Der freie Wahlentscheid

Einiges handelt ohne Urteil: wie der Stein sich nach unten bewegt; und ähnlich alles, was erkenntnislos ist. – Etliches aber handelt mit Urteil, aber nicht mit einem freien; wie die tierischen Seelwesen. Es urteilt nämlich das Schaf, wenn es den Wolf sieht, es müsse ihn fliehen, mit einem natürlichen und nicht mit einem freien Urteil: denn es hat dies Urteil nicht aus einer Verrechnung, sondern aus naturhaftem Innenantrieb (instinetu).

Aber der Mensch handelt mit Urteil, weil er durch die Erkenntniskraft das Urteil aufstellt, etwas sei zu fliehen oder zu verfolgen. Aber weil dieses Urteil nicht aus dem natürlichen Innenantrieb für das einzelbesondere Wirkbare erfolgt, sondern aus einer gewissen Verrechnung in der Vernunft, so handelt er deswegen mit freiem Wahlentscheid, indem er sich auf Verschiedenes hin gehen lassen kann.

Beim Freifälligen kann nämlich die Vernunft entgegengesetzte Wege gehen; wie es bei den schulischen Schlußfolgerungen und den rednerischen Überredungen zum Vorschein kommt. Das teilbesondere Wirkbare aber ist eine Art von Freifälligem (contingentia): und deswegen kann in seinem Umkreis das Vernunfturteil eine verschiedene Stellung einnehmen und ist nicht auf nur eine einbesteckt.

Angsichts dessen hat der Mensch notwendig eben daher, daß er vernünftig ist, freien Wahlentscheid.

Thomas von Aquino; Summe der Theologie; Gott und Schöpfung; 83. Untersuchung; DER FREIE WAHLENTSCHEID; Erster Artikel

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