Der Wert der Religion

Wie stark das Gesicht einer menschlichen Gemeinschaft und das Leben des Einzelnen in ihr von der Religion geprägt wird, kann man kaum besser schildern, als Guardini es in seinem Buch über die Gestalten in Dostojewskijs Romanen getan hat. Das Leben dieser Gestalten ist vom Kampf um die religiöse Wahrheit in jedem Augenblick erfüllt, es ist gewissermaßen vom christlichen Geist durchtränkt, und so spielt es nicht einmal eine besonders wichtige Rolle, ob diese Menschen im Kampf um das Gute siegen oder unterliegen. Auch die größten Schurken unter ihnen wissen noch, was gut und was böse ist, sie messen ihr Tun an den Leitbildern, die das christliche Vertrauen ihnen gegeben hat. Hier gleitet auch der bekannte Einwand gegen die christliche Religion ab, daß die Menschen sich in der christlichen Welt genauso schrecklich aufgeführt hätten wie außerhalb. Das ist zwar leider wahr, aber die Menschen bewahren in ihr ein klares Unterscheidungsvermögen von gut und böse; und nur dort, wo dies noch vorhanden ist, bleibt die Hoffnung auf Besserung.

Wo keine Leitbilder mehr den Weg bezeichnen, verschwindet mit der Wertskala auch der Sinn unseres Tuns und Leidens, und am Ende können nur Negation und Verzweiflung stehen. Die Religion ist also die Grundlage der Ethik, und die Ethik ist die Voraussetzung des Lebens. Denn wir müssen ja täglich Entscheidungen treffen, wir müssen die Werte wissen oder mindestens ahnen, nach denen wir unser Handeln ausrichten. An dieser Stelle erkennt man auch den charakteristischen Unterschied zwischen den eigentlichen Religionen, in denen der geistige Bereich, die zentrale geistige Ordnung der Dinge eine entscheidende Rolle spielt, und den engeren Denkformen, besonders unserer Zeit, die sich nur auf die gerade erfahrbare Gestalt einer menschlichen Gemeinschaft beziehen. Solche Denkformen gibt es in den liberalen Demokratien des Westens ebenso wie in den totalitären Staatsgebilden des Ostens. Zwar wird auch hier eine Ethik formuliert, aber es wird von einer Norm des sittlichen Verhaltens gesprochen, und diese Norm wird aus einer Weltanschauung, d.h. aus dem Anschauen der unmittelbar sichtbaren, erfahrbaren Welt hergeleitet.

Die eigentliche Religion aber spricht nicht von Normen, sondern von Leitbildern, nach denen wir unser Tun richten sollen und denen wir bestenfalls nahekommen können. Und diese Leitbilder entstammen nicht dem Anschauen der unmittelbar sichtbaren Welt, sondern dem Bereich der dahinter liegenden Strukturen, von dem Plato als dem Reich der Ideen gesprochen hat und über den in der Bibel der Satz steht: Gott ist Geist. Die Religion ist aber nicht nur die Grundlage der Ethik, sie ist, und auch dies können wir von Guardini lernen, vor allem die Grundlage des Vertrauens. So wie wir als Kinder die Sprache lernen und die in ihr mögliche Verständigung als wichtigsten Bestandteil des Vertrauens zu den Menschen empfinden, so entsteht aus den Bildern und Gleichnissen der Religion, die ja auch eine Art dichterische Sprache darstellen, das Vertrauen in die Welt, in den Sinn unseres Daseins in ihr. Die Tatsache, daß es viele verschiedene Sprachen gibt, ist dabei gar kein Einwand, auch nicht der Umstand, daß wir scheinbar zufällig in einen bestimmten Sprachraum oder Religionsbereich hineingeboren sind und davon geprägt werden. Wichtig ist ja nur, daß wir in dieses Vertrauen zur Welt hineingeführt werden, und das kann in jeder Sprache geschehen.

Für die Menschen aus dem russischen Volk zum Beispiel, die in Dostojewskijs Romanen auftreten und über die Guardini schreibt, ist das Wirken Gottes in der Welt ein stets wiederholtes unmittelbares Erlebnis, und so erneuert sich ihr Vertrauen immer wieder, auch wenn die äußere Not dem scheinbar unerbittlich im Wege steht. Schließlich ist die Religion, wie ich schon sagte, von entscheidender Bedeutung für die Kunst. Wenn wir, so wie wir es getan haben, mit Religion einfach die geistige Gestalt bezeichnen, in die eine menschliche Gemeinschaft hineingewachsen ist, so ist es fast selbstverständlich, daß auch die Kunst ein Ausdruck der Religion sein muß. Ein Blick in die Geschichte der verschiedensten Kulturkreise lehrt, daß man in der Tat die geistige Gestalt einer früheren Zeit am unmittelbarsten aus den noch erhaltenen Kunstwerken erschließen kann, selbst wenn man die religiöse Lehre, in der die geistige Gestalt formuliert worden ist, kaum mehr kennt.

aus: Werner Heisenberg, Schritte über Grenzen, Gesammtelte Reden und Ausätze, München 19774 ; zitiert nach: H. Rössner, Der nahe und der ferne Gott, Berlin 1981, S. 172-184 (Auszug)

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