Ausgewählte Scholien IV

Der intelligente Optimismus ist nie Glaube an den Fortschritt, sondern Hoffnung auf Wunder.

Die Religionen sterben, nicht aber die Götter.
Nicht einmal die falschen.

Wer sich weigert, Erbe zu sein, stirbt an intellektueller Entkräftung

Nichts Gefährlicheres für den Glauben als mit Gläubigen Umgang zu haben.
Der Ungläubige kräftigt unseren Glauben.

Wenn der Philosoph die Führung abgibt, übernimmt sie der Journalist.

Das Individuum, das eine authentische Berufung hat, ist reaktionär. Welcher Art die Überzeugungen auch seien, die es hegt.
Demokrat ist, wer erwartet, daß die Außenwelt ihm Ziele setzt.

Das Individuum wird erst interessant, wenn es die Illusionen verliert.

Verleumdet wie ein Reaktionär.

Das Wesen der Oberflächlichkeit ist der Haß auf die Widersprüche des Lebens.

Sowohl die heidnische wie auch die romantische Liebe ist unschuldig; lasterhaft ist nur die satte und hygienische Sexualität zwischen Gleichen.

Wenn der Mensch sich nicht von den Göttern in Zucht nehmen läßt, dann nehmen ihn die Dämonen in Zucht.

Das Universum ist nicht System, das heißt: logischer Zusammenhang.
Sondern hierarchische Struktur von Paradoxen.

Nicht eine Restauration ersehnt der Reaktionär, sondern ein neues Wunder.

Um nicht ein Lump zu sein, ist heute eine fast ebenso starke Seele vonnöten wie in anderen Jahrhunderten, um ein Heiliger zu sein.

Der Mensch gewöhnt sich mit entsetzlicher Leichtigkeit an die absolute Häßlichkeit und an das reine Böse.
Eine Hölle ohne Qualen verwandelt sich leicht in einen etwas heißen Urlaubsort.

Der Amtsmißbrauch und die Bestechung sind in demokratischen Zeiten die letzten Schutzräume der Freiheit.

Diese Befreiung der Menschheit, die das 19. Jahrhundert ausgerufen hat, war schließlich nicht mehr als der internationale Tourismus.

Reaktionär sein heißt nicht an bestimmte Lösungen glauben, sondern ein scharfes Gespür für die Komplexität der Probleme zu haben.

Die Urteilssprüche am Tage des Gerichts werden weniger entschieden und emphatisch sein als die eines jeden beliebigen Journalisten über jedes beliebige Thema.

Die Ideen, die am wenigsten auf die Politik Einfluß haben, sind die politischen.

Keine soziale Klasse hat die anderen unverschämter ausgebeutet als die, die sich heute selbst „Staat“ nennt.

„Der Welt entsagen“ hört auf, eine Ruhmestat zu sein, um, in dem Maße wie der Fortschritt fortschreitet, eine Versuchung zu werden.

Die Kunst ist das gefährlichste reaktionäre Ferment in einer demokratischen, industriellen und fortschrittlichen Gesellschaft.

Der materielle Wohlstand erniedrigt weniger als die intellektuellen und moralischen Hilfsmittel zu seiner Erlangung.

Wer ein Individuum mit sich selbst versöhnt, erniedrigt es.

Die kranke Seele gesundet nicht, indem sie ihre armseligen Konflikte unterdrückt, sondern indem sie sich in edle Konflikte stürzt.

Zivilisiert ist die Epoche, die die Intelligenz nicht für die beruflichen Aufgaben reserviert.

„Ein nützliches Glied der Gesellschaft sein“ ist der Ehrgeiz – oder die Entschuldigung – einer Prostituierten.

Die drei Epochen des Kapitalismus: in der ersten ist der Unternehmer geschäftig, um sich Paläste zu errichten; in der zweiten, um seine Gewinne zu reinvestieren; in der dritten, um Steuern zu zahlen.

Das 18. Jahrhundert hinterließ dem neunzehnten seine ganzen Güter – außer dem guten Geschmack.

Wo es möglich ist, zu sagen, was man will, gibt sich niemand die Mühe, nur das zu sagen, was wichtig ist.

Solange die Demokratie ihn nicht bemerkt, kann der kultivierte Mensch in demokratischen Zeiten überleben.

Entweder lernen wir von der griechischen Tragödie, die menschliche Geschichte zu lesen, oder wir lernen sie nie zu lesen.

In der ökonomischen Interpretation der Geschichte kommt eine genuine Überzeugung des Bürgertums zum Ausdruck.

Mensch der Moderne sein heißt den fremden Tod kalten Herzens sehen und nie an den eigenen denken.

Das tätige Leben vertiert.

Die Götter sind seßhaft.

Die Jahre der Jugend genügen in einer zivilisierten Gesellschaft, um die Sensibilität, die Intelligenz, die Seele zu erziehen.
Heute ist dies durch den Einsatz eines ganzen Lebens kaum zu erreichen.

Die Götter sind Landbewohner, die den Menschen nur bis zu den Toren der großen Städte begleiten.

Die große Mehrheit der Menschen glaubt eine Wahl zu treffen, wenn sie geschoben wird.

Die Erfindung ist heute schon nur mehr eine Abhilfe für die vorhergehende Erfindung.

Der Fortschritt ist das Kind der Kenntnis der Natur.
Der Glaube an den Fortschritt ist das Kind der Unkenntnis der Geschichte.

Die Ideen blühen als siegreiche oder unterdrückte, aber verwelken als tolerierte.

Der Prozentsatz von Wählern, die sich der Wahl enthalten, ist Gradmesser für die konkrete Freiheit in einer Demokratie.
Wo die Freiheit fiktiv ist oder wo sie bedroht ist, strebt der Prozentsatz gegen Null.

Um ein Paradies zu errichten, genügt es nicht, das Böse abzuschaffen, wenn das Gute verdorben ist.

Der Mensch kann sich gegen die Inkohärenz des Universums nur mittels einer analogen Inkohärenz schützen.

Der Erotismus ist das letzte Scharmützel gegen die eindringende Belanglosigkeit der Welt.

Nichts von dem, was gegen das Bürgertum gesagt wird, kommt der vollen Wahrheit auch nur nahe.
Aber wer hat in unserer Zeit das Recht, es zu sagen?

Der Frühling ist der Schlaf des ewigen Herbstes der Welt.

Die wirksamste und authentischste revolutionäre Aktivität des modernen Zeitalters war das routinemäßige Ameisengewimmel des Kleinbürgertums.

Wo wir heute die Wörter Ordnung, Autorität, Tradition hören ist jemand dabei zu lügen.

Jede Revolution verschärft die Übelstände, gegen die sie ausbricht.

Nichts ist wichtiger als die Methode. Wir müssen sie ab und zu wechseln.

Die Konzentration der Macht in der egalitären Gesellschaft erlaubt es nur dem obersten Machthaber, frei zu sein.
Die Aufsplitterung der Macht in der hierarchischen Gesellschaft hingegen schafft eine Pyramide von Freiheiten.
Die egalitäre Gesellschaft reiht Epochen der sklavischen Lähmung an Perioden der anarchistischen Konvulsionen.
Das Individuum in der hierarchischen Gesellschaft braucht sich im Gegensatz dazu nicht aufzulehnen, um frei zu sein, noch erniedrigt es sich, wenn es sich nicht auflehnt.

Der Mensch ist Geschöpf oder Gott.
Die Alternative ist abrupt und die Wahl unumgänglich.
Alles was wir denken fällt unter eine der zwei Kategorien.

Gott bewahre uns vor der Reinheit, auf allen Gebieten.
Vor der Mutter des politischen Terrorismus, des religiösen Sektarismus, der ethischen Unbarmherzigkeit, der ästhetischen Sterilität, der philosophischen Albernheit.

Die modernen Seelen verwesen nicht einmal, sie oxydieren.

Der fortschrittliche Kleriker endet in revolutionären Zeiten als Toter, aber nicht als Märtyrer.

Für eine Laufbahn, die der bürgerliche Vater vielleicht unglücklicherweise vereitelt hat: wieviele künstlerische Laufbahnen wäre es nicht verdienstvoll gewesen zu vereiteln!

Die Kommunikation zwischen den Menschen wird erschwert, wenn die Rangstufen verschwinden.
Die Individuen reichen sich nicht die Hand, wenn sie herdenweise verkehren, sondern sie behandeln sich mit Ellenbogenstößen.

Alle Welt ist heute links.
Welche Erleichterung!

Das reaktionäre Denken ist des Irrationalismus angeklagt worden, weil es sich weigert, die Kanones der Vernunft den Vorurteilen des Tages zu opfern.

Der Mensch taucht aus der Animalität mit den Schlägen der Mythen auf wie die Statue aus dem Stein mit den Schlägen der Meißel.

Dem Demokraten genügt es nicht, daß wir respektieren, was er mit seinem Leben machen will, er verlangt darüber hinaus, daß wir respektieren, was er mit uns machen will.

Die gegenwärtige demokratische Alternative: bedrückende Bürokratie oder widerliche Plutokratie ist dabei, sich aufzuheben.
Um zu einem einzigen Terminus zu verschmelzen: opulente Bürokratie.
Widerlich und bedrückend in einem.

So wie der Satz nicht geschrieben ist, so ist der Mensch nicht erzogen, solange man zwischen Form und Inhalt unterscheiden kann.

Das „Leben“ ist so offensichtlich zum obersten Zweck der modernen Welt geworden, daß wer immer für etwas anderes lebt – und sei es fürs Essen – unsere Sympathie erweckt.

Die Universität erzieht, sofern sie den Jugendlichen lehrt, sich für all das zu begeistern, was später nutzlos sein wird.

Nur dem Beschaulichen stirbt die Seele nicht vor dem Körper.

Um sich mit ruhmreichen Namen brüsten zu können muß die moderne Welt die ihrer Feinde ins Treffen führen.

Die echte Größe ist im 20. Jahrhundert so radikal individuell, daß wir gegen den Mißtrauen hegen müssen, der Nachfolger hinterläßt.

Damit das Individuum interessantn sei, muß die Ethik sein Leben komplizieren.

Worauf steuert die Welt zu?
Auf diesselbe Vergänglichkeit, aus der sie kommt.

Alles was eine Tradition unterbricht zwingt zu neuem Anfang.
Und jeder Anfang ist blutig.

Die These der Einheit der Wissenschaft ist kein epistemologische Erfordernis.
Nicht einmal ein intellektuelles Programm.
Sondern angstvolle Verkrampfung angesichts des Geheimnisses.

Einstweilen fällt uns nur die Aufgabe zu, zu verhindern, daß man die Graffiti löscht, die unsere Vorgänger an den Wänden dieses Kerkers hinterlassen haben.

Das Fehlen des kontemplativen Lebens verwandelt das tätige Leben in ein Getümmel pestilenzialischer Ratten.

Die heutige Menschheit teilt sich in Individuen, einfach und hart wie Stahlkugeln, und in Individuen, schwammig und formlos wie ein Haufen schmutziger Fetzen.

Kein Märchen begann jemals so: Es war einmal ein Präsident…

Wie die Adelstitel ist der Aberglaube grotesk, wenn er nciht einmal auf das Mittelalter zurückgeht.

Das einzige politische Regime, das nicht spontan zum Despotismus neigt, ist das feudale.

Meine einzige Angst ist die, daß meine Mittelmäßigkeit entwürdigen könnte, was ich bewundere.

Wenn der Begriff der Pflicht den der Berufung vertreibt, bevölkert sich die Gesellschaft mit verstümmelten Seelen.

Wenn sie schöpferisch wäre, wäre die Einbildungskraft bloße Phantasie.
Die Einbildungskraft ist die Wahrnehmung dessen, was der gewöhnlichen Wahrnehmung entgeht.

Die Wahrheit mag den Aussschlag geben.
Aber nur der Stil rettet.

Das Individuum ist nicht eine Kreuzung von Wegen, sondern der an ihr errichtete geheimnisvolle Kalvarienberg.

Unsere Zeitgenossen schwärzen die Vergangenheit an, um sich nicht vor Scham und Nostalgie umzubringen.

Die Museen sind die Erfindung einer Menschheit, die für die Kunstwerke weder in ihrem Haus noch in ihrem Leben Platz hat.

Jedes aufgehobene Tabu läßt die menschliche Existenz in Richtung auf die Schalheit des Instinkts zurückweichen.

Der Einsame ist der Delegierte der Menschheit für das Wichtige.

Die vulgäre Epistemologie der Naturwissenschaften ist ein burlesker Idealismus, in dem das Gehirn die Rolle des Ichs übernimmt.

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