Posts Tagged ‘Moral’

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

Juni 27, 2010

Die beiden großen Kirchen haben das Sterbehilfe-Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) unterschiedlich aufgenommen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, hob gegenüber den „Ruhr Nachrichten“ (Samstag) hervor, die Entscheidung gebe nun in solchen Fällen den Beteiligten Rechtssicherheit. Wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz bereits am Freitag in Bonn erklärte, sieht sie in dem Richterspruch dagegen eine „ethische Verunklarung“.[1]

Niemand hat das Recht ein Leben zu beenden. Auch sein eigenes Leben nicht. Ob es ein Recht gibt, es zu verlängern – ich weiß es nicht. Die „Patientenverfügung“ ist nichts anderes als der Wille zum indirekten Freitod, indem man die Waffe, die man sich selber nicht an den Kopf zu halten wagt, dem Nächsten in die Hand drückt und ihn bittet abzudrücken. So wie man Pferden den Gnadenschuss gibt.

Ich beleuchte nicht die vielen anderen Facetten der Diskussion. Nicht auszudenken was passiert, wenn die Exekution von Patientenverfügungen in die Hände der Organ-Spende Mafia fällt, die alles andere im Sinn hat, als den Hippokratischen Eid zu getreulich zu erfüllen. Es ist ein absonderlicher Aberglaube darauf zu vertrauen, dass ein auf wirtschaftlichen Erwägungen ruhendes „Gesundheitssystem“ allein das „Wohl des Patienten“ zur Absicht hätte. In Wahrheit, das beweist nicht nur die Pharma-Lobby, geht es ums große Geschäft. Um Geld, um Macht, um Einfluss. Die Patientenverfügungen sind aus dieser Sicht nichts anderes als ein ideologisch verbrämtes Mittel zur Kostensenkung. Es soll den Patienten zynischerweise vor dem Horror schützen, das genau dieses System erst hervorgebracht hat und das die allermeisten Zeitgenossen auch noch für einen großen Fortschritt halten. Man lese Chesterton zu diesem Thema.

Es geht um ein fundamentales christliches Prinzip, dass mit diesem Schandurteil durchlöchert wird wie ein Schweizer Käse. Hier wird nichts „verunklart“, wie die deutschen Bischöfe meinen, das ist der gerichtsfeste Einstieg in die Alters-Euthanasie. Ob passiv oder aktiv, mit solch scholastischen Spitzfindigkeiten mögen die Bischöfe ihr Gewissen beruhigen, dem Satan sind solche Unterscheidungen vollkommen egal. Aber die Hoffnung, dass Zollitsch und Konsorten, der Herr vergib mir diesen unflätigen Ausfall, etwas dagegen tun – und sei es nur einen mutigen Hirtenbrief wider den Zeitgeist zu verfassen, der die Dinge beim Namen nennt – habe ich unlängst endgültig begraben.

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[1] Kirchen uneins über Sterbehilfe-Urteil.

Die Watschen

Mai 13, 2010

Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn. So steht es im Alten Testament. So wurde es seitdem gehandhabt, bis in die frühen sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein. Die Watschen war ein anerkanntes Erziehungsmittel – für Söhne. Die Töchter zu züchtigen stand dem Vater zwar zu, aber nicht an, denn deren Erziehung lag in der Hand der lieben Mama und die hatte ein grausames Mittel zur Disziplinierung ungezogenen Nachwuchses: den Liebesentzug auf Zeit. War mit einer Watschen die Sache meist ausgestanden, konnte der Liebesentzug schon mal eine Woche dauern und endete immer erst nach einer demütigen Unterwerfungsgeste, die auch jedes Affenjunge kennt: der Entschuldigung. Gott, wie habe ich dieses Ritual gehasst.[0] Eine kräftige Watschen wäre mir tausendmal lieber gewesen. [1]

Als ich jüngst in der Zeitung las, dass wieder einmal eine „Historikerkommission“ die Opferzahlen der Dresdener Bombennacht zu Hornung 45 [2] „neu bewertet“ hatte [3], da konnte sich keiner der neunmalklugen Kommentatoren den Hinweis auf die Schuldfrage verkneifen: Ganz so als hätte meine Großmutter – ein Bomberopfer – höchstpersönlich der ganzen Welt den Krieg erklärt und wäre somit selber daran schuld gewesen, dass ihr eine Bombe zwar nicht das Leben nahm, wohl aber ihre Trommelfälle platzen ließ. Man könne, so unsere Aufklärer [4], das eine nicht ohne das andere betrachten, das Ereignis nicht aus seiner Zeit herauslösen, sonst käme man womöglich zu ganz falschen Schlüssen.

Nun wurde kürzlich ein Bischof Namens Mixa von einem, in deutschen Landen häufig vorkommenden medialen Moralin-Tsunamie aus seinem Sitze gespült, weil man ihm vorwarf, er hätte in der Vergangenheit Schutzbefohlene gezüchtigt. Er hat dieses, nach heutiger Rechtslage, „Verbrechen“ eingeräumt und zugegeben, dass er in der Vergangenheit hin und wieder „eine Watschen“ ausgeteilt hat. Rechtlich ist das „Geständnis“ unerheblich, denn zu der Zeit war die Prügelstrafe noch erlaubt und in der Justiz gilt – wenigstens ab und zu noch – das Rückwirkungsverbot [5]. Die Watschen im Kontext der Zeit war eben keine Schandtat, für die man sie heute hält. Aber wo kein Recht ist, ist immer noch reichlich Moral, mitunter sogar eine doppelte: Dieselben schlichten Gemüter, die oben den zeitlichen Kontext inquisitorisch anmahnen, „vergessen“ desselben, wenn es ihnen dabei hilft, einen lästigen, weil im Kirchenvolk hoch beliebten Kerl loszuwerden, nur weil der nicht nach ihrer Zunge schwatzte. Sie tun einfach so, als wäre die Watsche schon immer ein verabscheuungswürdiges Verbrechen gewesen.

Bleibt noch die Frage zu klären, ob eine Welt ohne Watschen wirklich zu besseren Menschen verhülft. Die Alten haben es verneint, wie es die Fabel vom Hänschen erahnen lässt. Immerhin können unsere Vorfahren auf eine über 2000 Jahre währende Empire verweisen, die unseren akademisch gebildeten Pädagogen deshalb vollkommen abgeht, weil all ihre wunderbaren Theorien den ersten Praxistest nicht überleben. Gewaltfrei, so das Paradigma der vom Zeitgeist Geknutschten, solle das Kind erzogen werden, weil das gute Beispiel, so der fromme Gedanke dabei, den Charakter formt. Leider beugt sich die Polizeistatistik nicht der kategorischen These: Die Täter werden immer jünger, dreister und brutaler. Was das Hänschen nicht lernt, lernt der Hans nimmermehr. Das lässt für die Zukunft nicht viel Gutes erahnen.

Und die Moral von der Geschicht?

Eine Watsche zur rechten Zeit,
Erspart im Alter sehr viel Leid.

Der Mixa hätte vielleicht einmal mehr hinlangen sollen, da währ‘ er vielleicht heuer nicht abgewascht wurden. Gott sei ihm gnädig.

In diesem Sinne allen Vätern und Söhnen eine gesegnete Christi Himmelfahrt. Und sauft nicht soviel.
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[0] Entschuldigungen verlangen immer nur Weiber. Und die werden einem ewig auf Butterbrot geschmiert, das hat kein Ende. Männer schreien sich an, kampeln sich und finden am Abend beim Bier einen Kompromiss, mit dem beide leben können. Anderntags ist die Geschichte vergessen.
[1] Ich bin schon in die prügelfreien Zeiten hineingeboren, als man anfing Jungen wie Mädchen zu behandeln und dem Vater die Erziehungskompetenz abzusprechen begann.
[2] Hornung ist eine vergessene deutsche Bezeichnung für den Monat Februar. Er ist die Substantivierung der germanischen Verbes „horen“, was soviel wie „sich paaren“ bedeutete.
[3] Wenn das so weiter geht, wird wohl eine der nächsten Kommissionen feststellen, dass der Angriff gar nicht stattgefunden hat, sondern eine Propagandalüge der Nazis war.
[4] Nebenbei: Unter Aufklärung verstand Kant die Nutzung des eigenen Hirns – Sapere aude!, um sich von der Herrschaft der Ohrenbläser zu befreien. Ironischerweise wird heute unter dem Begriff das genaue Gegenteil verstanden: Die Aufklärung durch Aufklärer ist im Grunde nichts anders als die Rückkehr in die Unmündigkeit, weil man sich aufklären lässt, statt sich eine eigene Meinung zu bilden. Oder sich eine solche bilden darf.
[5] Rückwirkungsverbot: Niemand darf für eine Tat bestraft werden, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht strafbar war. Ein Gesetz gilt ab dem Tage seiner Inkraftsetzung, es darf nicht vordatiert werden.

Emotionslose Gefühlskrüppel

November 19, 2008

Gestern stieß ich auf diesen Blog: Gleich hinterm Mond links und den Eintrag „Star Trek – Spock als humanistisches Leitbild“.

Abgesehen von der Tatsache, dass ich auch hinterm Mond eher rechts abbiegen würde, das Thema „spockte“ mir schon länger durch Kopf. In der Tat verraten die außerirdischen Charaktere sehr viel über die westliche Kultur und ihre unausrottbaren Mythen.

Spock ist so ein Beispiel. Eine scheinbar emotionslose Denkmaschine in der „Vernunft“ und „Logik“ zu humanistischen Idealen verklärt werden, die scheinbar keine besonderen Ethik mehr bedürfen. Jedenfalls wird sie vordergründig nicht erkennbar und sie suggeriert uns: Sitten, Moral und Ethik sind überflüssige Relikte einer unschönen Vergangenheit. Man müsse nur logisch denken und schon käme das Richtige heraus. So als müsste jede beliebige logische Aussage nur wahr sein, um auch ethisch vertretbar zu werden. Ich verkürze, aber das ist die Kernaussage und die könnte falscher nicht sein.

Jede logische Aussage, und Sprache ist Aussagelogik, beruht auf einem Gleichungssystem dessen Ausgangspunkte immer Axiome sind. Ohne Axiome lässt sich überhaupt keine Aussage formulieren. Diese Axiome beruhen zumeist auf stillen, aber unbeweisbaren Annahmen über die Welt.

Gott ist so ein solches Axiom, der sich eines naturwissenschaftlichen Beweises seiner Existenz oder Nichtexistenz entzieht. Die Annahme seiner Gegenwart oder Abwesenheit führt dazu, dass dieselbe Satzaussage, je nachdem welche Theorie man zugrunde legt, zu unterschiedlichen, sprich widersprüchlichen, Wahrheitswerten führt. Da nun beide Axiome (Gott oder nicht Gott) sich logisch ausschließen, ist keine Metatheorie denkbar, die in der Lage wäre, den absoluten Wahrheitswert eines Satzes zu bestimmen.

Wenn die Logik und die mit ihr verwandte Vernunft aber nur innerhalb einer bestimmten Weltsicht eindeutige Aussagen zulässt, so ist ihr ethischer Aussagewert außerhalb derselben gleich null und der emotionslose Gefühlskrüppel Spock als „humanistisches Leitbild“ mindestens ebenso unbrauchbar, wie seine sadistischen Gegenteile.

Hier trotzdem der Trailer zu Star Trek XI:

Zahl und Moral

August 26, 2008

In einer Welt, die alles in Geld zerlegt und in der Mammon Zahl ist, die nur mehr anerkennt, was sich rechnen lässt und allem anderen die Existenz deshalb streitig macht, weil die Mächtigkeit ihrer Messmethoden nicht ausreicht, um sie zu erfassen, kann die Frage nach einer mathematischen Moral eigentlich nur von einem eingefleischten Atheisten kommen, der selber nur an Zahlen glaubt, aber nicht wirklich rechnen kann. Indes, Mathematik ist eine lockere christliche Übung. Christen haben die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, bereits berechnet, bevor Atheisten wussten, was Infinitesimalrechnung überhaupt ist.

Ist Moral berechenbar? Kann man das Gute auf Heller und Pfennig berechnen? Und die Verluste, die das Böse beibringt? Die Frage ist nicht, ob wir Christen es wollen, sondern nur, ob wir es können. Natürlich können wir und das schon seit über 2000 Jahren, denn den ersten, aber nicht letzten Hinweis, liefert uns schon Aristoteles:

„Alle künstlerische und alle wissenschaftliche Tätigkeit, ebenso wie alles praktische Verhalten und jeder erwählte Beruf hat nach allgemeiner Annahme zum Ziele irgendein zu erlangendes Gut. Man hat darum das Gute treffend als dasjenige bezeichnet, was das Ziel alles Strebens bildet.“
Quelle: Aristoteles; Nikomachische Ethik; 1. Kap.

Nikomachische Ethik 1. Seite

Nikomachische Ethik; 1. Seite

Was ein „zu erlangendes Gut“ ist, weiß jeder Pfeffersack. Die Treue ist ebenso Gold wert, wie man die Ehre abkaufen kann. Wer sie für unverkäuflich hält, verlangt bloß einen Preis, den niemand zu zahlen bereit ist. Selbst das Erhabene, verrät durch den Wortstamm „haben“, die Art seiner Herkunft. Der heilige Thomas nennt Caritas Teuerliebe: wir lieben das, was uns teuer ist, was wir teuer erkaufen müssen und er meint dies ausdrücklich nicht allegorisch. Denn in der Abhandlung über das Wesen der Nächstenliebe im Verhältnis zur Freundschaft unterscheidet drei Arten der Letzteren: Die Freuliche, die Nützliche und die Ehrenmaßliche. Wobei alle auf Vorteil beruhen und nur solange wirken, solange ein Nutzen besteht. Wer es nicht glaubt, weil es zu „ökonomisch“ ist, kann es in der „Summe der Theologie“ nachlesen: 3.Buch; Der Mensch und das Heil; 23. Untersuchung; Erster Artikel; Ist Caritas Freundschaft? Erst die Moderne hat die einst klaren Begrifflichkeiten verkitscht.

Maß und Mitte, die beiden zentralen Kategorien Nikomachischer Ethik, sind der Mathematik nicht unbekannt. Um das Maß zu finden, muss man es an Grenzwerten eichen. Es liegt im Wesen der Logik ¬(p und ¬p), dass man jede Notion verneinen kann (Satz vom ausgeschlossenen Dritten). Die Negation bezeichnet das logische Gegenteil des Begriffes. Gesucht wird dann die mathematische Mitte zwischen beiden extremen Definitionen. Konkret beschreibt dies Aristoteles so:

„Wenn für jemand zehn Pfund zu essen zuviel, zwei aber zuwenig sind, so wird ihm der Leiter in der Ringschule nicht gerade sechs Pfund vorschreiben; denn möglicherweise ist auch dies noch für denjenigen, der es bekommen soll, zuviel oder zuwenig. Für einen Milo wäre es zuwenig, für einen, der mit den Übungen erst beginnt, aber zuviel. Ebenso ist es mit Lauf und Ringkampf. Und so meidet denn jeder vernünftige Mensch das Zuviel und das Zuwenig und sucht dagegen die Mitte herauszufinden, und für diese entscheidet er sich; die Mitte aber, das heißt hier nicht die der Sache, sondern das Mittlere in bezug auf uns.“
Quelle: Aristoteles; Nikomachische Ethik; 1. Teil; 3. Kap.

Die moderne Ernährungswissenschaft liefert uns heute aufs Komma genau, das uns zuträgliche Maß der Ernährung. Glaube keiner, er könne die Ernährungsethik dauerhaft auf den Kopf stelle, weil ihn dann irgendwann entweder die Magersucht oder überbordete Fettleibigkeit zu schaffen machen wird. Tugend, Moral und Ethik, dass lässt sich an diesem Beispiel zeigen, sind keine beliebigen oder relativistischen Grundsätze, die wir nach Gutdünken definieren können.

Das hier beschriebene ist eine einfache Anwendung zum finden des rechten Maßes. Es geht auch komplizierter. Selbst Treue oder Ehre können als mathematische Konstanten in eine moralische Simulation einfließen. So lässt sich mit Hilfe der Spieltheorie zeigen, dass die scheinbar veraltenden und überkommenen Moralvorstellungen, durchaus sinnvolle Verhaltensmuster sind, die einem, in einer Gruppe sozial agierendem, Individuum erhebliche Vorteile verschaffen können. Natürlich nicht in jedem Einzelfall, nach dem Gesetz der großen Zahlen indes sind die Vorteile signifikant nachweisbar.