Das einfache Weltbild verwirrt

Herr Professor Rohrmoser, Horst Mahler schreibt in seinem Beitrag in der letzten JF, die 68er hätten Tradition und Religion als weltbildprägende Mächte zerstört. Dadurch sei unsere sittliche Substanz verflogen. Wie weit ist der Standpunkt Mahlers von Ihrem entfernt?

ROHRMOSER: Der Standpunkt Mahlers ist mit meinem identisch. Darüber ist kein weiteres Wort zu verlieren. Aber wichtig ist zu erkennen, wer was wann sagt. Daß ich das vor zwanzig Jahren geschrieben habe, das ist an einem Teil des bürgerlichen Publikums spurloser vorübergegangen als an dem Teil der nachdenklich gewordenen Linken. Aus dem Grund ist es vielleicht notwendig, daß wir uns an die Ausgangskonstellation erinnern.

Waren die 68er nun erfolgreich oder sind sie gescheitert?

ROHRMOSER: Es legen ja immer mehr Vertreter bürgerlicher Parteien Wert darauf, den 68ern ihre Verdienste um die Entwicklung unserer Gesellschaft zu bescheinigen. Bewegung in die Sache ist aber erst gekommen, als der „Kampf um das Erbe der 68er“ zu einem kontroversen Gegenstand unter den Linken selber geworden ist. Vor einigen Tagen hat Professor Gerd Langguth von der CDU den 68ern zugestanden, sie hätten sich verdient gemacht um die Modernisierung der Gesellschaft und um die Entwicklung der partizipativen Demokratie. Beides wurde von dem Vordenker der 68er Bernd Rabehl mit Entschiedenheit zurückgewiesen, denn die Modernisierung, von der wir heute sprechen, sei nicht diejenige gewesen, die die Linken im Sinne gehabt hätten. Und ich möchte ergänzend einwenden: Wenn man die Frage stellt, was aus der partizipativen Demokratie geworden ist, so muß man sich nur den Parteitag der SPD in Leipzig ansehen: Da hätte durchaus der Badenweiler Marsch gespielt werden können.

Wie steht es nun um die Nachwirkung der Revolte von 1968?

ROHRMOSER: Wir haben uns, wenn ich recht sehe, bisher nur in einer sehr vordergründigen Weise mit dem Phänomen der 68er-Bewegung beschäftigt. Der eigentlichen Absicht nach handelt es sich um eine Kulturrevolution, um konvertierten Marxismus, an dem aber auch die Traditionen der atheistischen Aufklärung einen erheblichen Anteil hatten. Das heißt, man konnte wissen und man hat es gewußt, daß – gemessen an der politischen Zielsetzung – diese Bewegung scheitern mußte. Sie konnte zwar mit Psychoterror ehrwürdige Ordinarien an den Rand des Selbstmordes treiben, aber sie hätte es nicht wagen können, das Dornröschen der Revolution, das Proletariat, zu wecken. Und so haben sich die 68er auch nicht an die Stätten des werktätigen Volkes gewagt.

Worin sehen Sie die Bedeutung der heutigen Position Horst Mahlers?

ROHRMOSER: Die Bedeutung der Erklärung von Horst Mahler, mit dem ich seit langer Zeit in Freundschaft verbunden bin, besteht nun darin, daß er auf den kulturrevolutionären Kern zurückgeht. Und ganz im Gegensatz zu allen spätbürgerlichen Nostalgikern, die 1968 als einen kulturellen Modernisierungsschub feiern (so wie der unsägliche Friedbert Pflüger einst der CDU empfohlen hat, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen), hat Mahler die Quittung ausgestellt. Und die lautet, daß die 68er nicht nur ihre kulturrevolutionären Ziele nicht erreicht hat, sondern das, was noch an Resten, an überkommener bürgerlicher Kultur selbst vom Nationalsozialismus übriggelassen worden war, daß sie diesen durch Tradition verbürgten Kulturbestand vernichtet hätten. Sie hätten statt eines Morgenaufgangs einer neuen Kultur etwas bereitet, das Mahler nicht zögert, die Hölle zu nennen.

Aber Mahler geht über die Diagnose hinaus.

ROHRMOSER: Richtig, der zweite, vielleicht noch weiterwirkende Schritt seiner Interpretation besteht nun darin, daß er diese kulturrevolutionären Prozesse in den Kontext der Religion stellt und das Scheitern dieser kulturrevolutionären Bewegung auf ihren mit der Gesellschaft geteilten Atheismus zurückführt. Wichtig ist, wenn auch nicht originell, der Satz, der „Tod Gottes ist auch der Tod des Menschen“. Mahler hat sich nicht durch die Dekonstruktivisten inspirieren lassen, sondern hat sich intensiv mit Hegel beschäftigt.

Rührt Mahlers Selbstverständnis, die Aufklärung zu vollenden, vom Idealismus Hegels her?

ROHRMOSER: Mahler meint, daß zwar die Aufklärung vollendet worden sei, daß aber ihre Vollendung auch mit ihrem Ende zusammenfallen wird. Er selbst sieht sich in der Tradition der Aufklärung, begreift sich auch als Altlinker, weil er glaubt, daß kein Inhalt, ganz gleich welcher Art, in dieser modernen Welt denkend begriffen und eingeholt worden ist. Dies ist reiner Hegel und sollte zur erneuten Lektüre der Hegelschen Religionsphilosophie ermuntern.

Woher aber der politische Wandel Mahlers?

ROHRMOSER: Mahler vertritt heute eine Position, die ich nur als einen national-christlichen Konservativismus charakterisieren kann. Da zeigt im Gegensatz zur Ignoranz und Beschränktheit mancher CDU-Politiker, die sich heute den 68ern anbiedern, daß Leute wie Mahler über das, was sie erfahren haben, reflektiert haben und vor allem Konsequenzen gezogen haben. Es zeigt überdies, daß sich unterschwellig in unserer Mediendemokratie – die ja einen immer größeren Schwachsinn kultiviert, an dem auch unsere Demokratie zugrunde zu gehen droht – Veränderungen der Konstellationen anbahnen und zum Teil auch vollziehen: die einzige Inspiration für Hoffnung, die uns noch geblieben ist.

Die linke „tageszeitung“ hat nach Mahlers JF-Beitrag an seinem Verstand gezweifelt.

ROHRMOSER: Ja, nach den normalen Maßstäben unseres sogenannten politischen Diskurses hat sich doch Ungeheuerliches vollzogen. Man muß sich einmal nach den gängigen Urteilen und den geltenden Sprachregeln dieser Gesellschaft klarmachen, was es bedeutet, daß der intellektuelle Erfinder des deutschen Terrorismus – der also nicht nur geschwätzt hat, sondern der wirklich entschlossen war zur revolutionären Tat und die dazu erforderliche Strategie entwickelt hat –, daß dieser Mann geistig an einem Punkt angelangt ist, an dem man die letzten atavistischen Reaktionäre und Unaufgeklärten der Nation vermutet. Das verwirrt das ganze wohlgeordnete und einfache Weltbild, bringt das linksliberale, grün angehauchte Denken in Unordnung. Und die Köpfe, die da in Unordnung geraten sind, die tun das, was sie ihren Gegnern immer vorgeworfen haben, wenn sie mit der Zumutung konfrontiert worden, etwas neues zu denken. Sie erklären den Betreffenden für einen Wahnsinnigen.

Das erinnert an Nietzsches Rede vom Tode Gottes: Die um den Verkünder des Todes Herumstehenden erklären denselben für einen Verrückten. Es ist wohl ganz normal und beweist, daß wir uns erneut in einem „weltbildumstürzenden geistigen Prozeß“ befinden. Die taz, die immer wähnte, ganz vorne zu sein, sieht mit Grausen auf sich zukommen, daß sie zu den Nachzüglern einer dogmatischen Moderne und damit selber als obskurantistisch und unkritisch entlarvt werden könnte.

Erschienen in der Jungen Freiheit 18/98 24. April 1998

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