Ausgewählte Scholien V

Die Nachwelt ist nicht die Gesamtheit der künftigen Generationen.
Sondern eine kleine Gruppe von wohlerzogenen, gebildeten Menschen mit Geschmack in jeder Generation.

Je lebhafter und intensiver unsere Wahrnehmung des Sichtbaren ist, umso deutlicher fühlen wir die Realität des Unsichtbaren.

Die modernen Probleme bedürfen nicht der Lösung, sondern der Abtreibung.

Die Fähigkeit unter bestimmten Bedingungen zu überleben ist ein Beweis der Minderwertigkeit dessen, dem es gelingt.

Alles im Mittelalter, von einer romanischen Kirche oder einem Lehnsverhältnis bis zu einem gotischen Kreuzweg oder einem Pilger aus Canterbury ist urwüchsig, sinnlich, konkret.
Denn der mittelalterliche Mensch empfand die Transzendenz als ein wahrnehmbares Attribut des Objektes.

Damit eine Gesellschaft blühe, ist ein schwacher Staat und eine starke Regierung vonnöten.

Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierkorps.

Künstlich die Triebe zu wecken, um sich an ihrer Befriedigung zu bereichern, ist das unverzeihliche Verbrechen des Kapitalismus.

Die Tugenden ohne Höflichkeit sind geringerer ethischer Herkunft als die höflichen Laster.

Nur aus dem Schwert und aus dem Weizen strömt das Geld ohne Schandfleck.

Wer alles verzeiht, weil er alles versteht, hat bloß nichts verstanden.

Wenn das Objekt seine sinnliche Fülle verliert, um sich in ein Instrument oder ein Zeichen zu verwandeln, verdunstet die Realität und Gott entweicht.

Die abstrakten Wissenschaften sind dem Jugendlichen angemessen.
Der Erwachsene bewegt sich in einer so überreichen und dichten Realität, daß ihm, wenn er intelligent ist, nur der Mythos zufriedenstellt.

Die moderne Welt wird nicht bestraft werden.
Sie ist die Strafe.

Die Seele ist nicht im Körper, sondern der Körper ist in ihr.
Aber wir ertasten sie im Körper.
Das Absolute ist nicht in der Geschichte, sondern die Geschichte in ihm.
Aber wir entdecken es in der Geschichte.

Die Intelligenz darf sich nicht der Ausschmückung unserer gegenwärtigen Gefangenschaft widmen, sondern der Aufgabe, mit allen Mitteln unserer Flucht Vorschub zu leisten.

Ein industrialisiertes Land ist ein solches, in dem die Flüsse den, der in ihnen badet nicht ertränken, sondern vergiften.

Selbst der Teufel scheint den gegenwärtigen Menschen verlassen zu haben.

Der moderne Optimismus ist ein kommerzielles Produkt, geeignet als Schmiermittel für das Funktionieren der Industrie.

Liberale Ära nennen wir die vier Jahrhunderte, die die Liquidierung der mittelalterlichen Freiheiten dauerte.

Wer nicht bereit ist, von Zeit zu Zeit seine Prinzipien zu verletzen, endet eher als Mörder denn als Märtyrer.

Der gegenwärtige Mensch schwankt zwischen der sterilen Strenge des Gesetzes und der vulgären Unordnung des Instinkts.
Disziplin, Höflichkeit, guter Geschmack sind ihm fremd.

Der Schwachsinn wechselt in jeder Epoche sein Thema, damit er nicht erkannt wird.

Die Liebe unschuldig?
Vielleicht wie eine hungrige Raubkatze.

Das Lächeln, mit dem das Schwein dem zuhört, der den Schlamm kritisiert!

Uns vor einer Mehrheit zu beugen ist nur vernünftig, wenn wir ohne Waffen sind.

Der Haß auf die Vergangenheit ist ein eindeutiges Symptom einer Gesellschaft, die verpöbelt.

Die authentische Kunst dieses Jahrhunderts ist eine Erforschung der Leere, eine Bestandsaufnahme der Abwesenheit.

Die Geschichte verdankt ihre Bedeutung den Werten, die in ihr auftauchen, nicht den Menschheiten, die in ihr Schiffbruch erleiden.

Philosophieren heißt nicht Probleme lösen, sondern sie auf einem bestimmten Niveau leben.

Die Vergangenheit ist die Quelle der Poesie; die Zukunft ist das Arsenal der Rhetorik.

Heute sind wir nicht Zeugen einer Krise, sondern halten Totenwache bei einem Kadaver.

Die Demokratie hat den Terror als Mittel und den Totalitarismus als Zweck.

Der Tyrannenmord muß heute im Erdolchen gewisser Ideen bestehen.

Die linken Ideologien sind die Strategie, mit der das Kleinbürgertum sich der Welt bemächtigt hat.

Der moderne Staat wird sein Wesen verwirklichen, wenn die Polizei, wie Gott, allen menschlichen Akten beiwohnen wird.

Gegen die heutige Welt konspirieren wirksam nur die, die insgeheim die Bewunderung der Schönheit verbreiten.

Die Menschen drängen sich in der modernen Welt voller Angst zusammen – wie Ratten im Labyrinth eines Versuchslabors.

Der Mensch bewundert aufrichtig nur das Unverdiente.
Talent, Abstammung, Schönheit.

Im vergangenen Jahrhundert konnte man befürchten, daß die modernen Ideen recht haben würden.
Heute sehen wir, daß sie sich nur durchgesetzt haben.

Die Irrtümer des großen Mannes schmerzen uns, weil sie Anlaß dazu geben, daß ein Dummkopf sie richtig stellt.

So wie das Böse der erste Verrat war, ist der Verrat die einzige Sünde.

Die Individuen gleichen einander in der modernen Gesellschaft täglich mehr – und täglich haben sie miteinander weniger zu tun.
Identische Monaden, die sich mit blindwütigem Individualismus gegenübertreten.

Die Tiefe der menschlichen Seele kennen nur der Slavenhändler und der Kuppler.

Daß man lokal sein konnte ohne provinziell zu sein war eines der mittelalterlichen Wunder.

Die Nachwelt ist die winzige Minderheit, der die Vergangenheit wichtig ist.

Wer sich respektiert kann heute nur in den Zwischenräumen der Gesellschaft leben.

Der Wert ist gewöhnlich kurze Zeit verbindlich, aber er ist ewig gültig.

Marx war der einzige Marxist, den der Marxismus nicht verdummt hat.

Die Prosa Cäsars ist die Stimme des Patriziats selbst:
hart, einfach, klar.
Die Aristokratie ist nicht ein Haufen Flittergold, sondern eine schneidend scharfe Stimme.

Keine Arbeit entehrt, aber alle setzen herab.

Ein echter Leser ist der, der zum Vergnügen die Bücher liest, die die anderen nur studieren.

Das Leben verlangt von uns, daß wir zu Schlußfolgerungen gelangen, aber nicht, daß wir auf sie vertrauen.

Der moderne Mensch versucht mit der Unzucht, der Gewalt und der Niederträchtigkeit die Unschuld eines höllischen Paradieses zu schaffen.

Die „Diktatur des Proletariats“ wäre weniger erschreckend, wenn sie nicht die Regierung des Kleinbürgertums wäre.

Den Linken, der gleichermaßen gegen linke und gegen rechte Verbrechen protestiert, nennen seine Kameraden mit Recht reaktionär.

Der Reaktionär ist der Wächter des Erbes.
Selbst des Erbes des Revolutionärs.

Für die Nachwelt schreiben heißt nicht sich danach sehnen, daß man uns morgen liest.
Es heißt nach einer bestimmten Qualität der Schrift trachten.
Selbst wenn uns niemand läse.

Ich gehöre nicht einer Welt an, die untergeht.
Ich verlängere und übermittle eine Wahrheit, die nicht stirbt.


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