine Allerkatholische Herrschaft zum Beispiel. Aber …

  4. LePenseur Says:

    Wir sind keine „Westler“, sondern Christen.

    Sofern das »Wir« ein pluralis majestatis ist, okay. Wußte zwar nicht, daß Sie Monarch sind, aber bitte … betrachten Sie sich halt, wenn Sie wollen, als Kaiser von Elektrofedristan.

    Sofern sie mit »wir« allerdings die Bewohner Europas (oder doch wenigstens den allergrößten Teil derselben) bezeichnen, ersuche ich Sie, zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß sich viele derselben sowohl als »Westler« als auch als Christen betrachten (einer von ihnen: ich). Ein etwa gleichgroßer ( wenn nicht größerer) Teil wird sich wohl als »Westler«, aber nicht (oder nur mit Einschränkung) als Christen betrachten. Und einige werden sich weder als »Westler«, noch als Christen betrachten.

    Ich finde es, gelinde gesagt, befremdlich, daß Sie mit letzteren gemeinsame Sache machen wollen.

    • Mcp Says:

      Äh, hat er mich erwischt.:)

      „Wir“ ist tatsächlich unangemessen.

      „Ich“ bin Christ, sonst nichts. Insofern nicht einmal Europäer, wenngleich meine genetische Historie auf europäische, genauer deutsche Abstammung schließen lässt. Ich bin kulturell europäisch geprägt, was nicht heißt, dass ich die gegenwärtige europäische Kultur nur deshalb Guteißen muss.

      Ich bin kein „Westler“, denn ich mache mit niemandem gemeinsame Sache. Außer mit mir und meinen Nächsten. Wenn darüber hinaus noch eine Gesellschaft existiert, die ähnliche Interessen hat: gut. Wenn nicht: auch gut.

    • nk Says:

      Sich gleichzeitig als Westler und als Christen zu bezeichnen ist sehr verbreitet, aber nicht wirklich konsistent.

      Es führt keine philosophische Brücke vom Christentum zum Werterelativisums. Ich denke, man tut niemandem Unrecht, wenn man Werterelativisums als logische Grundvoraussetzung einer Demokratie betrachtet und daher als de fakto grundlegende Philosophie des Westens annimmt. Absolute Werte können ihre Natur nach nicht der demokratischen Willensbildung unterliegen, sie können auch nur in engen Grenzen zum Gegenstand von Kompromissen gemacht werden.

      Erst in jüngster Zeit wird der dem Westen immanente Werterelativismus offen propagiert und zu Ende gedacht. Dann ist der Grundsatzkonflikt zwischen Religion an sich und ‚Westen‘ unausweichlich und wird ausgetragen werden.

      Diese angenehme und sympathische Haltung des sowohl als auch in dieser Frage hat also auch praktisch auf mittlere Sicht keine Chance.

  5. LePenseur Says:

    @nk:

    Diese angenehme und sympathische Haltung des sowohl als auch in dieser Frage hat also auch praktisch auf mittlere Sicht keine Chance.

    Warten wir’s ab. Ich würde eher so sagen: die vielleicht nicht 100% konsistente, dafür aber angenehme und sympatische Haltung des sowohl als auch wird die einzige sein, die uns auf mittlere Sicht eine Chance gibt. Ich will nämlich weder in einem Gottesstaat à la Ayatollahs, noch in einem à la Pio Nono’s Syllabus leben. Mein Bedarf an derlei »100%konsistenten« Systemen ist endenwollend …

    • nk Says:

      Völlig d’accord. Das funktioniert aber nur, solange sich alle – auch die Wertrelativisten – zurückhalten. Genau das sehe ich im Moment nicht.

      Wenn die Entwicklung in Richtung einer ‚Dikatur des Relativismus‘ geht, muß das zu Reaktionen führen , ähnlich wie ein Djihad.

    • Mcp Says:

      Sie werden entweder in einer kommunistischen oder in einer islamitischen Diktatur aufwachen.

      Aber bestimmt nicht in einer Katholischen. Außer Sie sind tot und begraben.

  6. Imrahil Says:

    Es gibt keine Souveränität, die das Recht einschränken kann, die wahre Religion, nämlich das Christentum zu bekennen, einschränken kann. Mt 28,18. Das Recht, nicht nur die Gnade, obwohl es zugegeben manchmal klug sein kann, das, was eigentlich ein Recht ist, als Gnade durchzusetzen. Wann immer ein Staat das Bekenntnis der christlichen Religion verbietet, und strenggenommen auch dann, wenn er es nur gnadenhalber erlaubt (obwohl es dann sicher klüger ist, darauf nicht herumzureiten), ist er wenigstens in dieser Hinsicht nicht mehr als ein magnum latrocinium.

    Und nun gehört zu dieser wahren Religion mit dem Rang einer Lehre der Kirche auch die Feststellung: „alle Menschen müssen frei sein von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, derart daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln.“ (Dignitatis humanae 2).

    Und auf welcher Weise der Papst dies klugerweise durchsetzt, sollte man dann doch seiner eigenen Regierungsklugheit überlassen. (Ich merke mal ganz persönlich an, daß „der Westen“ immer noch eine Macht ist oder theoretisch sein könnte“.)

    • Imrahil Says:

      Der kryptische Verweis auf den Bibelvers Mt 28,18 sollte besagen, daß unser Herr Christus eben auch auf Erden die Macht beansprucht. Was das genau heißen soll, ist an und für sich schwer; ich meinte nur, daß man nicht *gänzlich* sagen kann, der Gegner wäre im Diesseits mit uns gleichberechtigt.

    • Imrahil Says:

      Angenommen, Diokletian wäre hergegangen und hätte gesagt: „Liebe Christen, ich bin in meiner übergroßen kaiserlichen Gnade und Barmherzigkeit bereit, euch die freie Ausübung eures Glaubens, sogar die Mission, zu gewähren. Nur eines verlange ich von euch. Nicht den Gehorsam verlange ich von euch, denn ich habe ein wenig von euren heiligen Schriften und Autoren gelesen und weiß, daß ihr ihn mir ohnehin leistet. Nur eines verlange ich von euch: Ich müßt mich darum auf Knien gemäß den üblichen Formeln bitten“, wobei die übliche Formel, das sei angenommen (ich würde es übrigens für wahrscheinlich halten) einen Ausdruck enthält wie „selbstverständlich unterwerfen wir uns gänzlich dem Willen Euer Majestät, auch wenn Euer Majestät Entscheidung nicht zu unseren Gunsten ausfallen sollte.“

      Die Christen hätten ablehnen müssen.

  7. Imrahil Says:

    Oder die Formel mit dem Anhängsel „soweit wir die Erfüllung der daraus folgenden Verpflichtungen mit unserem Gewissen als katholische Christen vereinbaren können“ sprechen, der von den Nazis verweigert worden ist.

    Tschuldigung für die Beitragsflut, das ist der letzte.

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