Verfassungsfeindlicher Lärm

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Die Senioren-Union hält die geplante generelle Zulassung von Kindertageseinrichtungen in Wohngebieten für verfassungswidrig. Nicht nur Kinder hätten Rechte, sondern auch ältere Menschen, erklärte der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU-Seniorenorganisation, Leonhard Kuckart. Ein Dauerpegel von 90 Dezibel, wie er häufig in Kitas anzutreffen sei, bleibe eine unzumutbare Lärmbelästigung. „Egal, ob die Quelle nun sympathisches Kindergeschrei ist oder das Hämmern eines Pressluftbohrers.“[1]

Letztlich dürften in „Wohngebieten“, folgt man der Logik dieser „Klage“, keine Kinder mehr wohnen. Weil Kinder verfassungsfeindlichen Lärm verbreiten.

Bis jetzt war ich ein strikter Gegner aktiver Sterbehilfe. Aber langsam kommen mir Zweifel.

 

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[1] Streit um Klagen: CDU-Senioren finden laute Kinder unzumutbar – Nachrichten Politik – Deutschland – WELT ONLINE.

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9 Antworten to “Verfassungsfeindlicher Lärm”

  1. Geier Says:

    Spontan finde ich das auch ziemlich obszön von den alten Herrschaften. Dann aber der zweite Gedanke: Das Problem ist ja nicht durch das bloße Vorhandensein von Kindern entstanden, sondern durch das Konzentrieren größerer Kinderansammlungen an einem Ort, wodurch der natürliche Kinderlärm, der sonst überall verteilt und damit an jedem einzelnen Ort auch nur zeitlich begrenzt auftreten würde, in der Nähe einer solchen Kinderkonzentrationsstätte erstens potenziert und zweitens quasi ohne Ruhezeiten auftritt. Ein einzelnes Kind wird irgendwann müde, dann kann sich auch das Umfeld entspannen, in einem ganzen Kindergarten wechseln sich die Geräuschemittenten ab. Eine Dauerbeschallung, die keine Regenerationszeiten ermöglicht, wird aber — unabhängig von Art und Quelle — als Psychoterror empfunden und kann einen Menschen an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Das eigentliche Problem ist also ein künstliches: Die politisch gewollte Herausnahme der Kinder aus den Familien und Konzentration derselben in der Kindertagesstätte zwecks staatlicher Indoctrination plus Ausbeutung der Arbeitskraft beider Eltern. Und deshalb drückt die Politik an dieser Stelle auch so: Es geht hier nicht um Kinderfreundlchkeit, sondern darum, Hindernisse für den Ausbau der Kindervergesellschaftung aus dem Weg zu räumen.
    Das sollte auch der Kinderschutzbund erkennen können, der hier so lautstark protestiert hat, und sich besser gegen den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung wenden als gegen die davon veranlaßten Seniorenreaktionen.

    • Mcp Says:

      Nee. Bei der Einkindfamilie ist Konzentration vielleicht ein „künstliches“ Problem.

      Ich hätte gern sieben und mehr Kinder gehabt. So ein Geschrei hätte ich gerne erlebt. Es gibt keine schönere Musik, als wenn der Knabe seine Windeln vollgeschissen hat. Glaub mir, man erkennt die Musik.

      • Geier Says:

        Ich denken schon, daß eine große Horde zusammengepferchter Gleichaltriger deutlich mehr Lärm abläßt als eine überschaubare Geschwisterzahl, die in der Regel ja auch stärker altersmäßig gestaffelt auftritt. Es scheint mir auch bezeichnend zu sein, daß solche Klagen der Senioren, soweit sie die Gerichte beschäftigen, sich eben gegen Kindertagesstätten richten und nicht gegen Familien mit Kindern (womit ich nicht ausschließen will, daß dies im Einzelfall vorkommen kann). Aber mit dem Nachbarn einigt man sich auch eher, zum Beispiel über Ruhezeiten, mit der Kindertagestätte gibt es eher gerichtsnotorischen Streit.

      • Mcp Says:

        Ich weiß was Sie umtreibt. Meine Kinder haben Kindergärten und Kinderkrippen nie von innen gesehen. Alles Muttikinder. Bis zu Einschulung der Kleinsten.

        Insofern, aber nur insofern teile ich Kritik an Kindergärten und Krippen.

        Aber nicht am Kinderlärm an sich. Wo zum Teufel leben wir, dass wir unsere Kinder nicht nur wegsperren sondern auch noch verstecken wollen? In Industriegebiete. Hier hört doch alles auf.

  2. j.hendryks@t-online.de Says:

    Das Problen ist, doch, dass Großteile unserer Gesellschaft den noch vor hundert Jahren in jeder Familie üblichen „Dauerlärm“ von Kindern gar nicht mehr gewöhn t sind. Früher waren sieben oder nehr Kinder in einer Familie, teils in nur einem Raum normal. Wer sich über Kinderlärm beschwert ist nicht von dieser Welt. Sollen doch solche verbitterten Senioren ausgesiedelt werden, irgendwo in einen Wald oder einsame Insel, da haben sie ihre Ruhe und wir vor ihrer Bosheit.

    • Mcp Says:

      Ganz genau. Ich hatte keine sieben, sondern nur drei Kinder am Stück, alle im Jahresabstand, aber laut waren die auch.

      Hätte sich auch nur einer meiner damaligen Nachbarn darüber beschwert, er hätte meine Faust in der Gusche – wie man hierzulande sagt – gehabt. Meine Kinder sind nicht laut.

      Es sich nur niemand beschwert, eher worden die kleinen Rüpel und die Rüpelinn von allen Seiten behätschelt und betäschelt, mit Süssigkeiten verwöhnt und durch wegsehen vor väterlicher Strafe verschont. Worden.

      Das waren meine Nachbarn. Die haben den alles durchgehen lassen. Sogar die Plünderung ihrer Kirchbäume und Erdbeerfelder.

      Für meine Umgebung war ich der Böse, der, auf Disziplin und Ordnung bedachte Vater.

  3. Johannes Says:

    Ich habe keine Kinder und ich habe gerade erst die Mitte vierzig gut überschritten. Dennoch: Ich arbeite täglich an einer Hauptschule und weiß was es heißt, von Kinderlärm beschallt zu werden. Es nervt, es kann einem die Hutschnur dehnen, manchmal, dass man schreien möchte.
    Aber ich liebe die Schüler, und sie wissen das. Es ist, wie Du sagst, werter Mcp. Die Liebe macht Lärm letztlich doch zur Musik. Und ich möchte trotz jämmerlicher Kohle und aller Not daraus meine Lärmbojen nicht missen.

    Vielleicht sollte man auch in fortgeschrittenem Alter diese Dinge noch lernen. Das mag dazu führen, den Vergleich Kinder-Presslufthammer ziemlich pervers zu finden.

  4. Cajus Pupus Says:

    Das Problem bei diesen „Senioren“ ist, dass sie schon als „Senioren“ auf die Welt kamen. Sie kennen nicht was es heißt, ein Kind zu sein. Leider gibt es vielzuwenig davon. (Von den Kindern)

    Ich wohne in einem Hochhausviertel. Wenn ich Sommertags auf dem Balkon stehe kann ich gar nicht genug auf die Kleine schauen, wie sie versuchen laut schreiend den Ball weg treten oder ihn zu fangen. Wie sie dann die Hinkelfelder aufmalen, bekommt man als alter Sack einfach mal die Lust runter zu gehen und mit zu hinkeln. Oder das Schaukeln. Je höher – je lieber! Und das natürlich in voller Lautstärke.

    Du meine Güte. Ich kann mich daran entsinnen, dass wir genauso laut waren und uns angeschrien haben, obwohl wir uns praktisch gegenüber standen. So etwas gehört zum Kindsein dazu! Genau wie Obst „klauen“ oder schon mal eine Fensterscheibe zu Bruch schießen.

    Das gehört zum Leben wie essen und trinken!

  5. Eduard Groß Says:

    Hallo zusammen,
    ich wohne in einer Wohnanlage, die vielfach von älteren Mitbewohnern belegt ist, dazwischen auch einige Familien mit Kindern zwischen Babyalter und Jugendlicher.
    Direkt neben unserer Wohnanlage gibt es ein Kinderwohnheim, das hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen bewohnt wird, deren Eltern a) entweder nicht mehr leben oder b) aus irgendwelchen (meist sozialen) Gründen nicht mehr in der Lage sind, diese zu erziehen, und denen der Staat (wohl zu Recht!) die Kinder entzogen hat (Eltern sind schwer Drogenabhängig, im Gefängnis und / oder dergleichen mehr). Im Sommer, bei schönem Wetter, ist oft bis zehn Uhr abends die Hölle los. Lärm aller Orten. Trotzdem sind die meisten (auch ältere Personen und auch ich selber, knapp unter 60) nicht gegen, sondern für diese Kinder. Ab und an allerdings machen einige Wenige von unserer Wohnanlage „Gegenterror“, weil sie sich belästigt fühlen. Es gab deshalb schon zwei- oder dreimal größere Debatten bei den Hausinwohner- Versammlungen, weil diese versuchten, ab 20:00 Uhr keine Kinder mehr in unseren (gepflegten) Grünanlagen mehr zu lassen – per Hausordnung. Das ging aber schon alleine dewegen nicht, so der Gesamttenor, weil die Kinder unserer Wohnanlage nicht eingesperrt werden können, währenddessen die Nachbarkinder aus dem Heim bis 22:00 Uhr dann schon toben dürfen.
    Meine Erfahrung und Überzeugung: Natürlich ist es für ältere Menschen manchmal schwer, vor allem, wenn sie krank sind. Sie brauchen Ruhe, das ist klar. Sie deshalb aber gleich ins Industriegebiet oder in den Wald abzuschieben halte ich für genauso verkehrt wie wenn man es mit den Kleinen tun würde.
    Ich gebe dem Schreiber recht, der sagt, dass früher, vor drei Generationen noch, es üblich war, dass a) mehrere Generationen zugleich und b) dies unter oft engsten Verhältnissen mit mehreren Kindern unterschiedlichen Alters friedlich zusammenlebten. Obgleich ich selber Einzelkind war, wuchs ich teilweise nicht bei meinen Eltern, sondern bei Verwandten auf dem Lande auf, wo ich in einer Familie lebte, wo wir dann auch mehrere Kinder waren. Und leise ging es wohl selten zu, im Gegenteil, meist etwas lauter. Aufgeregt hat sich damals keiner, im Gegenteil, man sagte immer, Kinder müssten sich austoben. Leider haben viele Heutige vergessen, dass auch sie einmal Kinder waren und nicht nur immer brav und leise. Nur heute leben wir halt in einer Zeit, in welcher unsere Gesellschaft von dieser Situation „entwöhnt“ ist, und man schreit, wenn dann Menschen „von außen“, will sagen, mit Migrantenhintergrund, die von Haus aus etwas lauter sind, in unsere Sphäre „eindringen“.
    Kinder sind etwas ursprünglich Normales, die Begleitumstände dazu ebenso. Das übersehen – leider! – sehr Viele.

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