Über die Terrorismusbekämpfung

Der Militärhistoriker Martin van Creveld (Hebrew University, Jerusalem) trug im Rahmen des 8. Berliner Kollegs am 18. Dezember 2004 zum Thema „Über die Terrorismusbekämpfung“ vor. Sein Referat sorgte für heftige Diskussionen. Van Creveld hatte am Tag zuvor auf dem Kongreß „Counteruing Modern Terrorism“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit demselben Vortrag die versammelten Experten ebenfalls beunruhigt.

Wenn wir die letzten fast sechzig Jahre betrachten, dann sehen wir, daß diese Zeit voll ist von terroristischen Bewegungen und ihrer Bekämpfung. Wir sehen dies und müssen feststellen, daß beinahe jeder Antiterrorkampf gescheitert ist. Fast alle, die dem Terrorismus entgegentraten, haben versagt; wir sehen ein Versagen nach dem andern in unaufhörlicher Reihe, ausnahmslos. Gleich nach dem 2. Weltkrieg haben die Briten es gegen die Juden in Palästina versucht. Es ist nicht gelungen. Dann haben die Franzosen es in Indochina und in Algerien versucht, es ist nicht gelungen. Dann haben die Niederländer es in Ostindien versucht, es ist nicht gelungen. Dann haben die Amerikaner es in Vietnam versucht, und die haben auch versagt. Dann kamen die Sowjets in Afghanistan, die Inder in Srilanka, die Südafrikaner in Namibia, die Israelis in den besetzten Gebieten: Alle haben versagt, und versagen noch weiter. Wir müssen nur auf die täglich scheiternden amerikanischen Anstrengungen im Irak schauen. Kurz: Die ganze Geschichte des Antiterrorkampfs seit 1945 ist eine Geschichte des Versagens, und dies, obwohl jeder Versuch unternommen wurde, um zum Erfolg zu gelangen. Der Blick in die Geschichte zeigt, daß die Verantwortlichen wirklich alles versucht haben. Die meisten waren dabei gar nicht nicht weichherzig (obwohl es auch dafür Beispiele gibt) und setzten alle verfügbaren Mittel ein. Die Franzosen beispielsweise hatten auf dem Höhepunkt des Indochinakriegs vierhunderttausend Mann vor Ort, darunter Fremdenlegionäre, die kein langes Federnlesen veranstalteten. Und die Amerikaner haben auf Vietnam sechs Millionen Tonnen TNT abgeworfen also fast dreimal so viel wie auf Deutschland und Japan zusammen im zweiten Weltkrieg. Und die Sowjets? Sie haben in Afghanistan angeblich eine Million Menschen umgebracht und fünf Millio-nen anderen zum Fliehen bewogen. Und doch haben weder die Franzosen, noch die Amerikaner oder die Russen den Terrorismus besiegen können.

Gemessen an ihrem hochgesteckten Ziel haben sie alle versagt. Und wir müssen feststellen: Im Antiterrorkampf ist irgend etwas ganz und gar schiefgegangen. Es gibt über dieses Thema eine gewaltige Literatur. Das Problem ist nur, daß die meisten der Bücher von den Verlierern geschrieben worden sind. Manchmal handelt es sich einfach um einen Rechtfertigungsbericht. Wenn dann also einer, der versagt hat im Antiterrorkampf, über seine Niederlage schreibt, wird meist nicht deutlich woran es letztendlich lag. Deutlich wird nur, daß der Verfasser selbst nicht schuld war. Er hat für seinen Teil seine Arbeit gut gemacht; aber gegen die Umstände kam er nicht an, oder die historische Gesamtsituation ließ ihn nicht zum Zuge kommen. Und deshalb ging der Kampf verloren.

Ein Musterbeispiel dafür ist ein englischer Offizier namens Frank Kitson. Kitson war im letzten Jahre des 2. Weltkrieges schon englischer Offizier und blieb nach dem Krieg in der Armee. Dort hat er eine steile Karriere gemacht. Zuerst ging er nach Palästina um ein erstes Mal im Antiter-rorkampf zu versagen, natürlich nicht persönlich, sondern als Teil der hunderttausend Mann starken Kriegsmaschinerie. Kitson wurde nach Maleisia versetzt, dort versagte er ein zweites Mal, dann in Kenia, danach in Zypern. Zuletzt stand er in Aden: Auch dort versagte er im An-titerrorkampf. Aber mittlerweile war er General, und die Belohnung für seine Leistung war die Ernennung zum Befehlshaber des Stabskollegs in Camberley: Kitson sollte zukünftig anderen beibringen können, wie man versagt. Ohne Polemik: Kitson war wohl ein sehr fähiger Offizier, aber er und die Armee, der er ange-hörte, haben keinen einzigen ihrer Aufträge im Antiterrorkampf erfüllt, sie haben keinen dieser Kämpfe gewonnen. Aber ein Buch hat er geschrieben, seine Rechtfertigung: Es heißt Low inten-sity War.

Ich möchte an dieser Stelle sehr deutlich werden: So geht es nicht. Es ist höchste Zeit, alle stümperhaften Versuche aufzugeben, keine Ausflüchte mehr zu suchen und die Frage zu stellen, warum seit Jahrzehnten im Antiterrorkampf versagt wird, quer durch alle Regionen, Nationen, Bündnisse. Es ist höchste Zeit für diese Frage, weil wir alle wissen, daß die Tore nach Europa gerade für Terroristen sperrangelweit aufstanden und – stehen. Madrid, am 11. März 2004, hat gezeigt, was dieser Krieg für Europa bedeuten kann. Und dieser Krieg ist schon längst der wich-tigste Krieg weltweit, und für Europa steht er bevor. Die Zeit drängt und die Frage lautet: Wie siegt man in solch einem Krieg? Zu einer Antwort gelangt man, wenn man die lange Reihe der Verlierer und Versager einfach links liegen läßt und sich dagegen fragt, was die wenigen Sieger richtig gemacht haben. Es mag überraschend klingen, aber es gibt tatsächlich einige Sieger im Antiterrorkampf, eine Handvoll vielleicht. Ich greife zwei Beispiele heraus, sie sind exemplarisch und sehr lehrreich. Das erste Beispiel ist der britische Antiterrorkrieg in Nordirland. Eigentlich waren es dreißig Feldzüge in den dreißig Jahren des britischen Engagements. Wer denkt, daß dies ein kleiner, ungefährlicher Konflikt gewesen sei, liegt falsch. Der Ursprung des Konflikts reicht nicht weni-ger als 800 Jahre zurück, bis in die Zeit des englischen Königs Heinrich II., und von da an bis heute dauert seine blutige Geschichte. Hier ist kein Raum, um diese Geschichte zu erzählen, aber eines kann man sagen: Dieser Kampf ist hart und erbittert geführt worden, so grausam und kompromißlos wie terroristische und bürgerkriegsähnliche Konflikte nun einmal sind.

Nach einer relativ ruhigen Zeit brach im Sommer 1969 der Terror in Nordirland wieder offen aus. Das waren keine kleinen Bosheiten mehr, es handelte sich um eine großangelegte Offensive, die nicht mehr abebbte. Im Jahr 1972 detonierten eintausend Bomben, also drei am Tag, und die Situation eskalierte im Juli, als es zum sogenannten „Blutigen Sonntag“ kam. Katholi-ken, Protestanten, die Polizei, die Armee, einfach alle durcheinander, lieferten sich eine Stra-ßenschlacht, an deren Ende fünfzehn Tote und hunderte Verwundete zu Buche schlugen. Häu-ser wurden niedergebrannt, Barrikaden errichtet, Jagd auf einzelne Angehörige der anderen Seite gemacht, kurz: Aus den Unruhen und den einzelnen terroristischen Akten wurde ein rich-tiger Krieg, der sich immer mehr ausweitete. Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Briten in Nordirland alles falsch gemacht, die Ergebnisse lassen keinen anderen Schluß zu. Aber unter dem Eindruck der Eskalation änderten sie ihre Strategie, und im Nachhinein kann man sagen: Seitdem haben alles richtig gemacht. Was machte diese neue Strategie aus?

Die Briten entschlossen sich, von nun an nur selbst im Antiterrorkampf die Gesetze zu achten, äußerste Zurückhaltung zu üben, die Bevölkerung zu schützen, sich nie provozieren zu lassen, nie die Fassung zu verlieren, die Disziplin aufzugeben und Repressalien anzudrohen oder anzuwenden. All dies gelang den britischen Soldaten, und es setzt ein Maß an Professionalität voraus, das mich stets wieder verblüfft, wenn ich darüber nachdenke: Was für ein Übermaß an Disziplin! Ich kann zu dieser Haltung eine schöne Anekdote beitragen: Ende 1988 war ich am Staatskol-leg in Camberley zu Gast und kehrte eines Abends aus London zurück. Der Nebel war so dicht, daß ich wirklich nichts mehr sah, und ich wanderte durch das Gelände des Kollegs, das sehr weitläufig angelegt ist. Nach kurzer Zeit hatte ich die Orientierung vollständig verloren und kam mir vor wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm. Ich war mir sicher, daß ich mein Bett nicht mehr finden würde. Plötzlich sah ich ein Licht, ich ging darauf zu und klingelte an der Tür. Die Tür öffnete sich, und heraus schaute der kommandierende General des Kollegs, General Paddy Waters. Er stand vor mir in weißen Socken, lud mich ein und baute etwas zu trinken und zu essen auf. Dann zeigte mir General Waters alle acht Bücher, in denen er gleichzeitig las, und er erzählte, daß er der nächste Befehlshaber der britischen Streitkräfte in Nordirland sein werde. Die Leute dort, sagte er, schlagen einander seit achthundert Jahren tot, und er habe keine Chance, das in seiner Amtzeit zu verhindern. Was er tun könne und auch tun werde sei, dafür zu sorgen, daß unter seinem Kommando so wenig Menschen wie möglich umkämen, ganz gleich ob Katholi-ken, Protestanten, Soldaten oder Terroristen. Ich traute meinen Ohren kaum, denn damals war bei uns in Israel die erste Inifada ausgebro-chen, und Verteitigungsminister Yitzhalk hatte befohlen, den Palästinensern Arme und Beine zu brechen. Das Leben von Terroristen hoch zu schätzen und zu schonen, war für mich ein völlig neuer Gedanke. Aber so verfuhren die Briten in Nordirland. Natürlich gab es Ausnahmen, natürlich waren einzelne Soldaten oder Führer überfordert und verstießen gegen die Regeln, mehr noch: lebten ihren Haß aus, folterten, der Film „Im Namen des Vaters“ ist ein schreckliches Zeugnis dieser Exzesse; aber schon die Tatsache, daß also Beweise erdacht und erlogen werden mußten, spricht bereits für die Briten und ihre Strategie, die eben im großen und ganzen aufging.

Die meisten anderen Armeen haben im Antiterrorkampf die Gegner einfach niedergeknüppelt oder erschossen, und was heißt „haben“: Sie tun es ja immer noch. Die Briten aber haben kein einziges Mal in dreißig Jahren schwere Waffen – Panzer, Hubschrauber oder Kampfflugzeuge – eingesetzt. Das schwerste Fahrzeug, das sie benutzten, war ein mehr oder weniger gepanzerter Landrover. Kein einziges Mal haben die Briten eine Kollek-tivstrafe verhängt, nie haben sie Elektrizität und Wasser für ganze Bezirke gesperrt, eine Methode, die wir in Israel täglich in den besetzten Gebieten anwenden, um irgend jemanden gefügig zu machen. Die Briten haben nie auf Demonstranten geschossen, nie deren Häuser zerstört, auch nicht angesichts der denkbar größten Provokation. Sie wahrten selbst dann die Disziplin, als der Onkel der Königin, Lord Louis Mountbaaten mit seiner Yacht in die Luft gesprengt wurde, oder als in dem Hotel in Brighton, in dem Margret Thatcher sprechen sollte, einige Stunden vor der Rede ein Sprengsatz detoniert. Das Hotel war völlig zerstört, ich habe Fotos davon gesehen. Auch als eine Kabinettsitzung unter John Major mit Granaten aus einem Moerser angegriffen wurde, widerstand das britische Militär der Ver-suchung, endlich einmal voll zurückzuschlagen. Dieser Strategie liegt eigentlich ein Plan zugrunde, den ich damals noch gar nicht verstand. Ich begriff dies erst vor etwa neun Jahren, als ich in Genf mit einem britischen Oberst zu Abend aß. Wir sprachen wie immer über Nordirland, ich habe mit vielen britischen Offizieren darüber geredet, und er sagte ungefähr folgendes: Alle diese Aufstände, weltweit, oder fast alle jeden-falls, hätten gemeinsam, daß stets von den sogenannten Terroristen mehr umgekommen seien als von den Soldaten, die gegen sie antraten. In Vietnam war das Verhältnis letztendlich fünfzig zu eins, auf einen toten Amerikaner kamen fünfzig Einheimische. Im Irak – also während des ersten Angriffs der USA – ergab die Bilanz sogar ein Verhältnis von hundert zu eins: Einhundert sogenannte irakische „Aufständische“ oder „Terroristen“ kommen auf jeden toten amerikani-schen Soldat. Beim britischen Einsatz in Nordirland, so der Oberst weiter, liege der Fall anders: Bisher seien dort dreitausend Menschen gestorben, von diesen waren eintausendsiebenhundert Zivilisten, die als unbeteiligte bei Attentaten oder unter anderen Umständen umgekommen seien. Wenn man nun die Zivilisten beiseite lasse, blieben eintausenddreihundert Tote übrig. Hiervon seien eintausend britische Soldaten und nur dreihundert Terroristen, und dies sei der Grund für die erfolgreiche Arbeit in Nordirland. Ich verstand diese Strategie: Mit aller Macht sollte verhindert werden, daß den britischen Soldaten kriminelles Verhalten zu Recht vorgeworfen werden könnte. Kriminelle Methoden, der Tod unbeteiligter Zivilisten, Hinterhältigkeit und Brutalität sollten nur den Terroristen, nie den Soldaten zugerechnet werden können. Letztlich ging es darum, der Propaganda der Terroristen keine Bilder, keine Geschichten zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig aber war die Botschaft des britischen Militärs eindeutig: Wir sind nicht demoralisiert, wir sind so kampfbereit wie vor dreißig Jahren, und die Terroristen wissen dies. Und diese Strategie ist der Grund dafür, daß der Aufstand in Nordirland langsam, aber sicher ausstirbt. Es kommen keine neuen Leute dazu, die jungen Männer bleiben aus, weil sie sehr gut verstehen, daß gegen eine solche Armee der Terrorkampf nicht gewonnen werden kann. Das Durchhaltevermögen der Briten scheint unbegrenzt zu sein. Das ist alles, das ist die simple Botschaft, ein für die Ordnungsmacht harter und gefährlicher Weg. Denn dafür braucht man vorzügliche Truppen, ausgestattet mit einer vorzüglichen Disziplin, vorzüglicher Zurückhaltung, einer geradezu eisernen Haltung, und das können nicht viele, wir Israelis sicherlich nicht, und ob die Deutschen dazu in der Lage wären, bleibt abzuwarten. Wie handelt man aber, wenn man solch ein vorzügliches Instrument, solche Soldaten nicht hat, oder wenn der Aufstand selbst so mächtig ist, daß die eigenen Opfer zu groß wären?

Die Antwort auf diese Frage gibt Beispiel zwei, das Beispiel Assads, des Präsidenten von Syrien. 1982 brach in Syrien beinahe ein Bürgerkrieg aus, denn Assad war ein arabischer Sozialist, und die Ulama, die islamitischen Priester, waren ganz und ganz gegen ihn eingestellt. Und wie gefähr-lich diese Priester durch ihre Predigten wirken können, das wird mittlerweile sogar in Deutschland diskutiert. Damals in Syrien waren das für Assat wirklich gefährliche Leute, zumal er in den Augen dieser Priester nur ein Alawite war. Die Alawiten aber sind nur eine kleine Gemeinde, und manche sagen, sie seien gar keine Moslems. Der Aufstand, der tatsächlich losbrach, war also für Assad persönlich und für sein Regime sowie für sein Land lebensgefährlich und schon so weit gediehen, daß die syrischen Beamten und ihre Familien sich verstecken mußten, um nicht das Ziel terroristischer Akte zu werden. Es sah so aus, als kämen die Aufständischen tatsächlich zum Zuge. Assad selbst und seine Ver-bündeten wären in diesem Fall der Rache ihrer Feinde ausgesetzt gewesen, sie hätten dies mit Sicherheit nicht überlebt. Also handelte Assad, kalt, schnell und rücksichtslos. Denn ein so vor-zügliches Instrument wie die Briten mit ihrer Armee besaß er nicht. Außerdem war die Zeit knapp, und Informationen über die Bewegung der Aufständischen flossen nur spärlich. So befahl Assad, insgeheim, zwölftausend Soldaten um die Hauptstadt der Aufstands, Hamma, zu konzentrieren; das bedeutet eine ganze Division mit schwerer Artillerie. Als alles bereit war, schickte er kleine Einheiten auf Patrouille durch die Stadt, um die Aufständischen zu reizen und sie aus ihren Löchern zu locken. Und dann tat Assad, was man tun sollte, wenn man sich einmal für diesen Weg entschieden hat: Er ließ in drei Tagen schätzungsweise dreißigtausend Menschen niedermetzeln, Männer, Frauen und Kinder. Die große Moschee von Hamma, ein berühmtes Kulturdenkmal, ließ er dem Erdboden gleichmachen. Ich sprach vor einigen Jahren mit einem amerikanische Journalis-ten, der Hamma besucht hatte. Er erzählte mir, daß die Bewohner von Hamma bis heute ein Grauen packe, wenn sie dort vorbeigehen, wo einmal ihre Moschee stand. Wie tut man so etwas? Wie geht man vor, wenn man sich zu so einer schrecklichen Tat entschlossen hat? Es gibt dafür eine kurze Liste, die Grundsätze, die sie enthält, stammen nicht von mir, schon Macchiavelli hat sie formuliert. In der Politik, vor allem dann, wenn es um den Staat geht, ist es wohl manchmal notwendig, sehr grausam zu sein. Wer den Mut dazu nicht aufbringt, kann Disneyland regieren, mehr nicht. Nach welchen Prinzipien also hat Assat operiert?

1. Treffe alle Vorbereitungen insgeheim, der Schlag muß aus blauen Himmel kommen und den Gegner plötzlich treffen. Verrate den Plan nicht, vertusche ihn, wenn nötig, lüge, um zu täuschen und um alles geheimzuhalten.

2. Schlage hart zu, so hart, daß kein zweiter Schlag nötig wird. Wenn du zweimal zuschla-gen mußt, hast du schon verloren. Einmal muß reichen, bring lieber ein paar Gegner zu viel als zu wenig um.

3. Die Schlacht darf sich nicht über Tage und Wochen hinziehen. Schlage also so schnell wie möglich, es kann nicht schnell genug gehen.

4. Mach es öffentlich, versuche nicht, es zu vertuschen und zu verbergen und zu entschul-digen. Das ist der Stolperstein: Wer so getötet hat wie Assad, der kann im Nachhinein nicht sagen, ihn dauerten die die armen Kinder, die armen Frauen, das ganze vergossene Blut und die zerstörten Moscheen und Heiligtümer obendrein. So eine nachgeschobene Weichherzigkeit ist das dümmste und gefährlichste, was man tun kann. Die Botschaft muß anders lauten: Ich habe dies angeordnet und ausgerichtet, weil es notwendig war, und wenn es noch einmal notwendig wird, dann werde ich es nochmals tun.

5. Zuletzt: Laß diese Greuel einen anderen erledigen. Wenn er scheitert, verstoße ihn und versuche etwas anderes. Welches sind nun die Kriterien, nach denen Assads Tat beurteilt wird? Assad ist an der Macht geblieben und nach achtzehn Regierungsjahren in seinem Bett gestorben.

Dies kann man anführen, wenn man fragt, ob sein Tun erfolgreich war. Und 1998 noch besuchte Präsident Bill Clin-ton Damaskus, um mit Assad zusammenzutreffen und politische Fragen zu erörtern. Dies nun kann man anführen, um über das moralische Gedächtnis der Welt zu räsonieren. Wohl war in den Wochen nach dem Massaker der Unmensch Assad in aller Munde; auf lange Sicht aber scheint ihm seine Tat nicht geschadet zu haben, und seinem Land, Syrien, anscheinend auch nicht. Ihm ist ja auch ein Bürgerkrieg, dieser Schrecken ohne Ende, erspart geblieben, weil seine politische Führung ein Ende mit Schrecken wählte. Wie das ausgehen kann, wenn man nicht den Mut hat, entweder dem britischen oder dem syrischen Kurs konsequent zu folgen, kann man dieser Tage an den Amerikanern im Irak studie-ren, vor allem dann, wenn man die Stadt Faludscha betrachtet.

Ursprünglich dachten die Amerikaner wohl, Faludscha sei eine über ihre „Befreier“ glückliche Stadt: Wer so lange und so grausam von Saddam Hussein unterdrückt worden sei, der würde wohl gerne den amerikani-schen Freunden zu Hilfe eilen. Dazu ist es nicht gekommen. Der Terrorismus von Faludscha aus setzte gleich nach dem groß amerikanischen Sieg ein. Monatelang haben die Amerikaner mit den örtlichen Führern verhandelt. Und natürlich haben sie den endlosen Versprechungen geglaubt, obwohl eine nach der anderen gebrochen wurde. Im April 2004 war es dann soweit: Die Amerikaner entschieden sich, Faludscha anzugreifen. Sie haben das erst einmal wochenlang erzählt und dabei lamentiert, wie schwer ihnen dieser Entschluß gefallen sei. Dann traten sie an, mit einer Brigade, die zwar etwas ausrichtete, aber längst keinen durchschlagenden Erfolg verbuchen konnte. Nach ihrem kleinen Angriff haben die Amerikaner geklagt, verhandelt, ein zermürbtes Gesicht gezeigt und wieder geklagt. Und dann haben sie laut nachgedacht und wieder überall herumerzählt, daß sie die Stadt, Faludscha, nun ein zweites Mal angreifen würden. Nach diesem ganzen Palaver war eines klar: In Faludscha würden sich nur noch die Terroristen aufhalten, die nicht entkommen wollten. Und unter denjenigen, die lieber entkommen wollten, würde sich natürlich auch der gesuchte und berüchtigte Abbu Mussad Sarkawi befinden. So mußte der Schlag ins Leere, und dies konnte sich jeder ausrechnen, noch bevor die Amerikaner ihn führten. Im November war es dann so weit, die Amerikaner griffen an und zerstörten Faludscha, ob-wohl es kaum Widerstand gab: Die wenigen Verteidiger hatten keine schweren Waffen, nur Maschinengewehre. Aber die Amerikaner setzten alles ein, was ihnen zur Verfügungstand, und so ist Faludscha heute für nichts und wieder nichts eine Ruine. Kaum war diese Tat getan, kaum war die Stadt zerstört, traten die Amerikaner vor die Presse und klopften sich an die Brust. Es täte ihnen leid, schrecklich leid, man würde die Stadt so schnell wie möglich wieder aufbauen und jedwede humanitäre Hilfe leisten. Aber selbst dieses jämmerliche Versprechen wurde sofort gebrochen, denn am 6. Dezember fielen wieder Bomben auf Faludscha. Was sollen die Iraker denken von solchen „Befreiern“, was sollen die eigenen Soldaten denken von einer solchen Führung? Bereits jetzt kann man Auflösungserscheinungen im amerikani-schen Heer beobachten, Zeichen, die aus der Endphase des Vietnamkriegs bekannt sind. Weil jede Begebenheit, die über die Medien bekannt wird, für fünfzig oder hundert ähnlich gelagerte Fälle steht, kann man das Ausmaß der Zersetzung nur schätzen. Zu retten ist hier jedenfalls nicht mehr viel. Man kann mit einigem Recht sagen, daß auch der amerikanische Versuch der Terrorismusbe-kämpfung im Irak an mangelndem Mut scheitert. Ich habe zwei Wege der Terrorismusbekämp-fung skizziert. Die meisten Regierungen oder Besatzungsmächte haben den Kampf gegen den Terror verloren, weil sie nicht den Mut aufbrachten, sich für die eine oder andere Möglichkeit zu entscheiden und diese Entscheidung auch in die Tat umzusetzen. Beide Wege erfordern enormen Mut, enorme Seelenkraft, jeder auf seine Art und der britische vielleicht noch mehr als der syrische. Denn die Burg der Terroristen zu stürmen, ist ein Vabanque-Spiel; wie die Briten jedoch der disziplinierte, gesetzestreue, den Frieden liebende Soldat zu sein, bedeutet, alle möglichen Provokationen Jahr um Jahr hinzunehmen und seine eiserne Selbstbeherrschung nicht zu verlieren. Die überwältigende Mehrheit derer, die einen Antiterrorkampf zu führen haben, bringt den Mut weder für die brutale noch für die langwierige Methode auf. Diese Mut- und Ratlosigkeit ist der Grund dafür, daß sie hin- und herschwanken zwischen beiden Wegen und alles unglücklich vermischen. Faludscha war unser Beispiel für diesen Schlingerkurs.

Ich weiß nun nicht, was hier in Europa und in Deutschland passieren wird. Aber wenn es hier in fünf oder zehn oder zwanzig Jahren einen Bürgerkrieg geben sollte, entlang der ethnischen Bruchlinien beispielsweise: Dann liegt es daran, daß man sich auch hier nicht rechtzeitig für den einen oder den anderen Weg der erfolgreichen Terrorismusbekämpfung entschieden hat.

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