Der Staat ist kein Nachtwächter

Von Alain de Benoist

Auch die Ideologie der Menschenrechte weist schon innerhalb ihrer Formulierung jene allgemeine Ohnmacht auf, zu der die liberale Lehre führt. In der Tat: sie redet immer mehr von den Menschenrechten, rüstet sich aber gleichzeitig immer seltener mit den Mitteln und der (Geistes-)Verfassung aus, die zu deren Anwendung und Beachtung erforderlich sind. Sie beinhaltet übrigens einen doppelten Betrug. Zum einen bedingt sie die Verneinung des Politischen, das der Moral angegliedert wird; letztere wiederum hängt mit der Wirtschaft zusammen. Zum anderen bedingt sie gemäß den Richtsätzen des Liberalismus die Verneinung der nationalen Selbstbestimmungsrechte, den Glauben an ein quasimetaphysisches internationales Recht, das sich dem Willen der Gegner entzieht, die Verneinung schließlich jeglicher auf dem nationalen Interesse fußenden Außenpolitik (und nicht auf der mehr oder weniger aufgezwungenen Zustimmung universaler Werte, deren Existenz noch zu beweisen ist).

Der liberale Bereich bietet nunmehr folgendes Bild: Die Politik ist auf die Rolle des Kundendienstes eingeschränkt, auf das Umsetzen der vom wirtschaftlichen Lenkungsapparat getroffenen Entscheidungen; das Heer ist zu einem Hilfsdienst der Politik geworden, der Staat zum Nachtwächter, die Außenpolitik zu auswärtigen Beziehungen1, die führenden Persönlichkeiten zu Geschäftsführenden, die Nationen zu Märkten – das Bild des liberalen Bereichs, das seine Teilhaber (bewußt oder nicht) zu vergessen suchten, und zwar mit jenen Zivilisationskrankheiten als Folgen des psychologischen und sozialen Verdrängten: Gewalt, Kriminalität, Droge. Manche befürchten das plötzliche Eintreffen schwerer Umwälzungen.

Sie fürchten den Krieg oder einfach die Krise. Dies ist jedoch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste wäre eher die Ankunft und weltweite Verbreitung einer Gesellschaftsform, in der sich Historisches nicht mehr zutragen würde; eine Gesellschaft, die, wie das amerikanische Antimodell, sich stets gleichbliebe. Die größte Gefahr, die uns heutzutage droht, wären nicht etwa die Auswirkungen der Wandelbarkeit des historischen Geschehens, sondern das Ergebnis vom Ende der Geschichte. Das in der (F-)Lauheit geborene Risiko, und nicht das aus der Steigerung erwachsende, ist am meisten zu fürchten; wir meinen das verallgemeinerte Übergreifen der liberalen Denkhaltung oder Ideologie. Bereits in dem Artikel Gelassenheit (Pfullingen, 1959) wies Martin Heidegger auf die gefährliche Lage der Menschheit hin. Sie gründe allerdings nicht ausschließlich in dem möglichen Ausbruch eines dritten Weltkriegs, der die Menschheit ausrotten würde. Eine viel größere Gefahr bedrohe nämlich das atomare Zeitalter – gerade wenn das Risiko eines dritten Weltkriegs abgewendet werden könnte. Diese sei die Allmacht der rechnenden Denkhaltung; durch die Verdrängung des sinnenden Denkens, also durch die Gedankenlosigkeit hätte der Mensch das verleugnet und verworfen, was ihn besonders auszeichnet, nämlich, daß er ein denkendes Wesen ist.

Zu einer Zeit, da die »Hexenjagd« in Frankreich vielfach angeprangert wird, müssen wir eine noch schlimmere Art der Unterdrückung verurteilen: die Inter-Neutralisierung der Informationen und die sogenannte »Schweigespirale~«: die Tatsache, daß ein von den Massenmedien nicht beachtetes Ereignis ein Ereignis ist, das sich nicht zugetragen hat; die Tatsache, daß der Schein überall dem Sein vorausgeht, es über-verwirklicht und erstickt. Es ist zwar wenig erfreulich, daß eine Gesellschaft sich in die unseren Bestrebungen entgegengesetzte Richtung bewegt. Das Schlimmste wäre aber, daß sie sich Oberhaupt in keine mehr bewegt; daß sie das wird, was sie bereits zu werden angefangen hat: eine Nonsens-Gesellschaft2. »Freiheit führt zur Gleichgültigkeit«, äußerte Vladimir Bukowsky. Denselben Standpunkt vertrat Solschenizyn, als er zu der Feststellung gelangte, er habe ein Land verlassen, wo man nichts sagen durfte, dennoch zumindest die Hoffnung behielt, in ein
solches zu kommen, in dem man alles sagen darf in dem dies aber zu nichts führt. Kurzum, das Schlimmste wäre heute nicht eine Weltexplosion, sondern eine Weltimplosion. »Die geheime Gewalt ist schrecklicher als die offene Gewalt«, zeichnete Ernst Jünger (Journal IV v. 6. September 1945) auf. Er schrieb ebenfalls: »Die Versklavung kann erheblich zunehmen, wenn man ihr einen Anschein von Freiheit verleiht.« Es ist anerkannte Tatsache, daß eine Drohung um so entsetzlicher ist, je weniger sie empfunden wird. Die klassischen Erscheinungsformen der Tyrannei haben zumeist den Vorteil, einen Widerstand hervorzurufen. Ihr Hauptgegner ist die Dauer: je länger sie dauern, desto mehr Aussichten haben sie, als unerträglich empfunden zu werden. Die liberale Tyrannei dagegen nährt die Illusion über ihren eigenen Grundsatz. Sie gibt sich als Freiheit gerade dann aus, wenn sie unterdrückt. Sie greift allerdings auf feinere Mittel zurück. Die Diktatur der Massenmedien und die Spirale des Schweigens erweisen sich als wirksamer denn Verhaftungen und Lager. Im Westen braucht man nicht zu töten; es genügt vollkommen, das Mikrophon abzukappen.

Das Mundtot-Machen ist eine durchaus elegante Form des Mordes, die praktisch zum gleichen Ergebnis wie der Totschlag führt – mit dem guten Gewissen dazu, dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist: es finden sich nämlich kaum Personen, die zum reinen Vergnügen einsperren oder töten. Die Tatsache, daß alle in den Industrieländern zu verzeichnenden Aufstände der letzten dreißig Jahre im Osten stattfanden, bedeutet noch lange nicht, daß die Lebensbedingungen der Völker als Völker im Westen besser sind. Sie kann ebensogut bedeuten, daß der Zustand kollektiver Unterdrückung nicht deutlich genug im Westen wahrgenommen wird, um den Aufruhr hervorzurufen. An diesem Ort geht es keineswegs darum, jene formalen Freiheiten einfach zu verspotten, wie manche linientreu gebliebene Marxisten es zu tun pflegen. Es geht vielmehr um den Nachweis, daß die »kollektive Freiheit« – das heißt die Freiheit für ein Volk, es selbst zu sein und die Möglichkeit einer Schicksalsgebung weiterhin zu nutzen – sich nicht aus der einfachen Summierung aller individuellen Freiheiten ergibt, daß sie anderer Natur ist.

Es geht ferner um die Einsicht darin, daß die den Individuen von der liberalen Gesellschaftsform zugestandenen Freiheiten sehr häufig keine sind, daß sie lediglich ein Scheinbild dessen darstellen, was tatsächlich Freiheiten sein könnten. Es genügt nämlich nicht, etwas tun zu dürfen: Unsere Tat muß einfach auf den Lauf der Dinge einwirken können. Nun aber zeigen sich die liberalen Gesellschaftsformen anscheinend nur in dem Maße erlaubfreudig, wie die allgemeine Makrostabilität des Systems immer mehr dazu neigt, den hier und da in seinem Rahmen ergriffenen Initiativen jedwede reelle Wirksamkeit abzuerkennen.

Das Überhandnehmen der Freiheiten innerhalb dieser Gesellschaften entspräche somit einer immer größer werdenden Unwirksamkeit in der Tätigkeit ihrer Mitglieder oder Teilhaber. Der Bereich, innerhalb dessen man alles machen kann, erweitert sich, sofern das, was man dort macht, nutzlos ist. Freiheit läßt sich nicht auf die Vorstellung zurückführen, die man davon hat. Der Sklave und der Roboter können sich durchaus als frei vorkommen. Dazu reicht es, wenn sie jegliche Möglichkeit verloren haben, sich das vor-zustellen, was ihre Freiheit tatsächlich sein könnte. Das Freiheitsbewußtsein ist nicht von einer gründenden Anthropologie des Menschen zu trennen des Menschen als Schmied seines eigenen Schicksals, als Urheber seiner eigenen Freiheit, als Baumeister seines zum Wagnis und zur ständigen Herausforderung erhobenen individuellen und kollektiven Wesens. Diktaturerscheinungen verwunden die Individuen häufig unter abscheulichen Bedingungen; sie vermögen aber nicht, die Völker zu töten. Der Untergang wiederum läßt die Völker sachte verschwinden. Das ist der Grund, weshalb die Individuen, einzeln betrachtet, den Sozialismus meiden, wohingegen die Völker als kollektive Erscheinung sich ihm öfter anschließen.

1: Anm. d. Übers.: Seit Mitterrands Regierungsantritt hat Frankreich keinen Außenminister mehr, sondern einen Minister für auswärtige Beziehungen

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