Dorische Welt

Eine Untersuchung über die Beziehung von Kunst und Macht (1933)

I. Eine Welt in einem Licht, das oft beschrieben ist

An das kretische Jahrtausend, das Jahrtausend ohne Schlacht und ohne Mann, wohl mit jungen Pagen, die hohe Spitzkrüge, und Prinzchen, die phantastischen Kopfputz tragen, doch ohne Blut und Jagd und ohne Roß und Waffen, an dies Voreisenzeitalter im Tal von Knossos, diese ungeschützten Galerien, illusionistisch aufgelösten Wänden, zarten artistischen Stil, farbige Fayencen, lange steife Röcke der Kreterinnen, enganliegende Taillen, Busenhalter, feminine Treppen der Paläste mit niederen breiten Stufen, bequem für Weiberschritte -: grenzt über Mykene die dorische Welt.
An den hettitischen Rassensplitter mit Mutterrecht, weiblichen Herrscherinnen, Frauenprozessionen der arische Mann und die bärtigen Götter, an Blumenstücke und Stuckreliefs die große Kompositionen und das Monumentale, grenzt diese Welt, die in unsere Bewegungen hineinragt und auf deren Resten unsere gespannten, erschütterten, tragisch-fragenden Blicke ruhn: es ist immer das Sein, doch ganz gebannt; alle Vielfalt,doch gebunden; Felsenschreie, äschyleischer Gram, doch Vers geworden, in Chöre gegliedert; es ist immer eine Ordnung da, durch die wir in die Tiefe sehen, eine, die das Leben einfängt auf gegliederten Raum, es erhämmert, meißelnd ergreift, es als Stierzug auf eine Vase brennt -, eine Ordnung, in der der Stoff der Erde und der Geist des Menschen noch verschlungen und gepaart, ja wie in höchstem Maße einander fordernd, das erarbeiteten, was unsere heute so zerstörten Blicke suchen: Kunst, das Vollendete.
Wenn wir, rückblickend, für die Geschichte Europas einmal die Formel wählen, daß sie geschaffen wurde von Völkern, die nur die Natur erweiterten, und solchen, die einen Stil bildeten, steht an ihrem Anfang die Vereinigung beider Prinzipien in einem Volk, das, von Norden kommend, die pelasgischen Burgen stürmte, die Mauern, Werke der Zyklopen, erbaut aus Steinen, von denen jeder die Größe hatte, deren durchaus auch nicht der kleinste aus seiner Lage durch ein Joch Maulesel weggerückt werden könnte, wie Pausanias schreibt, diese Mauern schleifte, die Kuppelgräber niederstieß und arm, auf uneinheitlichem, größtenteils unfruchtbarem Boden für seinen unermeßlich panischen Besitz die stilistische Entfaltung begann.
Es ist die nachachäische Epoche. Die achtförmigen Rindslederschilde und die Lederkoller der frühen Iliasgesänge weichen den Rundschilden und Panzern aus Metall, Beginn der Eisenzeit: Rhoikos und Theodoros auf Samos entdecken das Verfahren, Erz in Formen zu gießen; ein Mann aus Chios, es zu erweichen, zu härten und aneinanderzuschweißen. Die Schiffe wachsen, man befährt das ganze Mittelmeer, aus den Fünfzigrudern der alten Gedichte werden Galeeren mit zweihundert Riemen. Die Tempel sind noch aus grobkörnigem Kalkstein, aber um 650 macht Melos von Chios die ersten Marmorbilder. Die Olympiaden setzen ein, die Orchestra tritt hinzu, die Gymnasien werden öffentlich geregelte Institutionen; die Musik nimmt neben der lydischen und hypodorischen fünf neue Tonfolgen in Gebrauch; die Kitharis, die nur vier Saiten gehabt hatte, erhält sieben; die Leinsaiten aus Flachs und Hanf auf den alten Instrumenten weichen den Darm-und Sehnensträhnen und den Flechsen großer Tiere. Es sind kleine Staaten, in denen sich dies vollzieht. Argolis hat eine Länge von acht bis zehn und eine Breite von vier bis fünf Meilen. Lakonien ist ungefähr ebenso groß. Achaja ist ein schmaler Erdstreifen auf den Flanken eines ins Meer abfallenden Gebirges. Ganz Attika hat nicht die Hälfte einer unserer geringsten Provinzen. Das Gebiet von Korinth, Sikyon und Megara beschränkt sich auf eine Wegstunde. Im allgemeinen, und vor allem auf den Inseln und in den Niederlassungen, ist der Staat nicht mehr als eine Stadt mit einer Küstenanlage oder einem Umkreis von Gehöften. Athen hatte zur Zeit seiner größten Blüte drei Stunden im Umfang, wenn man um neun den Startplatz der Fackelzüge in der Akademie verließ, kehrte man um Mittag zu den Platanen zurück und hatte das Theater des Bacchus, die Tempel, den Areopag, die beiden Häfen gestreift und den geisterhaft weißen Wald der Propyläen umschritten.
Eine Welt in einem Licht, daß oft beschrieben ist. Es ist Morgen, der Nordwind hat sich erhoben, der die Barken Athens nach den Zykladen treibt, und das Meer nimmt, wie bei Homer, die Farben des Weins und der Veilchen an, gegen die verrosteten Felsen schlägt es sanft, alles ist durchsichtig, jedenfalls in Attika, alles hat Farben, auch die Olympischen, Pallas, die Weiße, und Poseidon, der Azurgott. Ja durchsichtig, das ist das Wort, was aus der Hand der Griechen geht, das ist räumlich da, stark belichtet, Plastik, reiner Gegenstand, seine Jahrhunderte bereicherten den Peloponnes, stellten die Hügel und Inseln voll, lagerten etwas über die Weideflächen, erhöhten sie geographisch über den Meeresspiegel, und zwar mit etwas, was Ausdruck gewonnen hatte; Gelebtes, gekerbt vom Willen und den Erfahrungen der Rasse; Porphyr, bearbeitet von Traum, Kritik und höchster Vernunft; Ton und darauf die Linien menschlicher Bewegung, seiner Handlungsweisen, seiner Gesten, seines räumlichen Gefüges.
Eine öffentliche, eine physiologische Welt. Man liest laut, das wendet sich an die Funktionen der Ohren und des Kehlkopfs, eine Periode war ein körperliches Ganzes: was man in einem Atem sagen konnte. Lesen -das erarbeitete der ganze Organismus: die Rechte hält die geschlossene Rolle, die Linke zieht die Textspalten zu sich herüber, eine nach der anderen, langsam, zart, damit die Charta nicht zerfließt und die Fasern nicht zersplittern, der Schultergürtel und die Arme stehen immer in Spannung, und man schreibt auch auf der Hand. Aber vor allem Reden, das entspricht ihrer Konstitution! Rede, die ist an den Moment gebunden, duldet keine Übertragung in die Ferne, hier steht einer, will Wirkung, ist Gegenwart, macht geltend, greift zu jedem Mittel, um sich hochzubringen und den Gegner zu verderben und durfte auch beim vollen, beim Hörer vorausgesetzten Bewusstsein seines Unrechts rhetorisch geradezu alles wagen. Erst waren es konkrete Anlässe, Gerichtsreden: Diebstahl, Leder oder Korn gestohlen; man mußte dem Publikum, und das hieß feinen Ohren, etwas weismachen, ihm was beibringen, ihm plausibel machen. Dann waren es Prunkreden, Reklamereden. Reden gegen Entree.Dann kam das „Bezaubern“ hinzu, symmetrischer Bau der Sätze, gleichtönende, beinahe reimende Worte, ähnlich auslaufende Perioden, es bildeten sich Unternehmungen, öffentliche Kreise und Schulen, um Stil und Figurenschmuck zu lehren, Raffinement, fingierte Debatten: „Lob der Fliege“ oder „Herakles am Scheidewege“ oder „Die Pest“ oder „Das Fieber“ oder „Die Wanzen“ -und dies durch drei Jahrhunderte entwickelte Talent ganz auf Wirkung, Sieg, Hohn, Gelächter, Übermacht eingestellt, vertiefte den Sinn für Disposition, bewußte Anlage, auch Aufbau und die spielerische und schöne Freiheit geistig vorzutreibender Gebilde.
Eine physiologische Welt: die Glieder des menschlichen Körpers sind die Grundlagen ihrer Maße: der Fuß, das ist vier Handbreit, die Elle sechs Handbreit, der Finger ein Viertel Handbreit, so geht es weiter bis zu Klafter und Stadien. Eine Stadie ist 600 Fuß, nebenbei die Länge der Rennbahn. Der „attische Fuß“, zur Zeit des Perikles in Athen gesetzlich normiert, an vielen Bauten abzulesen, 308 Millimeter, geht dann mit Philipp und Alexander durch ganz Asien. Ihr Hohlmaß ist der große Krug, der den Wein und das Öl aufnimmt, das Getränk und die Salbe, zwölfmal geteilt.
Es ist Morgen, sein Licht dringt in das mit Kalk geweißte Haus, die Mauern sind bunt bemalt, dünn, und ein Dieb könnte sie eindrücken. Ein Bett mit einigen Decken, eine Lade, einige schön bemalte Vasen, aufgehängte Waffen, eine Lampe einfachster Art, alles zu ebener Erde, das genügte einem vornehmen Athener. Er erhebt sich früh, legt den ärmellosen dorischen Chiton an, verknüpft das Vorder-und Hinterblatt an den Schultern mit Agraffen, auch rechts, er trägt den Oberarm nicht nackt wie der arbeitende Sklave,wirft darüber den weißen Umhang, drapiert ihn, er ist aus dünner Wolle, es ist Sommer. Einen Siegelring an den vierten Finger der linken Hand als Petschaft, es ist ein entwaldetes aber bienenreiches Land: Honig in den Wein, Honig in das Brot, und gesiegeltes Wachs zum Schließen der Dokumente. Er geht ohne Hut, ohne Stock, in der Tür wendet er sich um, der Haussklave soll einen neuen Docht aus den wolligen Blättern der bestimmten Pflanzenart in die Delle der Tonlampe tun, und die Amphore, die unten spitz ist, tiefer in die Erde bringen, sie schlug nachts um.
Nun sieht er nach Süden herab, am Strand liegen die Trieren, sie sind heraufgezogen, auch die großen, die überseeischen, im Höchstfall 260 Tonnen groß, sie fahren ohne Kompaß, Seekarten, Leuchttürme, nahe der Küste lang und zwischen Piraten. Es ist die große Handelsflotte des Mittelmeeres, die die Phönizier verdrängte, die kornbringende, und die Salamis und Himera schlug. Nun ist er am Markt. Auf den Bänken, hauptsächlich von Männern umdrängt, Haufen von Kleidungsstücken, goldenen Ketten und Armbändern, Nadeln und Broschen, Wein in Schläuchen, Äpfeln, Birnen, Blumen und Kränze. Darüber Stoffe, Gewebe, der beste Flachs wird in der Ebene von Elis erzeugt, die feinste Verarbeitung erfolgt in Paträ, auch bunte Seide ist da von den Inseln. Er will weiter, doch er muß halten, Maulesel ziehen einen Wagen mit Silbererzen aus dem Laureion und mit Tributgeldern. Endlich ist die Straße frei, es ist die, die von Eleusis zurückführt, wie oft sah er sie in der Nacht der Feste im Rauch und Schein der Fackeln, da wohnen die Töpfer, die bäuerlichen, alte Schule, und firnissen ihre Vasen, braun und schwarz auf gelblichem Grund, die unteren Teile bleiben frei, werden nur einfach verziert, doch auf Hals und Schultern kommen die geraden Linien, Zickzack, Dreiecke, Schachbrettmuster, Kreuze und Hakenkreuze, einfache und kunstvolle Mäander. Einige lokale Variationen tut der einzelne hinzu, Mundartliches, in bezug auf Durchbildung und Verknüpfung der Ornamente, bald treten kleine gereihte Tiere zwischen die Linien, keine Löwen, Fabeltiere, wie in der ägäischen Kunst -: Haustiere, Gartentiere, alles in Streifen geordnet: hart, klar, sicher -die dorische Oktave. An der Piräusstraße am Dipylontor wohnen sie und an der heiligen Straße, hier die Töpferstadt.
Und dort wohnen die Purpurhändler, die immer so enormes Interesse finden, da liegen die Schnecken mit der kleinen weißen Ader am Mund, die die halbe Nuß Saft entleeren, weiß, grün, violett, wenn man sie schnell und mit einem Schlage tötet. Die an den Felsen sind besser als die am Meeresgrund, noch darf man mit Purpur handeln, später wird es verboten, es ist dann nur noch die Farbe für die Könige und die Götter.
Vor der Stadt wird ein Theater errichtet, das ist sein Ziel. Ein Theater, das ist der Rand eines Hügels, in den man halbrunde Stufenreihen schlägt, zweiteilige, die vordere zum Sitzen, die hintere für die Füße der oberen Reihen, dazwischen Treppen: schräge, mit Rillen versehene Platten. Unten in der Mitte steht der Altar, fertig steht auch schon die große, glattbehauene Mauer, um die Stimme der Darsteller zurückzuwerfen. Beleuchtung ist die Sonne, die Kulisse das Meer, oder, entfernter, die mit sammetartigem Schmelz übergossenen Berge. Er wirft den Blick über alle diesen Dinge, es ist keine Sensation, kein Ohren-und Sinnesschmaus, das Theater. Er denkt an jenen Ort am Alpheios, wo man so sehr dürstete, tags in der Sonne und nachts im Zelt, fünf heilige Tage und Vollmondnächte. Der Fluß ist verdörrt, sein Rinnsal trübe, aber die Hellanodiken hatten zehn Monate in Elis getrübt, nun rangen sie, es rangen miteinander die weit verstreuten Städte, eine ungeheure Spannung, ein ungeheurer Ernst lag über dieser Männerwelt, und kein Hellene, der nicht während der Kämpfe und Gesänge mit seinen Blicken immer wieder den aus Gold und Elfenbein verfertigten Tisch suchte, auf dem die Kränze des Sieges lagen, und den Ölbaum zwischen den Tempeln, von dem man ihre Zweige brach.

II. Sie ruhte auf den Knochen der Sklaven

Die antike Gesellschaft ruhte auf den Knochen der Sklaven, sie schleifte sie ab, oben blühte die Stadt. Oben die weißen Viergespanne und die Gutgewachsenen mit den Namen der Halbgötter: Sieg und Gewalt und Zwang und den Namen der großen See, unten klirrte es: Ketten. Sklaven, das waren die Nachkommen der Ureinwohner, Kriegsgefangene, Geraubte und Gekaufte, sie wohnten in Ställen, zusammengepfercht, viele in Eisen. Niemand dachte über sie nach, Platon und Aristoteles sehen in ihnen tiefstehende Wesen, nackten Tatbestand. Starker Import aus Asien, am letzten Monatstag war Markt, die Kadaver standen im Ring zur Besichtigung. Der Preis war 2 bis 10 Minen, immerhin 100 bis 600 Mark. Am billigsten waren die Mühlsklaven und die Bergwerksklaven. Demosthene’s Vater hatte eine Stahlfabrik, betrieben mit Sklaven, obigen Preis pro Ankauf zugrunde gelegt, arbeitete sie mit 23 Prozent Nutzen, eine ihm gehörige Bettgestellfabrik mit 30 Prozent. In Athen war das Verhältnis von Bürgern zu Sklaven 1 zu 4, 100 000 Hellenen auf 400 000 Sklaven. In Korinth gab es 460 000 Sklaven, in Ägina 470 000. Sie durften kein langes Haar tragen, hatten keine Namen, man durfte sie verschenken, verpfänden, verkaufen, züchtigen mit Stöcken, Riemen, Peitschen, Fußblöcken, Halskrallen, Brandmarkung. Sklavenmord wurde nicht gerichtlich verfolgt, eventuell religiös milde gesühnt. Sie wurden regelmäßig jährlich durchgeprügelt ohne Ursache, betrunken gemacht, um sie lächerlich zu finden, waren schlechthin ehrlos, wenn einer das sklavenmäßige Aussehen überragte, wurde er getötet und sein Besitzer bestraft, weil er ihn nicht unten gehalten hatte. Wenn ihrer zu viele wurden, ließ man den nächtlichen Mord gegen sie los, gegen so viele als zweckmäßig war. In einem kritischen Augenblick des Peleponnesischen Krieges lockte man in Sparta durch eine List die 2000 tüchtigsten und freiheitsbegierigsten hervor und brachte sie um -ein großes Vermögensopfer. Dort gehörte es auch zur Erziehung, von Zeit zu Zeit die heranwachsenden Knaben auf den Wegen vor der Stadt in Hinterhalte die legen, von wo aus sie am Abend verspätet heimkehrende Sklaven und Heloten überfallen und töten mußten, es war erzieherisch sich an Blut zu gewöhnen und von früh an seine Hände geübt zu haben. Durch diese Arbeitsteilung entstand der Raum für Waffengänge und Spiele, für die Schlachten und die Statuen, der griechische Raum.
Betrachtet man diesen Raum mit den Augen der heutigen Zivilisation, erscheint vieles zweideutig. Themistokles, der Held der Perserkriege, lässt sich mit 30 Talenten von den Euböern bestechen, die Schlacht vor ihrer Insel zu schlagen, mit 5 Talenten davon besticht er einen seiner Unterführer weiter. Nach Salamis erpreßt er alle Inseln und Städte ohne Wissen seiner Mitfeldherrn. Vor Salamis steht er mit Xerxes in Verbindung, nach Salamis ebenso. Sein Knecht Sikinnos vermittelte jahrelang hin und her. Bei allen seinen Reden und Taten, sagt Herodot, verfuhr er so, daß er sich einen Rückhalt schaffte bei den Persern im Fall ihm von den Athenern was geschehe. Pausanias, Führer der eidgenössischen Flotte, Sieger von Platäa, spartanischer Regent, verhandelt heimlich mit dem Perserkönig während des Krieges, um ihm Sparta und ganz Hellas auszuliefern. Leothychidos, König von Sparta, läßt sich während des Feldzuges 476 von den Aleuaden bestechen und gibt den günstig stehenden Krieg gegen Thessalien auf. Dies alles sind die Helden des 5. Jahrhunderts, zwei Generationen vor Alkibiades, der dann systematisch überlief, schön und tückisch.
Dort Bestechung, hier Grausamkeit und Rache. Panionios von Chios hatte Hermotimos geraubt, verschnitten und als Sklaven verkauft. Hermotimos kommt später hoch, wird wohlhabend, besucht Panionios und bittet ihn mit seinen Söhnen als Gast in sein Haus. Dort überfällt er sie, erst muss der Vater seine vier Söhne entmannen, dann die vier Söhne den Alten, und dann verkauft er sie alle zusammen. Das wird von Herodot objektiv berichtet. Die sechs Söhne des Königs der Bisalten ziehen ohne Erlaubnis des Vaters in einen Krieg, als sie alle sechs gesund und munter nach Hause kamen, schreibt Herodot ohne weitere Bemerkung, riß ihnen ihr Vater die Augen aus um ihre Schuld, das war ihr Lohn. Bei demselben frommen Gründer der Geschichtsschreibung lesen wir an anderer Stelle von einem Regenten, bei dem es sich um Leichenschändung handelte. Wir erfahren das beiläufig, in einem Nebensatz, folgendermaßen: Die Boten kamen aus Delphi zurück und aha, ruft der betreffende Regent interessiert aus, das wird das Orakel gemeint haben, als es von mir sagte: „Brot in einen kalten Ofen schieben“. Eine Rasse voll Täuschung und List im Kriegerischen wie im Rituellen. Die Phoker streichen 600 ihrer tapfersten Männer weiß an, sie selber und ihre Schilde, und senden sie bei Nacht ins feindliche Lager mit dem Befehl alles niederzustoßen, was nicht weiß ist. Voller Erfolg: gelähmt vor Furcht bebt das Lager, und es gelingt 4000 zu vernichten. Aber dann die Gegenlist: diese, hinter einem Paß, machen einen großen Graben, stellen leere Krüge hinein, tragen Schutt darauf und machen es wieder gleich der Erde. Nun greifen die Phoker an und fallen in die Krüge, die Pferde brechen sich die Beine, und die am Boden sich Wälzenden lassen sich leicht niedermachen.
List bei der Eroberung von Troja, List beim Raub des Bogens des Philoktet, List aber auch als Triumph auf dem Ostgiebel des Zeustempels in Olympia, er stellt das mythische Urgebild des Wagenrennens dar mit Viergespannen, nämlich den Kampf zwischen Eunomaos und Pelops; der König verhieß dem Sieger seine Tochter, dem Unterliegenden den Tod. Der Held Pelops gelangt zum Ziel durch den Verrat des Wagenlenkers Myrtilos, er hatte ihn bestochen, wächserne Pflöcke in den Wagen des Königs zu schlagen, der Wagen zerschellte; als Myrtilos den Lohn fordert, wird er von Pelops im Meer ertränkt, -aber, ob Verrat oder Leistung, es war jedenfalls der Sieg, der löschte alles aus, der war göttlich und es wert, rein auf den Giebel des höchsten Heiligtums der Griechen zu steigen.
Es gab nur eine einzige Moral, die hieß nach innen gerichtet: der Staat, und nach außen: der Sieg. Staat ist Stadt, bleibt Stadt, weiter wird nie gedacht. Betrachten wir ein bestimmtes Wort in Athen. Nach innen: das Bürgerrecht wird allen genommen, die nichtathenische Eltern haben, 10 Prozent werden aus den Listen gestrichen, das Eigentum konfisziert, um Land und Vermögen zu konzentrieren, also radikaler Rassismus, Stadtrassismus. Nach außen: der delisch-attische Bund ist geschlossen, wohlbemerkt mit hellenischen Staaten, aber Bund! Athen hat die Macht! Nun müssen alle Bundesstädte nach Athen vor Gericht, müssen Tribute zahlen, die Athen festgesetzt, in verdächtige oder unsichere Städte, griechische Städte, Bundesstädte aus den Perserkriegen, kommen athenischen Garnisonen und Kommandanten, Trieren kontrollieren das Meer, Flotten blockieren hellenische Häfen, Mauern werden geschleift, Waffen abgenommen, die Gefangenen wie Barbaren gebrandmarkt, Nachbarstädte, Nachbarinseln vernichtet. Bei den Dionysien müssen die Abgeordneten der Städte an den Athenern vorbeiziehen mit Tafeln, auf denen die Höhe ihrer Tribute steht. Diese Tribute werden als Gold und Silber in natura den athenischen Bürgern und ihren Gästen vorgeführt. Das alles im zivilisierten Zeitalter der griechischen Geschichte. Aber nun stoßen wir auch gleich wieder auf die Gegenbewegung: bei dem gleichen Festzug erhebt sich alles vor den auf Staatskosten ausgestatteten Waisen der für Athen gefallenen Bürger.
Ungemein interessant ist für die Psychologie dieser Oberschicht der folgende Vorfall: Nach dem Sieg von Salamis und nach der Teilung der Beute fuhren die Hellenen nach dem Isthmus, um dort den Preis aufzuteilen dem Hellenen, der sich desselben am würdigsten gezeigt hätte während des Krieges. Und wie die Obersten ankamen, wurden die Stimmen unter sie verteilt an dem Altar des Poseidon, um den Ersten und den Zweiten von allen zu bestimmen. Da gab ein jeder sich selber seine Stimme, denn jeder glaubte, er wäre der Beste. Besser als Themistokles, besser als Eurybiades, besser als Leonidas! Und wir wollen auch erwähnen, daß sie während der Schlacht, wenn ihre Schiffe aneinander vorbeifuhren, sich gegenseitig schmähten, herabsetzten, verdächtigten -: aus solchen Zügen entstanden ihre großen Siege.
Wie man gegen schädliche Raubtiere und Schlangen Gesetze erlassen hat, so sollte man es auch hinsichtlich staatsfeindlicher Menschen machen, schrieb Demokrit, und Protagoras läßt den Großvater sprechen: Gib in meinem Namen das Gesetz, daß man einen Menschen ohne sittliches Bewußtsein und ohne Rechtsgefühl als einen Krebsschaden des Gemeinwesens vernichten soll -: hieraus entstand das 5. Jahrhundert, der größte Glanz der weißen Rasse, der prägende, der absolute, nicht nur der mittelmeerisch begrenzte, in diesen 50 Jahren nach Salamis, alles gruppierte sich um diese Seeschlacht: Äschylos kämpft mit, Euripides wird während ihrer und auf der Insel geboren, Sophokles tanzt mit den schönsten Jünglingen den Siegespäan. Hier vollendet sich der „Sieg des Griechen“: Macht und Kunst, hier vollendet sich Perikles, bevor die Pest kam und die Tyrannen, und beide Generatinen, aus denen immer, auf allen Dokumenten, zwei Dinge hervorbrechen, beide zum Tragen und Schwingen: Fackeln und Kränze.

III. Die graue Säule ohne Fuß

Hinter dieser Silhouette Griechenlands, panhellenisch gemischt, steht die graue Säule ohne Fuß, der Tempel aus Quadern, steht das Männerlager am rechten Ufer des Eurotas, seine dunklen Chöre -: die dorische Welt. Die Dorer lieben das Gebirge, Apollo ist ihr Nationalgott, Herakles ihr erster König, Delphi das Heiligtum, sie verwerfen die Windeln und baden die Kinder in Wein. Sie sind die Träger des hohen Altertums, der alten Sprache, der dorische Dialekt war der einzige, der noch in der römischen Kaiserzeit erhalten war. Ihr Traum ist Züchtung und ewige Jugend, Göttergleichheit, großer Wille, stärkster aristokratischer Rassenglaube, Sorge über sich hinaus für das ganze Geschlecht. Sie sind der Träger der alten Musik, der alten Instrumente: dem Kitharöden Thimoteos von Milet wurde sein Instrument, weil er die Saiten von sieben auf elf erhöht hatte, weggenommen, er wurde erhängt. Einem andern schlagen sie von einem neunsaitigen Instrument zwei Saiten mit dem Beil herunter, es sollen die alten sieben nur sein. „Ins Feuer das speichelvergeudende Rohr“, ruft Pratinas der Flöte nach, weil sie neumodischerweise den Chor führen wollte, statt, wie bisher, sich ihm zu fügen.
In die Tempel hängen sie Ketten und Fesseln für die Feinde, zu den Göttern beten sie um des Nachbarn ganzes Land. Ihr Königtum ist Machtausübung über alle Maßen, Krieg können sie führen wider welches Land sie wollen, 100 auserlesene Männer wechseln Tag und Nacht in ihrer Wache, von allem was geschlachtet wird, bekommen sie die Haut und den Rücken, beim Mahl wird ihnen zuerst gereicht, und sie bekommen von allem noch einmal soviel wie die andern. Es ist erbliches Königtum, 900 Jahre herrschten die Herakliden, auch Feinde wagten in der Schlacht nicht mehr, die Hand an sie zu legen aus Furcht und Scheu vor der Götter Rache. Ihren Todesfall berichteten Reiter durch das ganze lakonische Land, in der Stadt aber laufen Weiber und schlagen an einen Kessel.
Dorische Welt, das sind die gemeinsamen Mahle, um immer gerüstet zu sein, 15 Mann, und jeder bringt ein Stück mit: Gerstenmehl, Käse, Feigen, Jagdbeute und keinen Wein. Die Erziehung geht nur auf dieses Ziel: Schlachten und Unterwerfung. Die Knaben schlafen nackt auf dem Schilf, das sie sich ohne Messer aus dem Eurotas reißen müssen, essen wenig und schnell; wenn sie der mageren Kost etwas hinzufügen wollen, müssen sie es aus den Häusern und Gehöften rauben, denn Soldaten leben vom Plündern. Das Land ist aufgeteilt in 9000 Lose, Erbgüter, aber kein Privatbesitz, unveräußerlich, alle gleich groß. Kein Geld, nur Eisengeld, das bei der großen Schwere und Masse einen so geringen Wert gab, daß schon eine Summe von zehn Minen (600 Mark) zum Aufbewahren im Haus eine eigene Kammer und zum Fortbewegen einen zweispännigen Wagen erforderte. Alle übrigen Staaten ringsum hatten Silber-und Goldgeld. Und auch dies Eisen noch unverwertbar gemacht: glühend in Essig getaucht und dadurch enthärtet. 900 Jahre herrschte das Königsgeschlecht, ebensolange hielten sich die gleichen Rezepte für die Köche und die Bäcker. Verbot von Auslandsreisen, Einreiseverbot für Fremde, Greisenehrung. Das Heer war in der Königszeit nur Infanterie von höchster Wucht: Hopliten, schwer geharnischtes Linienfußvolk mit Lanzenstoß.
9000 Spartaner herrschten über die zehnfachte Macht der Ureinwohner, später noch über die immer aufständigen Messener. Bei Todesstrafe musste es ein Spartaner mit zehn Heloten aufnehmen. Das Ganze war ein Lager, ein schnell bewegliches Heer, wenn die Schilde aufeinanderstießen und die Helme von den Schleudersteinen dröhnten, das war ihr Marsch. Nie wurde die Zahl der Gefallenen angegeben, auch nach den Siegen nicht. Wehe denen, die „gezittert“ hatten! Aristodemos, der „gezittert hatte“, der einzige, der die Thermopylenschlacht überlebte, legte dann bei Platäa die höchsten Taten der Tapferkeit ab, er fiel und blieb doch verachtet, weil er „aus Gründen“ den Tod gesucht hatte.
Dorisch ist jede Art von Antifeminismus. Dorisch ist der Mann, der die Vorräte im Haus verschließt und den Frauen verbietet, den Wettspielen zuzuschauen: die den Alpheios überschreitet, wird vom Felsen gestürzt. Dorisch ist die Knabenliebe, damit der Held beim Mann bleibt, die Liebe der Kriegszüge, solche Paare standen wie ein Wall und fielen. Es war erotische Mystik: der Ritter umarmte den Knaben wie der Gatte das Weib und übertrug ihm seine Arete, vermischte ihn mit seiner Tugend. Dorisch war auch der Knabenraub: der Ritter entführt den Knaben der Familie, widersetzt sie sich ihm, ist das Entehrung, und er rächt sich blutig. Für einen Knaben aber ist es eine Schande, keinen Liebhaber zu finden, das heißt nicht zum Helden berufen zu sein. Am heiligen Ort findet die Vereinigung statt, ein Opfer wird dargebracht, mit Rüstung und Becher beschenkt ihn der Ritter, und bis zum dreißigsten Jahr hütet er ihn, verrichtet für ihn die Rechtsgeschäfte; tut der Schützling Unehrenhaftes, wird der Ritter bestraft, nicht der Knabe.
Die Dorer arbeiten am Stein, er bleibt unbemalt. Ihre Figuren sind nackt. Dorisch, das ist die Haut, aber die bewegte, die über Muskeln, männliches Fleisch, der Körper. Der Körper, gebräunt von der Sonne, dem Öl, dem Staub, der Striegel und den kalten Bädern, luftgewöhnt, reif, schön getönt. Jeder Muskel, die Kniescheibe, die Gelenkansätze behandelt, angeglichen, ineinandergearbeitet, das Ganze kriegerisch, doch sehr erwählt. Die Gymnasien waren die Schulen, in denen es entstand, die dann über Griechenland gingen. Platon, Chrysippos, der Dichter Timokreon waren zuerst Ringkämpfer gewesen, Pythagoras stand im Rufe, den Preis im Faustkampf davongetragen zu haben, Euripides wurde in Eleusis als Ringkämpfer bekränzt. Der Körper bewies es: Knechtstum oder Rang. Agesilaos, der große Spartaner, ließ eines Tages, um seine Mannschaft zu ermutigen, die gefangenen Perser entkleiden. Beim Anblick des blassen, schlaffen Fleisches fingen die Griechen an zu lachen und marschierten voller Verachtung für ihre Feinde vorwärts. Über ganz Hellas die dorische Saat: schöne Körper: alle Götterfeste, alle großen Feierlichkeiten führten einen Schönheitswettbewerb herbei. Man erwählte die schönsten Greise, um in den Panathenäen die Zweige zu tragen, in Elis die schönsten Männer, um der Göttin die Weihgeschenke zu überbringen. Große Körper: in Sparta mußten in den Gymnopädien die Feldherren und berühmten Männer, die an Wuchs und äußerem Adel nicht groß genug waren, in den nebensächlichen Reihen verteilt, im Zug des Chores gehen. Die Lakedämonier verurteilten, nach Aussage des Teophrast, ihren König Archidamos zu einer Buße, weil er eine kleine Frau geheiratet hatte und diese ihm Puppenkönige und nicht Könige gebären würde. Einem Perser, einem Verwandten des Xerxes, welcher an Gestalt der Größte im Heere gewesen war und der in Griechenland starb, opferten die Einwohner wie einem Halbgott. Unter den Ringkämpfern, die Pindar besang, gab es Riesen; der trug einen Stier auf seinen Schultern, der hielt einen bespannten Wagen von hinten an, der warf einen Diskus von 8 Pfund 95 Fuß weit, das schrieben die Heimatgemeinden den Starken auf die Stand-und Ruhmesbilder. Körper zur Zucht: das Gesetz bestimmte das heiratsfähige Alter und wählte den günstigsten Zeitpunkt und die günstigsten Umstände für einen Schwängerung aus. Man ging wie in Gestüten vor, man vernichtete die schlechtgelungene Frucht. Der Körper zum Krieg, der Körper zum Fest, der Körper zum Laster und der Körper endlich dann zur Kunst, das war die dorische Saat und die hellenische Geschichte.
Dorisch ist der hellenische Schicksalsbegriff: das Leben ist tragisch und doch durch Maße gestillt. Dorisch ist in der Haltung Sophokles: „es ist gut, wenn der Sterbliche nicht über das hinaus will, was Menschen gemäß ist.“ Dorisch ist Äschylos: Prometheus ist titanisch, trennt sich mit Flüchen und Schwüren vom All und vom Äther, raubt den Göttern und bleibt doch überall der Moira, des Schicksals, des Maßes, das Ausgleichende hält und schmiedet ihn, nirgends läßt ihn die Parze. Bei Euripides beginnt der Mensch, der Hellenismus, die Humanität. Bei Euripides beginnt die Krise, es ist sinkende Zeit. Der Mythos ist verbraucht, Thema wird das Leben und die Geschichte. Die dorische Welt war männlich, nun wird sie erotisch, es beginnen Liebesfragen, Weiberstücke, Weibertitel: Medea, Helena, Alkestis, Iphigenie, Elektra, diese Serie endet in Nora und Hedda Gabler. Es beginnt die Psychologie. Es beginnt, daß die Götter klein werden und die Großen schwach, alles wird alltäglich, die Shawsche Mediokrität. Geschwätz hast du gelehrt und Zungengewandtheit, sagt in den „Fröschen“ des Aristophanes Äschylos gegen ihn, den Ringhof hast du öde gemacht, zungengenudelte Herren zum Ungehorsam verführt und das Schiffsvolk; als ich noch lebte, beim Himmel, da wußten sie nichts wie nach Zwieback zu schreien und ihr Ahoi zur Arbeit! Doch heute und dank dir, Euripides: „die Fackel zu tragen im Lauf, wer genügt dem noch bei dem Sinken der Turnzucht?“
Das Sinken der Turnzucht -mit ihr sank die dorische Welt, Olympia, die graue Säule ohne Fuß und die der Herrenschicht günstigen Orakel. Euripides ist skeptisch, einsam und atheistisch, es steigen bei ihm bereits die Allgemeinbegriffe isoliert auf: „das Gute“, „das Rechte“, „die Tugend“, „die Bildung“; er ist pazifistisch und antiheroisch: vor allem Frieden und keine sizilische Expedition, er ist zerrissen und genialisch, durchaus pessimistisch und zweifellos dämonisch, identisch mit der Größe und dem Geist des tiefen hellenischen Nihilismus, der am Ende der Perikleszeit begann, der schweren Krise vor dem Ende des Griechentums: aus dem penthelischen Marmor auf der Burg, unter den Schlägen des Phidias, im Weiß und im Schmelz der Kallablüte ersteigt als Pallas der noch nie erreichte, der vollkommene,der hohe klassische Stil, aber in dem kosmopolitisch gewordenen Bürgerhäusern hält man sich Affen, kolossische Fasane und persische Pfauen locken die Lakedämonier zu den Vogelhändlern und Wachtelkämpfe statt der Mysterien der Freien und Metöken in die Theater.
Dorische Welt war die größte griechische Sittlichkeit, antike Sittlichkeit, also siegende Ordnung und von Göttern stammende Macht. Nichts wissen ihre Sagen von Horten, Schätzen, hohlen Bergen, ihre Begehrlichkeit geht nicht auf Gold, sondern auf heilige Dinge, magische Waffen aus Hephästos Hand, auf das Goldene Vlies, das Halsband der Harmonia, das Zepter des Zeugs. Sparta, das war auch ein unentrinnbares Geschick. Menschen, die bei den übrigen Griechen abstachen und kaum mit ihnen verkehren konnten, geistig ihnen sehr fern. Überall erklomm dies Harte: ihr Kriegsgott war gefesselt dargestellt, damit er ihnen treu bliebe, Athen drückte das gleiche darin aus, daß er die Nike flügellos bildete. Die Feldherren über nahezu alle griechischen Heere waren wohl Spartaner, aber ein Spartiat befand sich draußen auch überall sehr schlecht, wo er nicht als siegreicher Krieger auftrat. Er war das Mittelalterliche, der „lykurgisch Erzogene“, dem es untersagt war, die Gesetze zu prüfen, er war der Mann aus der Wachtstube, der Mitturner, daher: Spartam nactus es, hanc orna: Sparta ist deine Heimat, kröne du sie, kümmere du dich um sie, du und Sparta, ihr seid beide allein in der Griechenwelt.
Hören wir noch eine Geschichte aus Herodot von dieser dorischen Tugend, die dem Orient, der ganzen Vorwelt so fremd und unheimlich war: Es kamen nach Thermopylä einige Überläufer, einige Männer aus Arkadien, zu den Persern. Die Perser führten sie vor den König und erkundigten sich, was die Hellenen jetzt täten; die Männer antworteten, jene feierten das olympische Fest und sähen dem Kampfspiel zu Fuß und zu Wagen zu; da fragte sie der Perser, was denn dabei für ein Kampfpreis ausgesetzt wäre; sie antworteten, der Sieger bekäme einen Kranz vom Ölzweig; da sprach ein persischer Großer ein Wort, das ihm der König als Feigheit auslegte; nämlich, da er hörte, der Kampfpreis wäre ein Kranz und keine Schätze, konnte er nicht länger schweigen, sondern sprach also vor aller Ohren: „Wehe Mardonius, wider was für Männer führtest du uns in den Streit, die nicht um Geld ihre Kampfspiele halten, sondern um die Trefflichkeit.“ Diese Trefflichkeit, dieser Kranz, dieses Kampffest zwischen den großen Schlachten, das war hinter der panhellenischen Silhouette die dorische Welt.

IV. Die Geburt der Kunst aus der Macht

Wir leben seit einem Jahrhundert im Zeitalter der Geschichtsphilosophie, wenn man ihr Fazit zieht, ist sie nichts als eine feminine Fortdeutung von Machtbeständen. Wir leben seit einiger Zeit im Zeitalter der Kulturmorphologie, hochkapitalistische Blüte, Romantik, um Expeditionen zu wilden Völkern zu finanzieren. Das liberale Zeitalter konnte Völker und Menschen nicht ins Auge fassen -„fassen“, das klang ihm schon viel zu violant -, es konnte die Macht nicht sehen. Hinsichtlich Griechenlands lehrte es: Sparta war eine traurige Kriegerhorde, Soldatenkaste, ohne kulturelle Sendung, Hemmschuh Griechenlands, „alles entstand gegen die Macht“. Die moderne anthropologische Prinzipienlehre, die sich als neue Wissenschaft bildet, erblickt gerade in der Macht und der Kunst verschwistert die beiden großen Spontangewalten der antiken Gemeinschaft.
Das Griechentum lehrt jedenfalls folgendes: Die Statuenkunst entfaltet sich in dem gleichen Augenblick wie die öffentlichen Einrichtungen, durch die der vollkommene Körper gestaltet wird, diese entstehen in Sparta. Es ist der Augenblick, in dem der Kopf noch keine größere Bezeichnung hatte als der Rumpf und die Glieder, das Antlitz noch nicht verzogen, verfeinert, durchgearbeitet ist, seine Linien und Flächen nur die anderen Linien und vervollständigen, sein Ausdruck nicht gedankenvoll, sondern unbewegt, fast erloschen erscheint. Die allgemeine Haltung und gesamte Bewegung, also die Natur, das ist der Sinn der Figuren, es sind die Statuen reiner Glieder, sie enthalten noch kaum das geistige Element, es sind die Glieder der Gymnasiasten, des Kriegers, des Ringers. Eine solche Bildsäule ist fest, ihre Glieder und ihr Rumpf haben ein Gewicht, man kann um sie herumgehen, und der Beschauer wird sich ihrer stofflichen Maße bewußt, sie sind nackt, dort kommt eine Schar vom Baden und vom Lauf, auch nackt, man vergleicht -: das bildet.
Es ist der Augenblick, in dem die Orchestra, eine bis dahin unbestimmte Art von Aufführung bei Begräbnissen, Jugendmärschen, bestehend aus Stegreifgesängen, Festgesängen, Rachegesängen, sich mit der Gymnastik, die Keimzelle der Wettkämpfe sowie der lyrisch-musikalischen Dichtung vereint: es geschieht bei den Dorern in Sparta. Hier wächst es zusammen, das Soldatentum prägt es, schließt es aneinander. Von hier aus geht es mit den Feldherrn auf das übrige Griechenland über. Die Chöre, die Statuen, aber auch die Musik. Die Dorer waren von Haus aus sehr musikalisch, hatten ungeheuer empfindliche Ohren, sangen frei und bewegten sich dabei. Im Volk waren bestimmte konstante Melodientypen vorhanden, die sogenannte Nomoi, uralte Lieder, Gesänge beim Mahlen, Gesang der Weberinnen, der Wollspinner, der Schnitter, der Säugenden, der Feldtagelöhner, der Kornstampferinnen, der Rinderhirtengesang. Dazu kamen uralte Tänze, einer hieß „Kornausschütten“, einer „Schildaufhebung“, einer „Eule“. Das meiste der alten Musik, in der Worte und Töne eine metrisch-methodische Verbindung eingingen, können wir heute nicht mehr ganz erfassen, nicht mehr nacherleben, es war eine sonderbare Vereinigung von Musik und Gymnastik, von Tanz und mimischer Aktion, die man Gymnopädien nannten und die von Thaletos aus Sparta bei der Olympiade 28 ins panhellenische Dasein gehoben wurden. Es waren Poesien für Chöre, die von Bewegungen begleitet waren und die der Ausgangspunkt der höheren Lyrik und der Tragödie wurden, und wenn wir auch das einzelne nicht mehr voll verstehen, ist es für uns doch sehr bedeutungsvoll, daß es in Sparta entstand. Sparta hieß „die gesangreichste der hellenischen Städte“, es war durchaus das musikalische Zentrum, hier wurde die Musik als musischer Agon 676 den Wettspielen eingefügt, hier wurden die verschiedenen volkstümlichen Sangesweisen der einzelnen dorischen Landschaften gesammelt und nach Kunstregeln geordnet, hier wurde ein allgültiges Tonsystem festgelegt. Hier gab es von 645 an einen Gesetzgeber der Musik, Musik war gesetzliches Lehrfach und mußte von allen Bewohnern bis zum 30. Lebensjahr betrieben werden, alle mußten die Flöte spielen, durch Poesie und Gesang wurden die Gesetze den Nachkommen überliefert, und man zog zum Kampf aus unter dem Klang von Flöten, Lyren und Gitarren, „treffliches Gitarrenspiel geht dem Schwert voran“, sang Alkman.
Und die Soldatenstadt trug es mit ihren Heeren über ganz Griechenland: die dorische Harmonie, die hohe Chordichtung, die Tanzweisen, der Baustil, die straffe soldatische Ordnung, die vollständige Nacktheit des Ringers und die zum System erhobene Gymnastik. Im 9. Jahrhundert begann die Bewegung sich auszubreiten, die unterbrochenen Spiele wurden wieder hergestellt, vom Jahre 776 an diente Olympia als Ära und fester Punkt, um die Kette der Jahre daran zu knüpfen. Sport, Musik, Dichtung, Stadien, Wettkämpfe und die Statuen der Sieger im einzelnen nicht zu trennen, das war die spartanische Sendung, und die lakedämonische Gebräuche verdrängten die homerischen. Bald gibt es keine Stadt mehr ohne ein Gymnasium, es ist eines der Zeichen, an denen man eine griechische Stadt erkennt. Aus einem solchen Viereck mit Säulenhallen und Platanenalleen, gewöhnlich neben einer Quelle oder neben einem Bach, ging auch die Akademie hervor, und die große Philosophie entstand darin. In der späteren Griechenzeit hieß es sogar, die Spartaner hätten die gesunkene griechische Musik dreimal gerettet, und man stellte Sparta allegorisch als Weib mit einer Lyra dar. Es ist auch Sparta, in der das erste Gebäude für musikalische und dramatische Aufführungen entstand, ein Rundgebäude mit zeltförmigen Dach, seit der Olympiade 26 an den Karneen im Gebrauch. Später folgten andere Städte, aber dies blieb das Vorbild, auch in Athen für die beiden nächsten: das Odeion und das Theatron.
Aber am bedeutungsvollsten wird das Spartanisch-Apollinische in der Plastik. Die Statuenkunst, erst am Holz, dann am Erz, Elfenbein und Marmor, begleitet langsam, schrittweise und aus der Entfernung die Züchtung des schönen Körpers, das ist die Entwicklung der dorisch-hellenischen Welt. Anfangs rein naturalistisch, entstanden aus Auftrag und Befehl. Dann immer mehr die Gesetze aus dem Material entnehmend, dem ewigen Material, dem Stein. Die Anatomie des Nackten, in Gymnasien und Ringplätzen studiert, ist längst der genaueste Besitz des Auges, nun lockert das innere Gesicht die Realität von allem Gelegentlichen, und es entsteigt der Umriß der Sieger und Götter frei. Immer mächtiger wird das Griechentum, immer heroischer, aber auch gefährlicher seine Geschichte, „das tragische Zeitalter“, immer tiefer, zufallsloser wird die Fügung der plastischen Gestalt. Es arbeitet nicht mehr das Auge, es arbeitet das Gesetz, der Geist. Hier entwickelt sich wirklich eine Beziehung, die geschichtlich 400 Jahre dauerte, von der öffentlichen Gewalt ganz unmittelbar zur Kunst, vom Heroentum der äußeren Haltung und der Tat, von den Schlachtfeldern von Marathon und Salamis zur Formfindung des letzten Parthenonstils, hier kann man wirklich von einer Geburt der Kunst aus der Macht sprechen, in der Geschichte der Statue und an dieser Stelle jedenfalls.
Dies also war Sparta, so sehr war es der Ausgangspunkt, die Keimzelle des griechischen Geistes; und es steht damit die oben angeführte Tatsache nicht im Widerspruch, daß der Spartiate als Mensch fremd war in der griechischen Welt. Sparta war immer das geblieben, als as es sich gegründet hatte, eine Kriegerstadt, während die anderen Städte längst panhellenisch, sizilisch oder asiatisch geworden waren. Immer wieder die Grenzen abstecken und überwachen, das ist wohl eines der Mysterien der Macht, und da Sparta dannach handelte, gelang es ihr, den letzten Sieg davonzutragen und Griechenland in der Stadt enden zu lassen, in der es begann. Ein Gefühl für die Größe des Dorertums zieht sich übrigens durch alle Jahrhunderte in allen politischen Gemeinschaften hin, eine Art Wehmut nach Sparta blieb immer in Griechenland vorhanden! „Lakonizonten“,
d. h. Sparaanhänger und Bewunderer des spartanischen Stils, gab es immer in Athen, in schwierigen Zeiten wurden sie auch immer wieder „der Erzieher“ genannt, und sehr interessant ist, wie Plato, geistig der letzte Dorer, der während der Auflösung noch einmal den Kampf gegen den Individualismus, das Schwermütig-Reizvolle der Kunst, die „süßliche Muse“, die „Schattierkunst“ aufnimmt, um für die „Gemeinde“ und die „vernünftigen Gedanken“, „das mittlere Leben“, die „Stadt mit der untadeligen Verfassung“ zu kämpfen, diese Wehmut nach Sparta ausdrückt, im „Theages“ sagt er von einem tugendhaften Mann, der über die Tugend Vorträge hält: „In der wunderbaren Harmonie seiner Handlungen und seiner Worte erkennt man die dorische Weise wieder, die einzige, welche wirklich griechisch ist.“Das war 500 Jahre nach Lykurg. Und von hier aus versteht man auch seine wahrhaft spartanischen Worte gegen die Kunst, die fast unbegreiflichen Worte im Munde des Schöpfers des extremen idealistischen Weltbildes: „Wenn du, o Glaukon, Lobredner des Homers antriffst, welche behaupten, dieser Dichter habe Hellas gebildet, so wisse denn, es war zwar der dichterischste und erste aller Tragödiendichter, aber in den Staat sollte man nur den Teil von der Dichtkunst aufnehmen, der Gesänge an die Götter und Loblieder auf treffliche Männer hervorbringt.“ So spricht dieser hohe Intellektualist, großer Künstler und erster Träger der lastenden psychophysischen Spaltung, die zwei Jahrtausende nicht wieder schließen konnte, so spricht über alle Erkenntniskritik und dialogisch-artistische Finessen hinweg aus diesem tiefen und transzendenten Spätling noch einmal das Männerlager am rechten Ufer des Eurotas, spricht Sparta, die Macht.
Wir leiten also aus Sparta Griechenland ab, und aus dem Dorisch-Apollinischen die griechische Welt. Dionysos steht hier wieder in den Grenzen, in denen er vor 1871 („Geburt der Tragödie aus dem Geiste des Musik“) stand. Die Griechen waren ein primitives, d. h. ein rauschnahes Volk, ihr Zeusdienst hatte orgiastische Züge; große, rauschhafte Erregungswellen traten periodisch bei ihnen auf, auch in Sparta, viel Kathartisches hatten sie aus den kretischen Kulten übernommen. Aber wir haben inzwischen primitive Völker aus Reiseschilderungen und Filmen kennengelernt, namentlich Negerrassen, deren Existenz eine einzige Folge von Rauschanfällen zu sein schien, ohne daß Kunst daraus entstand. Zwischen Rausch und Kunst muß Sparta treten, Apollo, die große züchtende Kraft. Aber da wir heute nicht mehr so wagnerisch erregt sind, um das Bedürfnis zu haben, Tristan schon in Thrazien nachzuweisen, blicken wir nach Dorien, nicht nach Dion, fragen wir uns nach der griechischen Welt.

V. Kunst als die progressive Anthropologie

Fassen wir zusammen und versuchen wir, zu einer Perspektive zu gelangen. Wir sehen das vielfältige Reich des Hellenentums, aufgebaut aus einzelnen Städten und Staaten, und in jedem von ihnen sehen wir das Unsäglichste an Machtgier, Grausamkeit, Bestechung, Kamorra, Ruchlosigkeit, Verwilderung, Mord, Verschwörung, Ausbeutung, Erpressung. Wir sehen unter den Größten die frevelhaftesten Typen wie Alkibiades, Lysander, Pausanias; die schauderhaftesten wie Kleachos; Lügner als Retter des Staats auf einem Wagen bekränzt ins Prytaneion gefahren und dort gespeist, wie Diokleides, den Denunzianten der Hermenfrevel, gleich darauf gesteht er, gelogen zu haben. Wir sehen Betrug, beschönigten: man hat die Marke an den Säcken mit Staatsgeldern nicht bemerkt und 300 Talenten entwendet; -unbeschönigten: glatter Griff in die Kassen; öffentlich legalisierten, kapitalistischen: „eine goldene Ernte ist die Rednerbühne“, das war ein Spruch, das „Stillkaufen von Staatsrednern“ war damit bezeichnet. Wir sehen bestechliche Richter: Freispruch, wenn man die Griffe von Dolchen sieht, Abkauf von Prozessen, Sykophanten (berufsmäßige und offiziöse Denunzianten) und Gegensykophanten, die „wie Skorpionen mit erhobenem Stachel auf der Agora hin und her huschen“, ganze Generationen, ganze Systeme -: „ich bin ein Zeuge in Inselprozessen, ein Sykophant und Sachenaufspürer, graben mag ich nicht, mein Großvater hat schon vom Angeben gelebt“, sagt eine Figur bei Aristophanes. Wir sehen die Zeichen der modernen Öffentlichkeit, des modernen Staates, der modernen Macht.
Man kann nicht sagen, das ist weit ab, Antike. Keineswegs! Die Antike ist sehr nah, ist völlig in uns, der Kulturkreis ist noch nicht abgeschlossen. Das idealistische System eines heutigen Philosophen steht Platon näher als dem Weltbild des modernen Empirikers; der moderne, relativistische Nihilismus ist völlig identisch als Affekthaltung mit der sogenannten pyrrhonischen Skepsis im 3. vorchristlichen Jahrhundert. Anaximanders Pessimismus, jener so oft genannte Satz: „woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrundegehen nach der Notwendigkeit, denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden gemäß der Ordnung der Zeit“ -: das knüpft Nietzsche in einem Aufsatz unmittelbar an Schopenhauer an. Das Problem des Dinges an sich steigt auf und ist bis heute unerledigt. Das Entwicklungsproblem beginnt seine Geschichte und wird bei uns immer nur verwirrter. Das Ignorabimus du Bois-Reymonds zieht über das quoad nihili scitur des französischen 16. Jahrhunderts herab zum Leitmotiv der ganzen hellenistisch-römischen Epoche. Oder nehmen wir das Politische, die ganze regierungsmäßige Ausdrucksweise ist im 5. Jahrhundert schon da: „der öffentliche Nutzen“, die „bürgerliche Gleichheit“, das „Parteiwesen“; sachlich der Gegensatz von Arm und Reich, von Pöbel und Aristokratie, von demokratischer und oligarchischer Regierung, von Königstum und Volksherrschaft. Man kannte Volksfeste, Nationalfeiertage, Feste für das Auslandshellenentum. Man spricht von Auslandsfronten: nach Norden gingen die mutigen und freien, aber barbarischen Staaten, nach Asien gingen die gebildeten, aber feigen und geknechteten, -wir sind mitten drin in unseren eigenen politischen Prinzipien.
Betrachtet man dies alles nicht unter moralischen,sentimentalen, geschichtsphilosophischen Gesichtspunkten, sondern nach anthropologischen Grundsätzen, so sehen wir auf der einen Seite die Macht und neben ihr den andern Ausbruch der hellenischen Volkheit: die Kunst. Wie verhalten sich diese beiden nun zueinander, welches waren ihre Beziehungen? Sehen wir davon ab, daß viele Künstler ihre Heimat verließen, verbittert, feindlich, enttäuscht, das sind individuelle Züge. Vergessen wir auch, daß Phidias angeblich im Gefängnis starb, da er Elfenbein entwendet haben sollte. Fassen wir auch nicht die inneren Krisen und Katastrophen -ins Auge, die Rivalitäten der einzelnen Schulen und Konstruktionen, sondern fassen wir das allmähliche, jahrhundertelange Sichausrichten auf den entscheidenten letzten, den klassischen Stil ins Auge, sein Erscheinen während der Auflösung und dann das Ende. Fassen wir das ins Auge, so sehen wir das Dorertum unter dem Schutz seines Soldatentums die griechische Kunstausübung einordnen in den Staat und ihre Prinzipien über ganz Griechenland tragen -, und dieser Beitrag der Macht ist ungeheuer -, aber daß sie überhaupt da war, daß sie diese Entwicklung nehmen konnte, das war natürlich eine Tatsache der Rasse, der Art, der freispielenden Gene, das war als Ganzes der so ungeheuerliche Ausbruch eines neuen menschlichen Elementes, daß man es nur als absolut, eigengesetzlich, selbstenzündet ansehen kann, durch nichts hervorgerufen, durch keine Götter und durch keine Macht. Man kann sie nebeneinander sehen, die Macht und die Kunst, wahrscheinlich ist es für beide gut, es einmal durchzuführen: die Macht als die eiserne Klammer, die den Gesellschaftsprozeß erzwingt, während ohne Staat im natürlichen bellum omnium contra omnes die Gesellschaft überhaupt nicht in größerem Maße und über das Bereich der Familie hinaus Wurzeln schlagen kann (Nietzsche). Oder, nach Burckhardt: „Nur an ihr, auf dem von ihr gesicherten Boden können Kulturen des höchsten Ranges emporwachsen.“ Über Sparta finden wir bei ihm noch einen besonders großartigen Satz: „Es ist noch niemals gelinde zugegangen, wenn sich eine neue Macht bildete, und Sparta ist wenigstens eine solche geworden im Verhältnis zu allem was ringsum lebte; es hat es aber auch der ganzen gebildeten Welt auferlegen können, daß sie Kenntnis nehmen muß von ihm bis an den Abend ihrer Tage, so groß ist der Zauber eines mächtigen Willens, selbst über späte Jahrtausende, auch wenn keine Sympathie dazu mithilft.“
Man kann es also vielleicht so ausdrücken: der Staat, die Macht reinigt das Individuum, filtert seine Reizbarkeit, macht es kubisch, schafft ihm Fläche, macht es kunstfähig. Ja, das ist vielleicht der Ausdruck: der Staat macht das Individuum kunstfähig, aber übergehen in die Kunst, das kann die Macht nie. Sie können beide gemeinsame Erlebnisse mythischen, volkhaften, politischen Inhalts haben, aber die Kunst bleibt für sich die einsame hohe Welt. Sie bleibt eigengesetzlich und drückt nichts als sich selber aus. Denn wenn wir uns jetzt einmal dem Wesen der griechischen Kunst zuwenden, so drückt der dorische Tempel ja nichts aus, er ist nicht verständlich, und die Säule ist nicht natürlich, sie nehmen nicht einen konkreten politischen oder kultischen Willen in sich auf, sie sind überhaupt mit nichts parallel, sondern das Ganze ist ein Stil, das heißt, es ist von innen gesehen ein bestimmtes Raumgefühl, eine bestimmte Raumpanik, und von außen gesehen sind es bestimmte Anlagen und Prinzipien, um das darzustellen, es auszudrücken, also es zu beschwören. Dieses Darstellungsprinzip stammt nicht mehr unmittelbar aus der Natur wie das Politische oder die Macht, sondern aus dem anthropologischen Prinzip, das später in Erscheinung trat, erst, als die naturhafte Basis der Schöpfung schon vorlag. Man kann auch sagen, es erlangte in einem neuen schöpferischen Akt als Prinzip Bewußtsein, wurde zur menschlichen Entelechie, nachdem es schon vorher als Potenz und Aktivität die Bildung und Gliederung der Natur betrieben hatte. Die Antike, das ist dann die neue Wendung, der Beginn dieses Prinzips, Gegenbewegung zu werden, Kunst, Kampf, Einarbeitung ideellen Seins in das Material, tiefes Studium und dann Auflösung des Materials, Vereinsamung der Form als Aufstufung und Erhöhung der Erde.
Es wird Ausdruck, und in diesem Sinne faßten auch alle, die den abendländischen Kulturkreis geschaffen und gedeutet haben, die Antike auf und ließen sich von ihr bestimmen: Nietzsche als Ganzes: das titanische Hinaufstemmen der schweren naturhaften Blöcke Wissenschaft, Moral, Gesinnung, Trieb, Soziologie, aller dieser „deutschen Krankheiten des Geschmacks“, in die Reiche der Helle, der Gaia, in die Schule der Genesung im Geistigsten und Sinnlichsten; der nationalen Introversion, des politisch „Weltanschaulichen“ ins Raumhafte und Imperiale, man kann auch sagen ins Machtmäßige, ins Dorische; des Religiösen aus der puritanischen und passiven Ideologie in die geordnete und ordnend ästhetische, man kann es auch geographisch sagen: aus dem Nazarenischen in seine Lieblingsdeutungen: das Provenzialische und Ligurische; die reine rassenbiologische Utopie als Spätling der untergehenden moralischen Welt in die formbewußte, geistig geprägte, die disziplinäre. Und dabei Form nie als Ermüdung, Verdünnung, Leere im deutsch-bürgerlichen Sinne, sondern als die enorme menschliche Macht, die Macht schlechthin, der Sieg über nackten Tatbestand und zivilisatorische Sachverhalte, eben als das Abendländische, die Überhöhung, der reale eigenkategoriale Geist, der Ausgleich und die Sammlung der Fragmente. Nietzsche als Ganzes in einem einzigen Satz, das könnte nur sein tiefster und zukünftigster sein: „Nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“ Das aber ist hellenisch.
Aber auch Goethe sehen wir hier stehen. Seine Iphigenie ist sachlich und politisch absolut unnatürlich. Daß jemand in Weimar sitzt zwischen den Hof-und Biedermeierleuten und die eminenten Verse an den Weg des Todes dichtet, Parzenlied und unheimliche Beschwörung der Tantaliden, für diesen Grad des Unnatürlichen gibt es gar kein Wort. Nichts Bodenständiges weist auf sie hin, kein gefragtes Problem reicht in sie hinein, keine naive Kausalität steht hinter ihr, hier wirken weitabliegende, innere, erhabene, eben seit der Antike arthafte ästhetische Gesetze. Daß sie es sind, die dann siegen und leuchten und die Zeiten überdauern, hat seinen Grund in ihrer zentralen Lage im anthropologischen Prinzip, ihrem Schwerpunktcharakter, ihrem Charakter als Achse, Spindel der Notwendigkeit: der Mensch, das ist die Rasse mit Stil. Stil ist der Wahrheit überlegen, es trägt in sich den Beweis der Existenz. Wahrheit muß nachgeprüft werden, Fortschrittsinstrumentarium. „Der Gedanke ist immer der Abkömmling der Not“, sagt Schiller, bei dem wir ja ein sehr bewußtes Umlegen der Achse vom moralischen zum ästhetischen Weltbild wahrnehmen, er meint, der Gedanke steht immer nahe bei den Zweckmäßigkeiten und der Triebbefriedigung, bei Äxten und Morgenstern, er ist natur, aber in der Form ist Ferne, ist Dauer. Wo der Baum der Erkenntnis steht, ist immer Sündenfall, meint dies Weltbild, Zwiespalt, Aufhebung, Vertreibung -: Kunst ist die Arterhaltung eines Volkes, seine definitive Vererbbarkeit. Das Auslöschen aller ideologischen Spannungen bis auf die eine: Kunst und Geschichte, das sahen auch die Romantiker, von Novalis stamt die außerordentliche Formulierung: „Kunst als die progressive Anthropologie.“
Die Zeitalter enden mit Kunst, und das Menschengeschlecht wird mit Kunst enden. Erst die Saurier, die Echsen, dann die Art mit Kunst. Hunger und Liebe, das ist Paläontologie, auch jede Art von Herrschaft und Arbeitsteilung gibt es bei den Insekten, hier diese machten Götter und Kunst, dann nur Kunst. Eine späte Welt, untermauert von Vorstufen, Frühformen des Daseins, alles reift in ihr. Alle Dinge wenden sich um, alle Begriffe und Kategorien verändern ihren Charakter in dem Augenblick, wo sie unter Kunst betrachtet werden, wo sie sie stellt, wo sie sich ihr stellen. Der Mensch, die Mischgestalt, der Minotaurus, als Natur ewig im Labyrinth und in feiner Fassung kannibalisch, hier ist er akkordisch rein und in Höhen monolithisch und windet die Schöpfung jenem anderen aus der Hand.
Wir sehen der dorischen Welt nach, den Völkern mit Stil, wir hören ihnen nach, und wenn sie auch dahin sind, ihre Zeit erfüllt, die Geschlechter hernieder und die Sonne der Säulen, hernieder, um neue Erden zu bescheinen, während auf den alten nur die Wiesen der Asphodelen blühen, rufen sie noch einmal aus der Tiefe, aus Scherben, Mauergeflecht, muschelbedeckten Bronzen, von Schlammfischern aus dem Meeresgrund versenkten Entführungsschiffen entwunden, ein Gesetz den Späteren zu, das Gesetz des Umrisses, ein Gesetz, das hinreißender nirgends als von der Stele des sterbenden Läufers, Ende des 6. Jahrhunderts, attisch, Athen, Theseion, aus seinen biologisch unausführbaren, nur parisch stilisierbaren Bewegungen zu uns spricht. Ein Gesetz gegen das Leben, ein Gesetz nur für Helden, nur für den, der am Marmor arbeitet und der die Köpfe mit Helmen gießt: „die Kunst ist mehr als die Natur, und der Läufer ist weniger als das Leben“, das heißt, alles Leben will mehr als das Leben, will Umriß, Stil, Abstraktion, vertieftes Leben, Geist.
Alle Lust will Ewigkeit, sagte das vorige Jahrhundert, das neue fährt fort: Alle Ewigkeit will Kunst. Die absolute Kunst, die Form. Doch „alles Schöne ist schwer, und wer sich ihm naht, muß nackt und einsam mit seinen Gestalten ringen“ -das ist der erste, er muß auch untergehen: das ist der zweite dorische Vers. Es bleiben nur die Gesetze, die aber überdauern die Epochen. Und wir erinnern uns des großen Dichters eines fremden nachgriechischen Volkes, der an die Normen der Schönheit glaubte, die wie die Gebote eines Gottes sind, die im Geschaffenen das Ewige bewahren. Der Anblick einiger Säulen der Akropolis, sagte er, ließ ihn ahnen, was mit der Anordnung von Sätzen, Worten, Vokalen, an unvergänglicher Schönheit erreichbar wäre. In Wahrheit nämlich glaubte er nicht, daß es in der Kunst ein Äußeres gibt.

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