Ausgewählte Scholien III

Die moderne Tragödie ist nicht die der besiegten, sondern die der triumphierenden Vernunft.

Die Mehrheit der Menschen hat kein Recht, ihre Meinung zu äußern, sondern zuzuhören

Über die körperliche Liebe darf man nicht derb oder hochtrabend reden, sondern mit Leidenschaft oder mit Haß.

Nichts ist abstoßender als das, was der Dummkopf „eine harmonische und ausgeglichene sexuelle Aktivität“ nennt. Die hygienische und methodische Sexualität ist die einzige Perversion, die die Dämonen ebenso verabscheuen wie die Engel.

Die Kunst erzieht niemanden außer den Künstler.

Die demokratische Gesellschaft begnügt sich selbst im besten Fall damit, das Zusammeleben zu sichern.
Die aristokratischen Gesellschaften dagegen errichten auf der menschlichen Scholle einen Palast von Zeremonien und Riten, um den Menschen zu erziehen.

In einer bürgerlichen Ökonomie sind die Menschen Mittel, um Güter zu erwerben.
In einer feudalen Ökonomie sind die Güter Mittel, um Menschen zu erwerben.

Jedermann fühlt sich dem überlegen, was er macht, weil er mehr zu sein glaubt, als er ist.
Niemand glaubt das Wenige zu sein, das er in Wirklichkeit ist.

Mensch ohne „Vorurteile“ bedeutet gewöhnlich Mensch ohne Geistigkeit.
Vorurteile, Aberglauben, Skrupel sind Keime des Geistes, der in einfachen Seelen sprießt. Mit ihnen aufzuräumen, um von den Seelen die Last zu nehmen, die den „freien Ausdruck des Geistes erstickt“, begünstigt lediglich die Erosion dieser armen Böden.
Den gewöhnlichen Menschen von den armseligen Zwangsvorstellungen, die ihn ängstigen, zu befreien, bedeutet nicht, ihn von einer geistig schäbigen Existenz zu erlösen, sondern ihm die einzige ihm zugängliche Geistigkeit zu versagen.

Den Geschmack der Massen charakterisiert nicht ihre Abneigung gegen das Ausgezeichnete, sondern die Passivität, mit der sie gleichermaßen das Gute, das Mittelmäßige und das Schlechte geniessen.
Die Massen haben keinen schlechten Geschmack. Sie haben ganz einfach keinen Geschmack.

Während der Kampf um die Freiheit das edelste aller Vorhaben ist, erniedrigt sich der Mensch in einer freien Gesellschaft.
Die Seele verweichlicht und verkommt, wo alles gesagt und getan werden kann. Die männlichen Anstrengungen, die gefahrvollen Zeugenschaften, die tragischen Spannungen finden ein Ende, und der Mensch, vom Zwang zur Vornehmheit befreit, überläßt sich der natürlichen Gemeinheit seiner Instinkte.
Zuletzt daran gewöhnt, ihre Gegensätze zu tolerieren, enden die Prinzipien in beredsamer Nachgiebigkeit.
Der Preis der Freiheit ist eine fortwährende Abtrünnigkeit.

Kultur hat jener Mensch, bei dem der Lärm der Lebenden nicht das Raunen der Toten verdrängt

Das Wissen um persönliche Würde entspringt im Individuum aus dem Gefühl seiner Verschiedenheit.
Alles was unsere wechselseitige Ähnlichkeit vergrößert, schwächt das Bewußtsein mit Recht verlangen zu können, daß die Gesellschaft unser Schicksal respektiert.

Die Immoralität des Regierenden ist der letzte Schutz des Staatsbürgers gegen die wachsende Macht des Staates.
Vom pflichtvergessenen Beamten kann man Mitleid erhoffen, aber nicht vom Doktrinär.

Nachdem sie nicht erreichte, daß die Menschen praktizieren was sie lehrt, hat die gegenwärtige Kirche beschlossen, zu lehren, was sie praktizieren.

Niemand verachtet so sehr die Dummheit von gestern wie der Dummkopf von heute.

Noch langweiliger als die Arbeit ist die Lobrede auf sie.

Das Leben ist eine Werkstatt von Hierarchien.
Allein der Tod ist Demokrat.

Die kulturelle Propaganda der letzten Jahrzehnte (in den Schulen, der Presse, etc.) hat nicht das Publikum erzogen, sie hat es nur – wie manche Mission – erreicht, daß die Eingeborenen ihre Zeremonien im Verborgenen abhalten.

„Menschenwürde“, „Größe des Menschen“, „Menschenrechte“, etc; verbale Hämorrhagie, die der bloße morgendliche Anblick unseres Gesichtes im Spiegel, beim Rasieren, stillen müßte.

Die wirklichen Probleme haben keine Lösung, sondern Geschichte.

Der Mensch richtet sich blindlings in der irdischen Beständigkeit seines Geschicks ein, während die Substanz der Welt heute durch eine geheime Wunde ins Nichts ausfließt.

Das religiöse Leben beginnt, wenn wir entdecken, daß Gott nicht ein Postulat der Ethik ist, sondern das einzige Abenteuer, in das es sich zu stürzen lohnt.

In den Demokratien, in denen der Egalitarismus verhindert, daß die Bewunderung die Wunde heile, die die fremde Überlegenheit in unseren Seelen aufreißt, wuchert der Neid.
Der Neid ist der schändliche demokratische Ersatz für die Ehrerbietung.

Wenn die Europäer auf ihre Partikularismen verzichten, um den „guten Europäer“ zu zeugen, so sollten wir die Befürchtung hegen, daß sie bloß einen zweiten Nordamerikaner hervorbringen.

Die Türme der Kirche von heute hat der progressive Klerus nicht mit dem Kreuz, dafür aber mit einer Wetterfahne geziert.

Die Dummheit des Alters hält sich für Weisheit, die des Erwachsenen für Erfahrung und die der Jugend für genial.

Wo doch die Dinge, welche das Alter nicht adelt, so selten sind wie die Menschen, welche das Alter adelt, zerstört die moderne Welt die alten Dinge und verlängert das Greisenalter des Menschen.

Wenn der Historiker entdeckt, das sich in einem christlichen Heiligen ein heidnischer Gott versteckt hat, hören alle auf, an den Heiligen zu glauben.
Ich beginne an den Gott zu glauben.

Die Strafe dessen, der sich sucht, ist, daß er sich findet.

Der Terror ist das natürliche Regime einer jeden Gesellschaft ohne Spuren von Feudalismus.

Die dummen Ideen sind unsterblich.
Jede Generation erfindet sie von neuem.

Der Kapitalismus ist abscheulich, weil er den widerlichen Wohlstand bewirkt, den der Sozialismus, der ihn haßt, vergebens versprochen hat.

Die alltäglichste Art Selbstmord zu begehen, ist in unserer Zeit die, sich eine Kugel durch die Seele zu schießen.

Der Reaktionär respektiert nicht alles, was die Geschichte mit sich bringt, aber er respektiert nur, was sie mit sich bringt.

Die gegenwärtige Menschheit hat den Mythos eines vergangenen goldenen Zeitalters durch den eines zukünftigen Zeitalters aus Plastik ersetzt.

Die Anwartschaft auf den Sieg ist für den intelligenten Menschen nur ein Vorwand für den Kampf.

Wenn im Vaterlandsbegriff nicht mehr Tempel und Gräber ihren Stellenwert haben, wenn er zur Summe von Interessen wird, ist Patriotismus unehrenhaft.

Zu sagen, daß die Freiheit in etwas anderem besteht, als zu tun, was wir wollen, ist Lüge.
Daß es andererseits angebracht ist, die Freiheit zu beschränken ist offensichtlich.
Aber der Betrug beginnt, wenn man sie mit den Schranken gleichsetzen will, die man ihr setzt.

Solange wir die Gleichheit nicht in ein Dogma verwandeln, können wir einander als Gleiche behandeln.

Der Schriftsteller, der seine Sätze nicht gefoltert hat, foltert den Leser.

Alles, was den Menschen fühlen läßt, daß das Geheimnis ihn umhüllt, macht ihn intelligenter.

Der Mensch versichert, daß das Leben ihn herabwürdigt, um zu verbergen, daß es ihn lediglich enthüllt.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit scheint heute zwischen der modernen Arbeit und dem modernen Vergnügen zermalmt zu werden.

Die moderne Gesellschaft erniedrigt sich mit solcher Schnelligkeit, daß wir an jedem neuen Morgen mit Nostalgie des Gegners von gestern gedenken.
Die Marxisten fangen schon an, uns als die letzten Aristokraten des Okzidents zu erscheinen.

Was zum Beispiel Ludwig XIV. und Goethe nicht brauchten, kann uns als Kriterium des Unnützen dienen.

Die Liebe ist die Transmutation des erotischen Feldes, die sich ereignet, wenn zwischen seinen Polen ein Ungleichgewicht herrscht.
Zwischen Gleichen gibt es nur Kopulation.

Was kein Speichellecker einem Despoten zu sagen wagt, das sagt der Demokrat dem Volk.


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