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Gevatter Tod ist leider verstorben

April 9, 2009
Momento mori: Mahnruf aus dem Mittelalter

Momento mori: Mahnruf aus dem Mittelalter

Gevatter Tod ist leider verstorben. Nicht in Wahrheit freilich, der Homo modernicus hat ihn aber in den Tiefen seines Unterbewussten begraben und nicht einmal ein Kreuz aufgestellt oder eine Kerze entzündet, die des so erbärmlich Verblichenen erinnert. Er will den Verhassten mit „Gewalte“ vergessen. Er spinnt die Legende vom widernatürlichen, entsetzlichen Tod.

Daran ändert auch nichts, dass der Tod allgegenwärtig aus der Glotze oder von der Leinwand springt, denn der „Natürliche Tod“, wird von den Gewaltorgien dort förmlich mit erschlagen. Der Tod auf der Leinwand ist fast immer brutal und wenn nicht, dann immerhin „anormal“. Daher stirbt der „moderne Mensch“ auch nicht mehr an gewöhnlicher Alterschwäche, sondern an Krankheiten, und Krankheiten sind etwas „ganz unnormales“ selbst dann, wenn ihre Häufigkeit und ihre Gestalt mit dem fortschreitenden Alter korreliert. Denn, so lernen wir von den Statistikern im Hause, versteckt sich hinter einer Korrelation nicht zwingend ein Naturgesetz.

So schlüpft der Mathematicus, nebst dem Medicus, wie all unsere anderen gelahrten Doctores, in die Rolle des vorchristlichen Schamanen und verspricht, indem er über die Krankheiten obsiegt, ganz nebenbei auch die Unsterblichkeit. Nicht laut, aber ganz leise. Denn wenn er nicht gerade hochwissenschaftliche Artikel verfasst, verirrt sich der mindestens diplomierte Allwisser in populärwissenschaftlichen Gefilden oder versucht sich als Romancier im verfassen von Zukunftsromanen. Dort wimmelt es von Unsterblichen und – man höre und staune – von überlegenen, allmächtigen Intelligenzbolzen jeder Art und Form, die hin und wieder sogar für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich gemacht werden. Hört sich an, als hätten sie es irgendwo abgeschrieben. Neu ist die Idee jedenfalls nicht.

Unsterblichkeit also; allerdings nicht in irgendeinem himmlischen Paradiese – wie albern, reaktionär und unaufgeklärt – sondern in der nicht mehr fernen, lichten Zukunft, deren unmittelbare Ankunft der gewöhnliche Sterbliche jeden Tag aufs Neue vom Fortschritt erwartet. Wer vor dem Erreichen dieser herrlichen Zukunft abkratzt, hat selber schuld: Meine Großvater wurde nur deshalb nur 89, weil er sein ganzes Leben lang ein starker Raucher war. So isses. Sagt Oma. Und Oma hat noch nie gelogen. *)

Im Lichte solch fortschrittlicher Erkenntnisse lässt sich prima leben, man muss halt nur aufpassen, dass man nicht stirbt. Denn der Tod, dies ist so sicher wie die Erderwärmung, ist etwas „Menschengemachtes“, weil krank. So kann der allwissende Bright**) sogar Ockhams Messer wetzen und den Kleriker hinterhältig fragen: „Warum soll ich wiederauferstehen, wenn ich gar nicht erst zu sterben brauche, hm? Ist das nicht viel einfacher, als in Deiner Religion?“

So! Ich muss jetzt – seufz – einen heidnischen Brauch genüge tun und Ostereier verstecken gehen. Der Kinder wegen. Die täten sonst beleidigt tun.

Derweil wünsche ich allen meinen gewogenen und ungewogenen Lesern hier: Frohe Ostern und späterhin gesunde Auferstehung.

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*) Nein, nicht alle Menschen denken so. Aber die es tun, sind in aller Regel unverbesserliche Reaktionäre – obwohl sie möglicherweise gar nicht wissen, dass sie zu dieser kreuzgefährlichen Spezies gehören – also solche, die einen kleinen Rest ihres Verstandes vor dem wüten der aufgeklärten Vernünftler in Sicherheit bringen konnten. Ob die hier dazu gehören, kann ich freilich nicht sagen: Europäische Totentanzvereinigung. Zu vermuten allerdings, ist es.

**) Ich hoffe meine verschämten Mitleser aus der atheistischen Ecke arbeiten Karfreitag, so wie sich das für Ideologen dieses Schlages gehört, und feiern nicht die Auferstehung unseres Herrn.

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Freilich frage ich mich manchmal, was die meisten meiner Zeitgenossen mit der Unsterblichkeit anfangen würden, wenn sie schon ihre „normale“ Lebenszeit bei Richtern Barbara Salesch recht nutzlos vertrödeln. Ich fürchte, sie würden in aller Bälde aus lauter Langeweile sterben.

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Das ewige Leben wäre nur im Dauersuff zu ertragen.  (Frei nach Sokrates)

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