Das Feuerwerk

Eine gewisse Stimmung, die sich unmittelbar an Sturmangriffe anschloß, finde ich hä ufigin Kriegsschilderungen angedeutet und halte es für bezeichnend, daß jeder Berichtendeganz an ihrer Oberfläche, meist mit psychologischen Notizen, über sie hinweg gleitet -ebenso wie wir alle, die wir sie erlebten, darüber hinweg geglitten sind. Ich vermute, daß hier ein Gebiet gestreift wird, das dem Menschen eigentlich verschlossen bleiben soll.

Es handelt sich um die Ruhe nach dem Sturm. Nach dem Orkan der Artillerien, nach dem Anlauf, nach dem Kampf Mann gegen Mann trat der Augenblick eines seltsamen Kontrastes ein. Das wütende Tosen der Schlacht in ihrer bedeutsamsten Steigerung wurde durch ein tiefes Schweigen abgelöst, ein ä uß erstes Maß an Bewegung schlug plötzlich in Stillstand um. Mit der Vernichtung des Gegners war das Gesetz des Handelns erfüllt, aber gleichzeitig aufgehoben, und das Schlachtfeld glich für eine kurze Zeit einemA meisenhaufen, dessen Aufruhr unter dem Banne der Sinnlosigkeit erstarrt. Jeder standregungslos wie ein Zuschauer, vor dessen Augen ein riesenhaftes Feuerwerk abgebrannt ist, aber gleichzeitig als ein Handelnder, der schreckliche Taten verrichtet hat.

Dann begann das Ohr die eintönigen Schreie der Verwundeten zu vernehmen; es war, als ob eine einzige ungeheure Explosion alle zugleich getroffen hätte. Diese Schreie, in denen das erstaunliche Leiden der Kreatur zum Ausdruck kam, waren gleichsam der verspätete und nutzlose Protest des Lebens gegen einen Moment von höchstem historischen Rang, der über Fleisch und Blut mit der Achtlosigkeit einer Maschine hinweg gerollt war. An Augenblicke dieser Art erinnere ich mich so stark, daß ich noch den Geruch des Pulvers zu schmecken meine, der in Schwaden dem durch Geschosse ausgepflügten Boden entstieg. Es war ein wunderlicher Ausdruck der Verwirrung, der auf allen Gesichtern geschrieben stand, – als ob hinter feurigen, wie durch einen Zauberschlagverschwundenen Theaterdekorationen die verblüffende Auflösung eines lange gesuchten Rätsels erschienen wäre.

Vor dem ermatteten inneren Auge erglomm die Komplementärfarbe einer glühenden und blitzenden Illusion, die sich aus der Dumpfheit des Traumes nährte und aus einer den Wahnsinn streifenden Leidenschaft. Daß die Welt ein riesiges Narrenhaus ist, aber daß hinter der Narrheit Methode, ja vielleicht Bosheit steckt, – – – daß man als ein unter dem Gesetze einer höheren Regieimprovisierender Statist an einem Schauspiele teilgenommen hat, während dessen man nicht denken konnte, und dessen höchst sonderbaren Aspekt man nun erst mit dem Bewußtsein einholt und vor ihm erstarrt, – – – daß man, im höchsten Sinne preußischgesprochen, im Dienst gewesen ist, – – – alles dies wird im gedankenlosen Zustande geahnt, in einer Mischung von Erschöpfung und Scharfsinn, die der Unwirklichkeit desWirklichen und der Wirklichkeit des Unwirklichen gegenüber die Witterung eines zugleich enttäuschten und übersättigten Raubtieres besitzt. War es nicht so, als ob der Weltgeist seine Hüllen ein wenig zu heftig, ein wenig zu hastig bewegt hätte, so daß das Verschleierte für einen Augenblick dem stumpfen Sinnerschien?

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