Über das Geheimnis des Verfalls

Wer heute dazu gekommen ist, den rationalistischen Mythos des „Fortschrittes“ und die Auffassung der Geschichte als einer ununterbrochenen positiven Entwicklung der Menschheit abzulehnen, der wird allmählich zu dem Weltbild zurückgeführt, das allen großen Traditionsgebundenen Kulturen eigen war und als Mittelpunkt die Erinnerung an einen Verfallsprozess, an die langsame Verdunkelung oder den Zusammenbruch einer höheren vorhergegangenen Welt hatte. Wird diese neue und alte Auffassung ergründet, dann stoßen wir auf verschiedene Probleme, vor allem auf die Frage des Geheimnisses des Verfalls.

In ihren unmittelbaren Formen ist diese Frage gewiss nicht neu. Vor den prächtigen Überresten von Kulturen, von denen manchmal nicht einmal der Name bis zu uns gekommen ist, die aber sogar in der Materie etwas von der Größe und Macht des Überirdischen vermittelt zu haben scheinen, gibt es kaum einen Menschen, der sich nicht die Frage des Kultursterbens gestellt und die Unzulänglichkeit der Gründe gespürt hat, die gewöhnlich zu ihrer Erklärung angeführt werden.

Dem Grafen De Gobineau verdanken wir, wie bekannt, den besten Umriss dieses Problems wie auch einer meisterhafte Kritik der wichtigsten diesbezüglichen Hypothesen. Auch seine Lösung auf der Grundlage des Rassengedankens und der Rassenreinheit hat sicher viel Richtiges in sich, nur ist sie durch einige, sich auf eine höhere Ordnung beziehende Betrachtungen zu ergänzen. In vielen Fällen ist eine Kultur auch bei der Reinheit der entsprechenden Rasse zugrunde gegangen, was besonders deutlich bei gewissen Stämmen ist, die einem schicksalhaften langsamen Aussterben unterliegen, obwohl sie rassisch in sich geblieben sind, als ob sie Inseln wären. Ein Beispiel, das uns näher liegt, ist der Fall der Schweden und Holländer. Diese Völker sind heute ungefähr in demselben rassischen Zustand wie vor zwei Jahrhunderten: von ihrer heldischen Gesinnung und ihrem Rassenbewußtsein von damals kann man jedoch heute bei ihnen wenig mehr finden. Andere große Kulturen scheinen sich nur im Mumienzustand aufrechterhalten zu haben: sie sind seit langer Zeit innerlich tot, deshalb ist der winzigste Stoß imstande, sie zugrunde zu richten. Dies ist z.B. der Fall beim alten Peru, dieses riesigen sonnenhaften Reiches, das durch ein paar Abenteurer aus dem schlimmsten europäischen Gesindel vernichtet wurde.

Betrachten wir das Geheimnis des Verfalls gerade von der Traditionsgebundenheit aus, so wird seine vollständige Lösung noch schwerer. Es handelt sich dabei um die Einteilung aller Kulturen in zwei Haupttypen: auf der einen Seite die traditionsbegründeten Kulturen, deren Prinzip gemeinsam und trotz der verschiedensten Erscheinungsformen unveränderlich ist. In diesen Kulturen bilden metaphysische, überindividuelle Kräfte und Werke die Achse und den höchsten Bezugspunkt zur hierarchischen Ordnung, zur Gestaltung und Rechtfertigung all dessen, was nur menschlich, zeitlich, dem Werden und der „Geschichte“ unterworfen ist.

Auf der anderen Seite steht die „moderne Kultur“, die geradezu die Antitradition ist und die sich in einer Konstruktion aus rein menschlichen und irdischen Gegebenheiten und in der totalen Entwicklung all dessen erschöpft, was ein Leben vermag, das sich völlig von der „Überwelt“ losgelöst hat.

Von ihrem Standpunkt aus ist die gesamte Geschichte Verfall, weil sie uns den allgemeinen Untergang früherer Kulturen traditionellen Typs und die entschlossene und gewaltsame Heraufkunft einer neuen allgemeinen Gesittung „modernen“ Typs zeigt.

Hier ergibt sich eine doppelte Frage.

Erstens. Wie ist dieser Vorgang überhaupt möglich gewesen? Der ganzen Evolutionslehre liegt ein logischer Unsinn zugrunde: es ist unmöglich, dass das Höhere aus dem Niedrigen und das Mehr aus dem Weniger entspringt. Stößt man aber bei der Auflösung der Involutionslehre nicht auf eine ähnliche Schwierigkeit? Wie ist es überhaupt möglich, dass das Höhere verfällt? Könnten wir uns mit bloßen Gleichnissen begnügen, so wäre es leicht, diese Frage abzutun. Der Gesunde kann krank werden. Der Tugendhafte kann lasterhaft werden. Einem Naturgesetz zufolge, das von allen als „selbstverständlich“ betrachtet wird, erfährt jedes Lebewesen, nach Geburt, Entwicklung und Kraft, das Alter, die Verweichlichung, die Zersetzung. Und so weiter.

Dies heißt jedoch feststellen und nicht erklären: auch wenn zugegeben wird, dass solche Gleichnisse tatsächlich zu der hier erörterten Frage passen.

Zweitens. Es handelt sich um die Erklärung nicht nur der Möglichkeit des Verfalls innerhalb einer gewissen Kulturwelt, sondern auch der Möglichkeit, dass der Verfall von einem Kulturzyklus zu anderen Völkern übergeht und sie mitreißt. Zum Beispiel, wir haben nicht nur zu erklären, wie die alte abendländische Wirklichkeit zugrunde gegangen ist, wir haben auch zu ergründen, wie es möglich gewesen ist, dass die „moderne“ Kultur beinahe die ganze Welt hat beherrschen können und die Kraft besessen hat, so viele Völker von jeder Kultur anderen Typs abzulenken und sich auch dort zu behaupten, wo Staaten traditionsgebundener Prägung zu leben schienen: es sei nur an den arischen Orient erinnert.

In dieser Hinsicht genügt es nicht, zu sagen, es handle sich dabei um eine rein materielle und wirtschaftliche Eroberung. Aus zwei Gründen erscheint diese Betrachtung sehr oberflächlich. Vor allem unterliegt auf die Dauer ein materiell erobertes Land auch Einflüssen höherer Art, dem Kulturtyp seiner Eroberer entsprechend. Wir können in der Tat feststellen, dass die europäische Eroberung fast überall die Keime der „Europäisierung“, d.h. der „neuzeitlichen“, rationalistischen, traditionsfeindlichen und individualistischen Denkungsart verbreitet.

Drittens: die traditionsgebundene Kultur-und Staatsauffassung ist hierarchisch, nicht dualistisch. Ihre Träger könnten nie, ohne den größten Vorbehalt, das „Gebet dem Caesar“ und das „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ unterschreiben. „Tradition“ ist für uns das siegreiche und schöpferische Vorhandensein in der Welt dessen, was „nicht von dieser Welt“ ist, d.h. des Geistes, aufgefasst als eine Macht, die stärker ist als jede nur materielle und menschliche Kraft.

Dies ist ein Grundgedanke der echten traditionsbegründeten Lebensanschauung, der uns nicht erlaubt, mit Nichtachtung von nur materiellen Eroberungen zu reden. Die materielle Eroberung stellt sich dagegen als Zeichen, wenn auch nicht eines geistigen Sieges dar, wenigstens jedoch einer geistigen Schwächung oder einer Art geistigen „Rückzuges“ in den Kulturen, die besiegt wurden und ihre Unabhängigkeit verloren haben. Überall wo der als stärkere Kraft aufgefasste Geist wirklich vorhanden gewesen wäre, dort hätten ihm die mehr oder weniger unsichtbaren Mittel nicht gefehlt, um jeder technischen und materiellen Überlegenheit seiner Gegner Widerstand zu leisten. Dies ist aber nicht geschehen. Es muss folglich gedacht werden, dass hinter der traditionellen Fassade jedes Volkes, das von der „modernen“ Welt besiegt werden konnte, schon der Verfall steckte.

Abendland wäre dann die Kultur, wo eine schon allgemeine Krise die akuteste Form annahm. Der Verfall -wenn wir uns so ausdrücken dürfen -wurde in ihm zu einem Niederschlag, und indem er sich organisierte, riss er mehr oder weniger leicht andere Völker mit, in welchen die Involution ja noch nicht so „fortgeschritten“ war, die Tradition aber ihre Urmacht schon verloren hatte, so dass diese Völker sich vor einer Aktion von außen her nicht mehr schützen konnten.

Mit diesen Erwägungen ist der zweite Aspekt unseres Problems auf den ersten zurückgeführt: es handelt sich nämlich hauptsächlich darum, den Sinn und die Möglichkeit des Verfallens ohne Bezugnahme auf äußere Umstände klarzulegen.

Zu diesem Zweck werden wir darüber klar werden müssen, dass es ein Irrtum ist, anzunehmen, die Hierarchie der Traditionswelt sei auf einer Gewaltherrschaft der höheren Schichten errichtet. Dies ist eine nur „moderne“, aber der traditionsgebundenen Denkungsart völlig fremde Auffassung. Die traditionsbegründete Lehre hat in der Tat die geistige Aktion als ein „handeln ohne handeln“ aufgefasst; sie hat vom „unbeweglichen Beweger“ gesprochen; sie hat überall die Symbolik des „Pols“ verwendet, der unveränderlichen Achse, um die jede geordnete Bewegung sich vollzieht (anderswo haben wir gezeigt, daß dies die Bedeutung des Hakenkreuzes, des „arktischen Kreuzes“ ist); sie hat immer das „Olympische“ der Geistigkeit und des wahren Herrschertums betont, ebenso wie seine Art, unmittelbar, nicht aus Gewalt, sondern aus „Vorhandensein“ über die Unterlegenen zu wirken; sie hat endlich auch das Gleichnis des „Magneten“ gebraucht, worin, wie wir sofort sehen werden, der Schlüssel unserer Frage liegt.

Nur in heutiger Zeit kann man denken, daß die wahren Träger des Geistes, d.h. der Tradition, den Menschen nachlaufen, um sie zu packen und jeden an seinen Platz zu stellen -kurz, daß sie „handeln“ und irgendwelches persönliches Interesse haben, jene hierarchischen Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, kraft deren sie auch sichtbar als die Herrscher erscheinen werden. Dies wäre lächerlich und unsinnig. Vielmehr die Anerkennung von seiten des Untergeordneten bildet die wahre Grundlage jeder traditionsbegründeten Rangordnung. Es ist nicht der Höhere, der den Niederen braucht, sondern umgekehrt. Das Wesen der Hierarchie ist, daß in gewissen Menschen etwas als Wirklichkeit lebt, das in den übrigen sich nur im Zustand eines Ideals, einer Vorahnung , einer unklaren Bestrebung befindet. Darum sind die letzten schicksalshaft von den ersten angezogen, und ihre Unterordnung bedeutet weniger die Unterordnung unter etwas Fremdes als unter ihr wahreres „Ich“. Darin liegt in der Traditionswelt das Geheimnis jeder Opferbereitschaft, jedes Heldentums, jeder Treue und, andererseits, eines Prestiges, einer Autorität und einer ruhigen Macht, deren der bewaffneteste Tyrann sich nie wird versichern können.

Mit diesen Erwägungen sind wir der Lösung des Problems nicht nur des Verfalls, sondern auch der Möglichkeit eines jeden Umsturzes sehr nahe gekommen. Hört man vielleicht nicht bis zum Überdruß wiederholen, daß der Erfolg jedes Umsturzes die Schwäche und die Entartung der vorhergegangenen Herrscher beweist? Eine derartige Auffassung ist sehr einseitig. Dies wäre wohl der Fall, wenn es sich gleichsam um gefesselte wilde Hunde handelte, die plötzlich ausbrechen: darin wäre natürlich der Beweis, daß die Hände, die die Schlinge halten, lahm oder schwach geworden sind. Ganz anders liegen die Dinge im Rahmen der geistigen Rangordnung, von der wir oben die wahre Grundlage klargestellt haben. Diese Hierarchie verfällt und kann wirklich umgestürzt werden in einem einzigen Fall: wenn der einzelne verfällt, wenn er seine grundsätzliche Freiheit benutzt, um den Geist zu verneinen, um sein Leben von jedem höheren Bezugspunkt loszulösen und „nur für sich“ zu sein. Dann sind die Kontakte schicksalhaft gelöst, die metaphysische Spannung, der der traditionsgebundene Organismus seine Einheit verdankte, läßt nach, jede Kraft schwankt in ihrer Bahn und macht sich zuletzt frei. Die Gipfel bestehen freilich weiter, in den Höhen, rein und unantastbar; das übrige, das an ihnen hing, wird jedoch gleichsam eine Lawine, eine Masse, die ihr Gleichgewicht verloren hat und mit einer zuerst unempfindlichen, nachher rascher werdenden Bewegung hinunterstürzt, bis zur Tiefe und Nivellierung des Tales. Dies ist das Geheimnis jedes Verfalles und des Umsturzes. Der Europäer hat zurerst in sich die Hierarchie getötet, indem er die eigenen inneren Möglichkeiten ausgerottet hat, denen die Grundlage der Ordnung, die er nachher äußerlich zerstören wird, entspricht.

Führt die christliche Mythologie den Fall des Urmenschen und den „Aufstand der Engel“ selbst auf die Willensfreiheit zurück, dann kommt sie ungefähr zu demselben Bedeutungsgehalt. Es handelt sich um die furchtbare, dem Menschen innewohnende Fähigkeit, sich der Freiheit zu bedienen, um all das, was ihm eine übernatürliche Würde sichern könnte, geistig zu zerstören und abzulehnen. Dies ist eine metaphysische Entscheidung: die Strömung, die in der Geschichte in den verschiedenen Formen des traditionsfeindlichen, umstürzlerischen, individualistischen und humanistischen Geistes -kurz: des „modernen“ Geistes ­umläuft, bildet nur ihre Phänomenologie. Diese Entscheidung ist die einzige positive und bestimmende Ursache im Geheimnis des Verfalles, der Zerstörung der Tradition.

Wird dies verstanden, dann könnten wir vielleicht auch den Sinn jener Überlieferungen begreifen, in welchen von rätselhaften Herrschen die Rede ist, die „immer“ existieren und nie gestorben sind (Übergang zum Kyffhäuser-Gedanken!). Solche Herrscher können wieder gefunden werden nur indem man sich geistig vervollkommnet und in sich Eigenschaften erweckt wie ein Metall, das plötzlich den „Magneten“ spürt, den Magneten entdeckt und sich unwiderstehlich nach ihm orientiert und bewegt. Wir müssen uns vorläufig auf diese Andeutung beschränken. Eine vollständige Deutung derartiger Überlieferungen, die zu uns vom ältesten Ariertum kommen, würde zu weit führen. Bei einer anderen Gelegenheit werden wir vielleicht zum Geheimnis des Wiederaufbaus zurückkommen, zur „Magie“, die fähig ist, die eingefallene Masse wieder zu den unveränderlichen, einsam und unsichtbar in den Höhen gebliebenen Gipfeln zurückzuführen.

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